Medienkontrolle: Schleich dich, Werbung!
13.April 2008
Wie Pro Sieben und Sat.1 die Grenzen zwischen Programm und Werbung verwischen und warum die Medienkontrolleure dagegen machtlos sind
Der Text steht hier bei FAZ.NET.
Der längste Werbespot der Welt läuft donnerstagabends bei Pro Sieben, hat dreieinhalb Millionen Zuschauer und wird moderiert von Heidi Klum. “Germany’s Next Topmodel” ist ein Traum für junge Frauen, die auf dem Laufsteg erfolgreich sein wollen. Und ein Fest für den Sender, weil der darin werben kann, bis es nicht mehr geht. Und selbst dann geht meistens noch ein bisschen mehr.
Sponsor von “Germany’s Next Topmodel” ist VW, wo Klum mit ihrem Ehemann Seal sowieso schon unter Vertrag steht. Ein paar Mal pro Sendung saust ein Volkswagen durchs Bild und erinnert: “Germany’s Next Topmodel wird präsentiert von VW”. Die Textilkette C&A verpflichtet sich, eine Kampagne mit der Siegerin zu machen. Aber schon vorher gehen die Kandidatinnen zum C&A-Casting, um für einen Werbefilm vorzusprechen, der zwei Wochen später in den Werbepausen der Sendung läuft. Im Abspann wird über zwanzig Unternehmen für die “freundliche Unterstützung” gedankt, etwa dem Wasserabfüller Bella Fontanis, dessen “Markenbotschafterin” Klum seit kurzem ist, oder dem Fitnessstudiobetreiber McFit, der neulich einen McFit-Trainer in die Model-Villa schickte, der explizit als solcher vorgestellt wurde. Und Boris Entrup, in der Sendung zuständig fürs Make-up, gibt nach jeder Folge Schminktipps, die auf die Produkte von Maybelline Jade abgestimmt sind, dem “offiziellen Partner” der Sendung.





Screenshots: Pro Sieben
Macht ja nichts, so ist das eben im werbefinanzierten Fernsehen, kann man jetzt sagen. Macht aber doch was, weil Pro Sieben, um möglichst viele Werbebotschaften unterzubringen, auch nichts dagegen hat, die gesetzlichen Regelungen zur Kennzeichnung von Werbung phantasievoll umzudeuten. Wo das Programm aufhört und wo die Werbung anfängt, ist für die Zuschauer kaum unterscheidbar. Die zuständige Landesmedienanstalt MABB in Berlin hat bei “Germany’s Next Topmodel” bisher keine Verstöße feststellen können. Aber man prüfe das jetzt, heißt es auf Anfrage. Das kann dauern.
Zu schummeln versucht haben die Sender schon immer, neu ist aber, mit welcher Dreistigkeit zum Beispiel Pro Sieben vorgeht. Die Schminktipps von Boris Entrup sind ganz klar eine Dauerwerbesendung im Auftrag des Kosmetikherstellers Maybelline Jade – aber Pro Sieben schreibt lieber “Promotion” drunter, das hört sich positiver an. Im Rundfunkstaatsvertrag, der auch die Kennzeichnung von Werbung regelt, steht: Eine Dauerwerbesendung muss während ihrer gesamten Laufzeit “als solche” benannt sein. Und da beweist Pro Sieben Humor: “als solche” bedeute doch bloß, dass man sie überhaupt kenntlich machen müsse – und das geschehe ja auch.
Dabei hat der Sender im vergangenen Jahr wegen eines ähnlichen Falls bereits eine Beschwerde der MABB kassiert: Die hatte angemahnt, dass die Dauerwerbesendung “Mein Styling, meine Quelle”, in der Zuschauer mit Produkten aus dem Versandhaus eingekleidet wurden, als “Promotion” getarnt war – das sei nicht zulässig. Pro Sieben klagte beim Verwaltungsgericht Berlin gegen die Beschwerde. Seit Januar wird auf ein Urteil gewartet. Auch das kann dauern. Bis dahin ist die Beschwerde der MABB gültig. Das heißt: Pro Sieben darf diese Praxis nicht weiterführen, solange es keinen Gerichtsbeschluss gibt. Jedenfalls nicht bei “Mein Styling, meine Quelle”, das einfach zu Sat.1 verschoben wurde. Gegen diese Vorläufigkeit hat Pro Sieben beim Verwaltungsgericht ein eigenes Verfahren angestrengt. Jetzt muss zuerst entschieden werden, ob die MABB-Beschwerde bis zum endgültigen Beschluss im Hauptverfahren gültig ist. Wie absurd: Der Sender klagt gegen eine Vorgabe, die ihm eh egal ist, weil er sie ja bei anderen Sendungen bereits ignoriert.
Es ist besser, man beschäftigt sich nicht so genau mit der Medienregulierung in Deutschland. Das macht bloß schlechte Laune, und hinterher bleibt der Eindruck, dass es für die Zuschauer sowieso keinen Unterschied macht, ob den Sendern einer auf die Finger schaut oder nicht. Entweder setzen sich die Programmveranstalter vor Gericht gegen Beschwerden durch. Oder die Regulierer bekommen erst Jahre nach der Ausstrahlung einer beanstandeten Sendung recht. Im vergangenen Jahr hat Pro Sieben ein Verfahren wegen vermeintlicher Schleichwerbung gewonnen. Die Beschwerde, um die es ging, stammte aus dem Jahr 2000.
Die Landesmedienanstalten, die die Sender beaufsichtigen sollen, können wenig tun gegen den Ideenreichtum der Sender. Manchmal hat man das Gefühl, sie wollen es auch gar nicht. “Kaum stellen wir eine neue Regel auf, versucht der Programmveranstalter einen Weg zu finden, wie er die Regel umgehen kann”, sagt Norbert Schneider, Direktor der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen (LfM) und Direktor der gemeinsamen Prüfstelle GSPWM, deren Namen man besser nicht ausgeschrieben lesen möchte. Von schärferen Vorgaben im Rundfunkstaatsvertrag, der gerade von der Politik renoviert wird, hält Schneider nichts: “Wir fischen schon das Gröbste weg.” Eigentlich aber haben die Regulierer den Wettlauf mit den Richtlinienauslegern der Gegenseite längst verloren gegeben. Dass sich das ändert, wenn ab Herbst die neue gemeinsame Stelle namens ZAK schneller entscheiden kann, darf bezweifelt werden.
Es gibt zwar schon jetzt sogenannte “Gemeinsame Richtlinien” der Landesmedienanstalten, die das, was im Gesetz steht, genauer definieren und zuletzt vor acht Jahren überarbeitet wurden – eine Ewigkeit in der Branche. Aber auf Nachfrage bestätigen sowohl Pro Sieben als auch Sat.1, dass sie diese für nicht rechtsgültig halten: “Die Rundfunksender sind allein dem Gesetz verpflichtet”, sagt eine Pro-Sieben-Sprecherin. Konkret heißt das: In Deutschland gibt es ein ausführliches Regelwerk zur Trennung von Werbung und Programm, das von denen, die sich daran halten sollen, schlicht ignoriert wird.
Dabei lohnt es sich manchmal auch für die Kontrolleure, hartnäckig zu sein. Mitte Februar bestätigte das Verwaltungsgericht Neustadt/Weinstraße eine Beschwerde der Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz (LMK) gegen Sat.1, das wegen Schleichwerbung in der Ostershow “Jetzt geht’s um die Eier” aus dem Jahr 2006 angemahnt wurde und ebenfalls Klage eingereicht hatte. In der Sendung saß ein überdimensionierter Lindt-Schokohase in der Dekoration, auf Bannern wurde für die Firma Lindt geworben. Sat.1 sagt, man habe keinen Einfluss auf die Dekoration gehabt, dafür sei der beauftragte Veranstalter verantwortlich. Der Sender habe bloß die Übertragungsrechte gekauft – wie das bei Sportveranstaltungen üblich ist. Veranstalter war offiziell die PS Event GmbH – die laut Geschäftsbericht zu 100 Prozent ProSiebenSat.1 gehört. Produzent war übrigens die Firma Die Fernsehmacher, deren Geschäftsführer ZDF-Moderator Johannes B. Kerner ist.
Das Gericht wollte der Argumentation nicht folgen und bestätigte die Beschwerde. Sat.1 hat Berufung eingelegt. Man rechne damit, dass die Angelegenheit schon gegen Ende des Jahres entschieden werden könne, heißt es bei der LMK optimistisch. Sat.1 kann der Aufschub nur recht sein. Schon Anfang Februar lief die Wintershow “Jetzt wird eingeseift” – ohne Hasen, aber dafür mit umso auffälligerer Bandenwerbung für einen Stromanbieter. Auch Sat.1 hält es offenbar nicht für notwendig, von den Landesmedienanstalten kritisierte Praktiken zumindest so lange auszusetzen, bis ein Gerichtsurteil endgültig Klarheit schafft. Es wird einfach weitergeworben.
Noch so ein Fall ist Stefan Raabs “Wok WM”. Bei der werden Teams nach Nahrungsmittelherstellern, Autofabrikanten oder Wettanbietern benannt, in der Bobbahn müssen alle durch den “Burger King Feuerkreisel”, es gibt keine Kameraeinstellung, bei der nicht ein Sponsor ins Auge fallen würde. Das hat im vergangenen Jahr auch die MABB angemahnt. In diesen Tagen erhält sie nun erstmals Einsicht in die Verträge zwischen Pro Sieben, der Produktionsfirma Brainpool und – der PS Event GmbH, die wieder Veranstalter gewesen sei und deshalb verantwortlich für die Werbung vor Ort, argumentiert Pro Sieben. Bisher existiert nicht einmal eine abschließende Beschwerde, aber wenn es so weit ist, wird Pro Sieben sicher dagegen klagen. Vor fünf Wochen zeigte der Sender bereits die nächste “Wok WM”. Auf den ersten drei Plätzen landeten die Teams Frosta-Gold-Wok, Seat-Weltmeister-Wok und HRS.de-TV-Wok.
“Ich bin für ganz wenige Regeln. Ein Programm, das mit Werbung zugepflastert ist, wird vom Publikum auf Dauer nicht goutiert werden”, sagt Norbert Schneider. Und wenn doch, finden die Sender ja eh einen Weg, sich vor Konsequenzen zu drücken. So funktioniert Medienregulierung in Deutschland. Meistens nämlich nur: auf gut Glück.
(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Siehe auch: “Pro Sieben Sat.1: Regelverstöße mit System”
Artikel gespeichert unter: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
bisher 30 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben
1. Mario H. | 13.April 2008 at 21:10
Ich möchte ja keine Werbung für die Konkurrenz machen, aber bei Bildblog kommen auch dauernd solche Fälle vor – nur eben alle von der B-Zeitung.
Letzten Endes müssen die Zuschauer entscheiden, was sie sehen wollen und vom wem für dumm verkauft. Leider aber ist die Medienkompetenz hierzulande auf einen niedrigem Niveau. Wobei auch (vermeintlich) seriöse Medien nicht immer fair mit ihren Lesern, Zuschauern… umgehen.
2. Fab | 13.April 2008 at 22:28
der artikel wirft für mich fragen auf:
ab wann ist werbung eigentlich schleichwerbung?
ich meine egal zu welcher zeit ich den fernseher einschalte, auf irgendeinem sender läuft so oder so irgendeine art werbung, ob unterschwellig oder nicht…
schaut euch mal ein fussballspiel an. hat sich je irgendjemand darüber beschwert, dass jeder spieler eine riesige werbefläche darstellt (die nicht als solche gekennzeichnet ist)? und wenn kein spieler im bild ist dann ist es bandenwerbung im hintergrund.
wenn man sich über schleichwerbung aufregt, sollte man meiner meinung nach bei den anfängen beginnen…
3. Ines | 14.April 2008 at 12:07
Es wird sich bestimmt alles noch in eine Richtung verändern, wie ich sie 2001 in den USA feststellen durfte: im Fernsehen liefen aller (gefühlter) 3-5 Minuten für eine vergleichweise kurze Zeit Werbespots quer durchs Bild, oft so dass der Film noch zu sehen war… Dauerberieselung pur.
4. Peer | 14.April 2008 at 16:31
@Fab: Tatsächlich werden Sportveranstaltungen und Unterhaltung im deutschen Medienrecht unterschiedlich bewertet. Das eine ist also rechtlich ok – das andere nicht.
5. Fab | 15.April 2008 at 00:00
@Peer
laut raab und pro7 ist die wok-wm ja eine sport- veranstaltung / show, von dem her…
andererseits ist es schon so, dass es beim fussbal bei weitem nicht so aufdringliche werbung ist wie bei den raab-events…
6. Die lustige Welt der Medi&hellip | 15.April 2008 at 16:21
[...] Weitere Beispiele aus der lustigen Welt der Mediennichtkontrolle direkt beim Peer. [...]
7. Stefan | 15.April 2008 at 17:31
Zur Vervollständigung nenne ich mal noch Galileo, wo ständig versucht wird, irgendwelche Markensüßigkeiten “nachzubauen”. Was natürlich nicht klappt, das Original ist unschlagbar! Überhaupt wimmelt die Sendung vor Product Placement. Wie egal den Produzenten die Reaktionen des Publikums ist, sieht man in deren Forum.
8. Bernd | 15.April 2008 at 17:55
bei Raabs Stock-Car Rennen war aber immer mal “Dauerwerbesendung” eingeblendet … warum macht er das nicht bei seinen anderen Shows?
9. Quasipresseschau vom 15.4&hellip | 15.April 2008 at 18:52
[...] Medienkontrolle: Schleich dich, Werbung! Wie Pro Sieben und Sat.1 die Grenzen zwischen Programm und Werbung verwischen und warum die Medienkontrolleure dagegen machtlos sind [...]
10. Matthias Sch. | 15.April 2008 at 21:25
klasse artikel, sowohl inhaltlich als auch stilistisch! – werde künftig regelmäßig hier vorbeischauen.
11. Marcus | 15.April 2008 at 21:31
Tja, Werbung ist die Pest der modernen Gesellschaft. Nur anders als die Krankheit wird diese tolleriert. Mal sehen wie lange noch.
12. viewer | 15.April 2008 at 21:56
Wenn man dann noch die Harmlosigkeit der Landesmedienanstalten bei den Call-In-Shows betrachtet, fragt man sich wirklich, wozu man diese teuren, steuer finanzierten Ämter braucht, die sowieso nur in ihrem jeweiligen Bundesland medienpolitisch denken und großen Arbeitgebern im Land sowieso niemals ans Bein pinkeln wollen.
13. Peer | 15.April 2008 at 22:16
@Viewer: Bloß der Korrektheit wegen: Die LMA sind keine Ämter und sie erhalten auch keine Steuern, sondern Anteile der Rundfunkgebühr.
14. medienlese.com » Bl&hellip | 16.April 2008 at 07:55
[...] Medienkontrolle: Schleich dich, Werbung! (medienpiraten.tv, Peer Schader) Wie Pro Sieben und Sat.1 die Grenzen zwischen Programm und Werbung verwischen und warum die Medienkontrolleure dagegen machtlos sind. [...]
15. gunter | 16.April 2008 at 10:45
@peer. Schöner Artikel. Habe mal zwei Fragen: Gab es nicht mal einen ähnlichen Fall mit RTL und dann haben sie sich auf einen Kompromiss eingelassen, damit RTL nicht soviel Strafe zahlen musste?
Und die Landesmedienanstalten werden von meinen GEZ Gebühren gezahlt? Das ist wahrscheinlich dann der viel beschworene zahnlose Tiger. Und die Menschen, die dafür sorgen, dass zum Beispiel Bürgerfernsehen bzw. Heimatfernsehen aufgrund der Gesetzeslage Beiträge ohne Kommentare zeigen dürfen.Tstststs.
16. Kai Bojens » Blog A&hellip | 16.April 2008 at 11:34
[...] Medienkontrolle: Schleich dich, Werbung! (tags: Medien) [...]
17. Peer | 16.April 2008 at 11:53
@Gunter: Von diesem RTL-Fall weiß ich nichts. Aber auf Nachfrage bestätigt die für RTL zuständige Landesmedienanstalt: In den vergangenen beiden Jahren sind bei RTL keine Verstöße festgestellt worden. In diesem Zeitraum hat es drei Prüffälle gegeben.
Das heißt natürlich erst einmal: gar nichts.
18. Rudi Blitzableiter | 17.April 2008 at 07:39
Hey Peer,
was ist eigentlich mit sogenannten Medienpartnerschaften – bspw. zwischen der INSM und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Da schreiben Botschafter der Arbeitgeberlobby in der Zeitung – und der Leser hat so gut wie keine Chance zu erkennen, dass es sich dabei um bezahlte Propaganda handelt.
Hast Du das Thema intern schon mal angesprochen, Peer?
Gruß
Rudi
19. Peer | 17.April 2008 at 08:40
@Rudi: Schreib das doch mal auf! Ich kenne die Texte leider nicht.
20. Montana | 17.April 2008 at 15:50
@Rudi, Peer:
Es gab mal einen Bericht in ZAPP über “Pressekooperationen” der INSM. Nachzulesen und -sehen hier. Genannt wurden WiWo, FOCUS, FTD, DIE WELT und ja, auch die F.A.S.. Ist allerdings schon 2½ Jahre her. (BTW: Georg Milbradt Ministerpräsident des Jahres, tja, wie schnell die Zeit vergeht…)
Wie die aktuelle Situation aussieht, weiß ich nicht, aber in der Tat ist diese Form der PR kritischer zu sehen als die – gleichwohl zu kritisierende! – Werbeflut der Privatsender, weil in der Form subtiler und den Zielen bedenklicher.
Zum Thema Medienkontrolle: Landesmedienanstalten, macht euren Job oder geht sterben! (Wo hab ich den Schluss jetzt her?!?
)
21. Montana | 17.April 2008 at 16:08
Mist, vertaggt. Sorry!!! Ich will eine Vorschau.
22. Rudi Blitzableiter | 17.April 2008 at 20:23
habs hier aufgeschrieben…
http://diegesellschafter.de/diskussion/forum/thread.php?fid=2&nid=80771#n80771
Der Artikel in der FAS steht hier:
http://www.faz.net/s/RubB68124FE2ED744D88E5FFDDE5CCC5090/Doc~E0CA0210C8FF14E98B3B642D41558E693~ATpl~Ecommon~Scontent.html
23. Rudi Blitzableiter | 19.April 2008 at 12:12
@peer
Wenn ich es richtig verstanden habe, dann arbeitest Du für die FAS. Kennst Du vielleicht einen Kollegen, der Dir erklären könnte, was es mit dieser Medienkooperation mit der INSM auf sich hat?
Wieviel Geld gibts von der Arbeitgeberlobby? Welche Gegenleistungen gewährt die FAS? Gibt es einen für den Leser nicht nachvollziehbaren Einfluss auf den redaktionellen Teil der Zeitung?
Aber solche Fragen öffentlich zu stellen oder gar aufzuklären würde Dich wahrsch. den Arbeitsplatz kosten. Ungefährlicher ist es, Schleichwerbung in anderen Medien zu kritisieren.
Nicht dass Du mich falsch verstehst. Diesen moralischen Opportunismus bringt so gut wie jeder auf, der am Monatsanfang pünktlich Miete zahlen will (ich auch). Insofern ist ein gerüttelt Maß Heuchelei auch ganz normal.
Aber vielleicht lässt uns unser eigenes Verhalten am besten verstehen, warum so vieles aus der Entfernung betrachtet so falsch läuft.
24. Peer | 21.April 2008 at 18:22
@Rudi: …und selbst wenn das so ist wie du sagst: Es ist doch prima, dass es zig andere Medien gibt, denen du das stecken kannst und die das aufschreiben könnten, immer und immer wieder, wenn du relevante Informationen hast.
Natürlich wäre es wünschenswert, dass auch das betroffene Medium selbst so offen ist, sich dahingehend zu erklären.
Ich muss zugeben, dass ich mich bisher noch nicht mit diesem Fall beschäftigt habe. Mag sein, dass das spannend wäre. Aber das mit der Geschichte über Schleichwerbung in den Privaten zu vermischen ist ziemlich unfair von dir — es impliziert, ich würde damit von eigenem Schlamassel ablenken wollen. Es geht mir aber schon darum zu fragen: Wozu haben wir Regeln, die Zuschauer schützen sollen, wenn sie so leicht von den Sendern umgangen werden können und die Kontrolleure unfähig sind, sie effektiv anzuwenden. Das war und ist mein vorrangiges Interesse. Und vor allem: Das ist mein Job.
Du kannst sagen: Um das andere könntest du dich ruhig auch kümmern während deiner vorübergehenden Beschäftigung bei der F.A.S. — und vielleicht hast dur Recht.
Aber als Ombudsmann verstehe ich mich derzeit nicht. Es wäre aber schön, wenn es — wie in den USA — so jemanden gäbe.
25. Rudi Blitzableiter | 21.April 2008 at 22:13
Hallo Peer,
ich danke Dir für Deine Antwort. Natürlich ist es in Ordnung, wenn Du auf Schleichwerbung aufmerksam machst. Es ist notwendig, dass an prominenter Stelle darauf aufmerksam gemacht wird, wie unwirksam die existierenden Regeln dazu sind.
Allerdings ist die Replik – kehr doch bitte mal vor der eigenen Tür – nicht unfair, sondern nahe liegend. Zwar gibt es bei Zeitungen keine staatliche Medienkontrolle – aber mit dem Pressekodex immerhin eine Art Selbstregulierung. Diese ist m.E. aber noch unwirksamer.
Dort heißt es in unter Ziffer 7:
“Die Verantwortung der Presse gegenüber der Öffentlichkeit gebietet, dass redaktionelle Veröffentlichungen nicht durch private oder geschäftliche Interessen Dritter oder durch persönliche wirtschaftliche Interessen der Journalistinnen und Journalisten beeinflusst werden. Verleger und Redakteure wehren derartige Versuche ab und achten auf eine klare Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken. Bei Veröffentlichungen, die ein Eigeninteresse des Verlages betreffen, muss dieses erkennbar sein.”
M.E. verstößt die FAS gegen dieses Gebot, wenn INSM-Botschafter ihre Thesen in gekauften Artikeln platzieren dürfen. Das Problem dürfte darin bestehen, dass niemand von außen überprüfen kann, welchen Inhalt die “Medienkooperation” hat. Schade, dass Du diesbezüglich keine Aufklärung leisten kannst/willst.
LG
Rudi
26. Rudi Blitzableiter | 23.April 2008 at 07:04
Interessant wäre ja, wie das konkret abläuft.
Wenn beim Peer das Telefon klingelt. Am anderen Ende der Frank Schirrmacher:
“Du Peer, Du musst auf Deiner Medienseite mal positiv über die geeenialen Aktivitäten der Arbeitgeberlobby berichten. Speziell die INSM solltest Du dabei berücksichtigen.”
“Aber Herr Prof. Schirrmacher, ich bin doch Journalist. Meine Berichterstattung kann man doch nicht kaufen. Und außerdem bin ich doch eigentlich gegen Schleichwerbung”
Im Ton ruppiger:
“Peer! Für wen arbeitest DU?”
“Für Sie, Herr Prof. Schirrmacher”
“Und wenn ich Dir sage, dass Du etwas positives über die INSM schreiben sollst, was machst Du dann?”
“Ich schreibe was positives”
————-
Vor zwei Tagen hat auch irgendwo in der Redaktion das Telefon geklingelt
Der bedauernswerte Redakteur am anderen Ende durfte Raffelhüschen als unabhängigen Finanzwissenschaftler vorstellen. “Altersarmut ist gar kein Problem” meinte der Professor und löste damit ein großes Medienecho aus. Natürlich fragt der FAZ-Redakteur nicht nach, weshalb er mit Rürup ne Roadshow für MLP macht, wenns gar kein Problem mit der gesetzlichen Rente gibt. Wahrscheinlich kommt diese Tradition mit dem kritisch Nachfragen aus einer Zeit, als sich Lobbyisten noch nicht mit viel Geld in einstmals glaubwürdige Zeitungen einkaufen konnten.
Der ganze Artikel ist eigentlich Schrott. Er spricht über die Gegenwart, obwohl das Problem in der Zukunft liegt und führt zum Beleg der These Durchschnittszahlen an. In einer Gemeinde mit fünf Millionären geht es im Durchschnitt allen ziemlich gut.
Das Problem ist, dass Plattformen von politischen Debatten wie die FAZ korrupt geworden sind. Da findet kein ausgewogener, unbeeinflusster Journalismus statt, da wird die von kapitalstarken Lobbys bestellte Meinung propagiert. Wer “Reformen” besser “vermitteln” möchte, braucht natürlich auch den “Meinungsführer” FAZ.
27. Christoph Henninger | 19.Mai 2008 at 01:12
Ich habe da doch noch eine kleine Frage:
Im Wikipedia-Artikel zu den LMAs steht ja auch, dass diese die Sendelizenzen vergeben müssen. Da frage ich mich müssen die die vergeben, oder könnten sie sie theoretisch auch verweigern? Was dann natürlich die Zwangsabschaltung bedeuten würde. Könnte man den Sendern darüber nicht sagen “Ihr spielt nach den Regeln oder ihr werdet vom Spielbetrieb ausgeschlossen”? Oder müssen die LMAs eine Lizenz erteilen, wenn bestimmte Kriterien (Regeltreue gehört dann wohl nicht dazu) erfüllt sind?
28. Peer | 03.Juni 2008 at 19:10
@Christoph: Auch die LMA sind kein Willkürverein. Es gibt Vorgaben für den Lizenzerhalt, wenn die eingehalten werden, gibt’s auch eine Lizenz. Oder eben nicht. Das gibt’s auch ab und an, aber dann muss ein Veranstalter sich schon äußerst dämlich anstellen. Es geht aber ja auch nicht um permanente Lizenzverweigerung, davon hätte ja keiner was.
29. Dauerwerbesendung mit G. &hellip | 05.Juni 2008 at 17:38
[...] Der Peer dokumentiert drüben aufopferungsvoll, wie die Sendergruppe ProSiebenSat.1 sich bis zuletzt mit allen Kräften dagegen gestemmt hat, ihre „Dauerwerbesendungen” als „Dauerwerbesendungen” zu kennzeichnen — und jetzt doch ein Gerichtsurteil kassiert hat, das ihnen den verschleiernden Ersatzbegriff „Promotion” untersagt. [...]
30. Kreuzberg-Jakob | 19.November 2008 at 17:55
Ich finde jedenfalls ‘ne WOK-WM, wo überall draufsteht, wer sein Geld da reinsteckt, wesentlich besser, ehrlicher und interessanter, als unsere Regierung. Da steht nix drauf, spannend und unterhaltend sind sie auch mitnichten, das einzig Interesssante ist das Rätselraten, wer’s nun bezahlt hat. Und das ist nicht verboten!??!
Man gönnt uns gar nix!
“Brot und Spiele” heißt die Devise, werte Zirkusparteien!
Das Brot ist schon voll Chemie – und nun soll’n die Spiele auch noch weg?
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