MyVideo: Der Star aus der Backfabrik

18.November 2007

Seit ein paar Wochen hat Deutschland seinen ersten Online-Star: Mina13 kommt aus München, ist hübsch, unauffällig und hat mit inzwischen 14 Jahren ihren ersten Plattenvertrag in der Tasche. Wegen eines einzigen Videos. Über drei Millionen Mal ist der Clip abgerufen worden, den sie in den Sommerferien aus Langeweile im Tonstudio aufgenommen und nachher bei der Videoplattform MyVideo hochgeladen hat. “How the angels fly” heißt der Titel, und die Nutzer haben begeisterte Kommentare darunter geschrieben: “Du hast voll die schöne Stimme”, “Supi!”, “Mir fehlen die Worte”. Jetzt ist Mina beim Label Starwatch unter Vertrag, das Warner Music gemeinsam mit ProSiebenSat.1 betreibt. Eine tolle Geschichte. Vor allem für MyVideo.

Mitten in Berlin, ein paar hundert Meter vom Alexanderplatz entfernt, stellt ein junges Team seit ein paar Monaten die erfolgreichste deutsche Videoplattform ins Netz, bei der die Nutzer eigene Clips hochladen können, wenn sie genug vom öden Fernsehen haben. Früher ist die Hauptstadt von der Berliner “Backfabrik” aus mit Schrippen beliefert worden. Heute sitzt dort Deutschlands Internet-Elite und denkt sich griffige Konzepte fürs Webzweinull aus. Im dritten Stock der Hausnummer 38 ist die Community StudiVZ zu Hause – und wer mit dem Aufzug bis ganz nach oben unters Dach fährt, wird von einer sanften Stimme aus dem Nichts begrüßt: “Herzlich willkommen im zweiten Dachgeschoss.”

Gerade einmal zwanzig Mitarbeiter arbeiten hier für MyVideo: Techniker, Programmierer, Marketing-Experten. Redaktion gibt es keine. Das ist recht erstaunlich für eine Website, die heute in der Zählstatistik IVW Online zu den zehn größten Deutschlands gehört. An den Bürowänden hängen lustige “Stromberg”-Sprüche und Abba-Poster, im Großraum steht Ikea-Schreibtisch neben Ikea-Schreibtisch, und wer in die Kaffeeküche will, muss aufpassen, dass er sich an der Dachschräge nicht den Kopf stößt. Alles sieht so aus, als hätte es die Pleite der New Economy vor ein paar Jahren nie gegeben. Dabei ist MyVideo erst im März 2006 gestartet – und hat trotzdem schon mehr Seitenabrufe als “Bild.de” und “Spiegel Online”.

Der Großteil der Videos sind lustige Pannenfilmchen mit Titeln wie “Unfall beim Putzen” oder “Dummes Model”. Dazu hüpfen Teenager vor der Kamera in ihren Zimmern auf und ab, während sie ihre Lieblingssongs nachsingen. “Die Nutzer wollen sich darstellen, sie wollen die Chance, für fünf Minuten berühmt zu werden”, sagt Christian Vollmann, Geschäftsführer der Agentur Magic Internet, die MyVideo betreibt. Die Hälfte ist jünger als dreißig Jahre. Doch das Kreativchaos reicht auf Dauer nicht, um gegen Youtube zu bestehen – oder deutsche Herausforderer wie Clipfish und Sevenload.

Da ist es nicht das Schlechteste, wenn man plötzlich einen eigenen Star wie Mina vorweisen kann, der seine Karriere ganz offensichtlich bei MyVideo begonnen hat und diese Geschichte jetzt in jedem Interview wiedererzählt. Ob da wirklich alles mit rechten Dingen zugegangen ist? “Wenn wir Stars machen könnten, würden wir das jede Woche tun – aber so leicht ist das nicht”, versichert Dominic Hesse, Leiter der Abteilung Content & Cooperations bei Magic Internet. Zwischendurch hat es dennoch Zweifel gegeben, dass Mina wirklich selbst singt, weil das erste Video nicht ganz lippensynchron war – aber die sind längst wieder aus der Welt. Neulich war Mina dann beim Musiksender Viva zu Gast, hat wieder ihre Geschichte erzählt, und der Moderator hat sie gefragt, ob sie mal was singen könne. Nee, hat Mina geantwortet, sie müsse ihre Stimme für die Produktion des Albums schonen. “Aber nächstes Mal singe ich euch so viel vor, wie ihr wollt.”

Es gibt Skeptiker, die sagen: MyVideo wird sich in Deutschland nicht durchsetzen. Dazu sei Youtube zu stark, das gerade eine deutsche Version online gebracht hat. Dabei hat man den Eindruck, in Berlin wüssten sie schon ganz gut, was zu tun ist, um weiterzuwachsen. Seit sich im Herbst vergangenen Jahres ProSiebenSat.1 eingekauft hat, gibt es auf MyVideo auch Schnipsel erfolgreicher Sendungen wie “Germany’s Next Topmodel” und “Popstars” zu sehen. Diesen September hat der TV-Konzern für 19 Millionen Euro die übrigen Anteile übernommen. Das ist praktisch, weil sich nun keiner mehr Sorgen über Urheberrechtsverletzungen machen muss – jedenfalls nicht, wenn die eigenen Sendungen hochgeladen werden. Und um den Rest muss man sich nicht kümmern, glaubt Vollmann: “Der Nutzer ist für das verantwortlich, was er hochlädt. Das liegt nicht in unserer Verantwortung.”

Immerhin scheinen die Berliner aber auch sehr gut zu wissen, was bei ihrem Publikum gefragt ist. Vor allem nehmen sie ihre Nutzer ernst. Kürzlich hat MyVideo dazu aufgerufen, den neuen Videoclip der Single “Ichisichisichisich” der Fantastischen Vier selbst zu drehen. Die Band hat den besten ausgewählt, mit 44.000 Euro honoriert und nutzt ihn nun ganz offiziell. Weniger professionell, aber mit genauso viel Spaß haben Fans der Sängerin Pink deren Clips nachgedreht, um ein Treffen mit ihrem Idol zu gewinnen. Mit solchen Aktionen hilft MyVideo, den Austausch mit den Nutzern zu professionalisieren, der von vielen etablierten Medien immer noch als lästiges Beiwerk empfunden wird. Und das Pro-Sieben-Magazin “taff” berichtet regelmäßig darüber. So funktioniert Zielgruppenbindung.

Das haben auch die Plattenfirmen verstanden und vereinbaren Deals, um ihre Musikvideos online zu zeigen. MyVideo hat die offizielle Erlaubnis von Sony BMG, Videos von deren Künstlern im Web zu zeigen. Der Clip zur neuen Britney-Spears-Single wurde in den vergangenen vier Wochen 250 000 Mal angesehen. Noch haben Youtube und MyVideo das Musikfernsehen in seiner Funktion als Trendsetter nicht ganz abgelöst. Aber lange kann es nicht mehr dauern.

Dass MyVideo das alles geschafft hat, ist kein Zufall. Es gibt Gerüchte, dass MyVideo nach dem Start vor allem durch ungefragt verschickte Hinweismails den Zulauf auf die Seite gelenkt habe. Nach der Übernahme dürfte ProSiebenSat.1 nun auf Seriosität drängen, um Werbekunden für MyVideo zu gewinnen, das dringend eine solide Finanzierung benötigt. Seinen eigentlichen Sitz hat MyVideo aber immer noch in der rumänischen Hauptstadt Bukarest. Das liegt an der Gründerin Anca-Alina Seghedi, erklärt Magic-Internet-Geschäftsführer Vollmann. Sie hatte vor zwei Jahren die Idee, einen mobilen Videodienst zu starten, und sei nach Deutschland gekommen, um sich beraten zu lassen. Aus dem Handydienst wurde nichts, dafür kam MyVideo. Das Unternehmen habe Seghedi, die als “gesetzliche Vertretungsberechtigte” auftritt, in der Heimat gegründet: “Sie ist Rumänin – da lag das nahe.” Vielleicht stimmt die Geschichte ja. Fakt ist aber auch, dass das deutsche Urheberrecht eines der striktesten der Welt ist – und dass es deshalb keine so gute Idee gewesen wäre, ausgerechnet hier eine Videoplattform zu gründen, von der sich annehmen ließe, dass es Klagen wegen unrechtmäßig gezeigter Inhalte geben könnte. Wie die Rechtslage in Rumänien ist? Gute Frage.

In den kommenden Monaten will MyVideo ins Ausland expandieren: Priorität haben Länder, in denen ProSiebenSat.1 nach der Übernahme von SBS Broadcasting bereits aktiv ist, also Skandinavien, die Benelux-Staaten und Osteuropa. Dort sollen eigenständige Plattformen mit lokalem Bezug etabliert werden. Vollmann erklärt: “Clips mit Hunden, die Skateboard fahren, funktionieren zwar überall – aber das ist die Ausnahme. Es macht keinen Sinn, mit deutschen Videos nach Holland zu gehen.” Oder nach Rumänien. Es ist anzunehmen, dass Frau Seghedi mit ihm einer Meinung ist.

Artikel gespeichert unter: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

bisher 1 Kommentar Eigenen Kommentar schreiben

  • 1. Coffee And TV: » Ni&hellip  |  06.März 2009 at 13:32

    [...] stolperte ich dann über eine gewagte Neuinterpretation, die das Kurzzeit-Internet-Sternchen Mina von “Love Hurts” aufgenommen hatte — vom Incubus-Song dieses Namens, wohlgemerkt, [...]

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