TV-Serien: Warum wollen alle bloß die Amis sehen?

28.Oktober 2006

Schlechte Quoten, zuviel US-Konkurrenz, ständig neue Flops: Die deutsche Serie steckt in einer tiefen Krise.

Ende Oktober, wenn der Vierteiler “Blackout – Die Erinnerung ist tödlich” läuft, wird bei Sat.1 gezittert. Das mag man in Berlin derzeit vielleicht nicht so gerne zugeben, aber immerhin entscheidet sich dann, was von der Serienoffensive übrig bleibt, die Senderchef Roger Schawinski vor einem Jahr mit “Bis in die Spitzen” angestoßen hat. Modern, gewagt und zeitgemäß sollten die neuen Sat.1-Serien werden. Stattdessen wurden sie alle: Flops. Das Eifersuchts- und Beischlafdrama “Bis in die Spitzen” schreckte die Zuschauer ab, Sönke Wortmanns Fußballserie “Freunde fürs Leben” wollte vor der WM kaum jemand sehen und die enttäuschende Historienserie “Unter den Linden”, bei der man in jeder Szene Angst hatte, daß gleich die Kulissen umfallen, wurde am Sonntag Nachmittag versendet.

“Blackout” ist anders. Der düstere Krimi, in dem ein Berliner Drogenfahnder den Mord an seiner Frau aufzuklären versucht, obwohl er sich nach einem Unfall an nichts mehr aus seinem früheren Leben erinnern kann, ist eine fürs deutsche Fernsehen außergewöhnliche Produktion, mit Charakteren, die man so sonst selten zu sehen bekommt. Überall lauern Loser, Abzocker, Falschspieler und gescheiterte Existenzen in den verregneten Straßen von Berlin, die Geschichte ist spannend und dennoch authentisch erzählt.

Das aber ist längst keine Garantie dafür, daß die Zuschauer das auch sehen wollen. Eigentlich war der Stoff als achtteilige Serie konzipiert. Daß nun ein Vierteiler draus geworden ist, hat allein inhaltliche Gründe, heißt es in Berlin, und nichts damit zu tun, daß man den nächsten Flop in Serie fürchte. Dabei wäre die Skepsis berechtigt: Deutsche Serien stehen gerade nicht besonders hoch in der Gunst des Publikums. Bei RTL sah es in den vergangenen Monaten nicht ganz so schlimm wie bei Sat.1 aus, aber auch bloß, weil bei den Kölnern kaum Neues gelaufen ist, und “Die Familienanwältin” mit Mariele Millowitsch dümpelte nach gutem Auftakt im Quotenmittelmaß. Das ZDF klammert sich weiter an seinen Vorabendsendeplatz, wo Innovationen wie die Ermittlerreihe “Metro” zwischen “Landarzt” und “Küstenwache” untergehen. Und die ARD setzt mit “Familie Dr. Kleist”, “Um Himmels Willen” und “Der Winzerkönig” nach 20.15 Uhr klar aufs ältere Publikum.

Nachdem die allgemeine Telenovela-Begeisterung einen deutlichen Dämpfer bekommen hat, wird vielen erst richtig bewußt, wie es um die deutsche Serie steht: miserabel nämlich – und das, obwohl bei den meisten Sendern eigentlich die Bereitschaft da ist, Neues auszuprobieren. Die Zuschauer schalten bloß lieber US-Serien ein, mit denen RTL inzwischen zweimal in der Woche den Abend zupflastert, Vox neue Quotenrekorde aufstellt und Sat.1 am Sonntag sogar dem “Tatort” die Stirn bieten kann. “CSI”, “Dr. House”, “Navy CIS” – mehr braucht das Publikum scheinbar derzeit nicht, um zufrieden zu sein. Und die deutschen Produzenten, Autoren und Senderverantwortlichen sind verkatert, ohne daß vorher gefeiert worden wäre.

“Was die Erfolgserwartungen angeht, sind wir alle etwas bescheidener geworden”, sagt Thomas Bellut, Programmchef beim ZDF. Die Mainzer haben ihre große Enttäuschung bereits 2005 mit “Kanzleramt” erlebt. Die Politserie kam trotz Wahljahr nicht an. Den Plan, am Vorabend um 19.25 Uhr eine tägliche Serie zu testen, hat Bellut im Frühjahr abgeblasen – und sagt nun, das sei eine seiner besten Entscheidungen gewesen, allein schon, weil RTL und Sat.1 sich inzwischen zur selben Zeit mit ihren Dailys einen schwierigen Kampf ums Publikum liefern. Im ZDF sollen auch künftig Serien um halb acht laufen, jeden Wochentag eine andere, im Idealfall das ganze Jahr durch, damit sich die Zuschauer daran gewöhnen können.

Dazu läßt Bellut mehrere neue Serien in Kurzstaffeln produzieren. Das ist zwar aufwändiger als gleich zehn oder zwanzig Folgen in Auftrag zu geben, allerdings auch weniger risikoreich, falls wieder etwas nicht funktioniert. Am Krimifreitag läuft Ende Oktober die neue Reihe “Stolberg” an, 2007 folgen “Der Kriminalist” und die Ensembleserie “Dauerdienst”. Für den Mittwochabend sind neue Folgen von “Der Fürst und das Mädchen” geplant, außerdem wird die erfolgreiche BBC-Serie “Doc Martin” adaptiert, in der ein Großstadtarzt aufs Land versetzt wird und sich dort mit allerlei Schrulligkeiten seiner Patienten herumärgern muß. Mehr Serienplätze am Abend stehen im ZDF momentan nicht zur Verfügung – das würde Bellut gerne ändern.

“Es ist derzeit unglaublich schwer, das jüngere Publikum für deutsche Serien zu gewinnen”, sagt der ZDF-Programmchef. Wenn man modern sein wolle, werde man auf Dauer Marktanteile von 12 bis 13 Prozent schon als Erfolg sehen müssen. Einen “Winzerkönig” werde es im ZDF aber nicht geben, selbst wenn der hohe Quoten in der älteren Zielgruppe garantieren könnte. Bellut: “Wir werden ganz bestimmt nicht die ARD-Programmreform nachmachen und so eine Art RTL für Ältere werden.”

Bei Sat.1 hat man derweil die Konsequenzen aus den vergangenen Monaten gezogen und versucht, die Beliebtheit der US-Krimis aufzugreifen. Im Frühjahr startet die von Typhonn Films produzierte Reihe “GSG9″, die Telenovela-Macher von Producers at Work adaptieren die in Italien und Frankreich erfolgreich gelaufene Krimiserie “RIS”. Sat.1-Fiction-Chefin Alicia Remirez erklärt: “Beim Zuschauer kommt Verläßlichkeit an – das bieten Serien wie ‘CSI’ allein schon durch ihren Look. Wenn man deutsche Krimiserien macht, wird man gut beraten sein, das stärker als bisher zu berücksichtigen.” Für “RIS” orientiert sich Sat.1 am amerikanischen Prinzip des “Writers’ Room”. Statt einem Autor arbeiten mehrere zur gleichen Zeit am selben Buch. “Wir können, was das Handwerk geht, sicher viel von den Amerikanern lernen”, sagt Remirez. “Aber die Sonne Miamis scheint hier nun mal nicht – deshalb werden deutsche Geschichten immer anders aussehen als die aus den USA.” Das klingt vielleicht nach Binsenweisheit, ist aber für die Zuschauer keineswegs selbstverständlich.

Typhoon-Films-Geschäftsführer Friedrich Wildfeuer hat eine simple Erklärung für den momentanen Erfolg der US-Serien: die hohe Folgenzahl. “Die kann man das ganze Jahr durch senden. Fernsehen ist nun mal ein Gewohnheitsmedium.” Und letzten Endes seien die US-Formate für die deutschen Produzenten auch Türöffner gewesen, um mutigere Konzepte durchzusetzen. Wildfeuer: “Ich glaube nicht, daß ein Serienkonzept wie ‘Desperate Housewives’ oder ‘Dr. House’ in Deutschland früher durchgekommen wäre.”

In der Branche setzt sich immer mehr die Auffassung durch, daß die etablierten Produktionsstrukturen nicht mehr richtig greifen. Den Sendern mißfällt es, daß die Autoren teilweise Monate brauchen, um Bücher fertig zu stellen, die Produzenten kritisieren wiederum, daß zu viele Entscheider beteiligt sind, bis es zur Abnahme eines Buchs kommt, daß dabei viele Ideen verloren gehen und die Sender für zweite oder dritte Staffeln kaum noch werben würden. Das hat erst einmal weniger mit gegenseitiger Schuldzuweisung zu tun als mit Ursachenforschung: Wie lassen sich auf organisatorischer Ebene Verbesserungen durchsetzen, um erfolgreicher zu arbeiten?

Autor Christoph Darnstädt ist überzeugt: Die Zuschauer wollen gerade klare Serien mit klaren Helden und verläßlichen Strukturen sehen. “Es macht doch keinen Sinn, nun nur noch ‘CSI’ zu kopieren, weil die Zielgruppe, die sich das ansieht, enttäuscht sein wird, wenn es nicht genauso hochwertig aussieht wie das Original.” Darnstädt gilt als einer der wenigen Autoren, die wieder für so etwas wie eine deutsche Serientradition sorgen könnten. Für RTL hat er die Polizeiserie “Abschnitt 40″ geschrieben, die beim Deutschen Fernsehpreis drei Jahre nacheinander als “Beste Serie” ausgezeichnet wurde, deren vierte Staffel vom Sender gerade vorzeitig abgesetzt wurde, weil der Marktanteil nicht gestimmt hat.

Daß die Privatsender auf den wirtschaftlichen Erfolg achten müssen, sei nachzuvollziehen, sagt Darnstädt. Allerdings führe das selbst bei Erfolgen dazu, daß die Experimentierlust eingeschränkt werde: “Wenn man einen erfolgreichen TV-Film schreibt, hat man sofort den Auftrag, noch einmal fünf ähnliche nachzulegen.” Besonders ärgert sich Darnstädt darüber, daß ARD und ZDF so wenig Mut zeigen. Die Innovation, die die Privatsender mit einigen Produktionen geleistet haben, hätte bei ARD und ZDF schon viel länger vorhanden sein müssen, sagt er und provoziert: “Die werberelevante Zielgruppe geht die Öffentlich-Rechtlichen einen feuchten Kehricht an!”

Gerade schreibt Darnstädt für RTL einen neuen Serienpiloten. Was Kommentare zur Entwicklung der deutschen Serie betrifft, ist man in Köln allerdings sehr zurückhaltend. Das mag daran liegen, daß Hoffnungsträgerin Barbara Thielen, die seit einem Jahr als Fiction-Chefin bei RTL ist, ihre Feuerprobe noch vor sich hat. Im Frühjahr starten die vor Ewigkeiten pilotierte Gerichtsmedizinerserie “Post Mortem” mit Hannes Jaenicke und “Die Anwälte” mit Kai Wiesinger, außerdem wird “Die Familienanwältin” fortgesetzt. Aber selbst wenn Thielen verspricht, daß sich die Formate deutlich voneinander unterscheiden werden: Daß RTL sich bei neuen Projekte bisher nur zwischen Anwälten und Gerichtsmedizinern als Protagonisten entscheiden kann, wirkt erst einmal merkwürdig.

“Ich glaube nicht, daß es bei den Zuschauern ein nachlassendes Interesse für deutsche Serienstoffe gibt”, sagt Thielen und versichert: “Wenn im Herbst weitere neue Formate starten, werden dafür auch die richtigen Sendeplätze da sein.” Das ist keineswegs selbstverständlich, wenn RTL ab sofort auch den Donnerstag zum US-Serientag macht. Und den Dienstag mit “CSI Miami”, “Dr. House” und “Monk” wird sich in Köln auch keiner kaputt machen wollen. Dennoch hat RTL sechs Piloten für neue Serien in Auftrag gegeben, unter anderem eine junge Arztserie mit einer Bridget-Jones-ähnlichen Protagonistin, die vom “Türkisch für Anfänger”-Autor Bora Dagtekin kommt und von der Berliner Polyphon produziert wird, die sonst vorwiegend für seichte ARD-Ware bekannt ist.

“Die Themen in ‘Familie Dr. Kleist’ sind keineswegs so schlicht, wie man uns manchmal vorwirft”, verteidigt sich Polyphon-Geschäftsführerin Beatrice Kramm gegen die Kritik an ihrer Arztserie, die in der ARD ein Millionenpublikum erreicht. Die Produzentin ist überzeugt, daß sich künftig auch jüngere Zuschauer wieder für deutsche Serien interessieren werden – wenn Sender und Produktionsfirmen sich an entsprechende Spielregeln halten: “Serien machen einen großen Fehler, wenn sie zuviel auf einmal wollen: eine unkonventionelle Geschichte, unkonventionelle Charaktere und dann auch noch ein unkonventioneller Look.”

Offenbar sind die Erwartungen, die die Zuschauer an deutsche Serien stellen, andere als bei amerikanischen. Kramm glaubt, die Toleranz der Zuschauer, sich auf Neues einzulassen, sei bei den Importserien wesentlich höher. Dennoch wird es notwendig sein, deutsche Serien so modern aussehen zu lassen, daß sie mit den amerikanischen konkurrieren können. “Amerikanische Serienautoren scheuen sich nicht, ihre lieb gewonnenen Figuren auch einmal große unverzeihliche Fehler machen zu lassen und darüber zu erzählen, wie sie damit umgehen”, erzählt Albahn Rehnitz, Produzent bei Hofmann und Voges, die fürs Erste unter anderem “Türkisch für Anfänger” produzieren – eines der wenigen gelungenen fiktionalen Formate, mit denen die ARD sich in diesem Jahr schmücken kann.

Ein bißchen könnten sich auch die Deutschen von dieser Serientradition abschauen, glaubt Rehnitz und kritisiert die zunehmende Vorsicht bei Produzenten und Sendern: “Die Angst, den nächsten Flop zu produzieren, führt dazu, daß man sich fragt: Was hat anderswo schon funktioniert? Kann man das integrieren?” Lange sei zu sehr darauf geachtet worden, das Publikum nicht mit komplexen Charakteren zu überfordern und Protagonisten so anzulegen, daß man sich um jeden Preis mit ihnen identifizieren könne. Rehnitz: “Wir müssen uns von der Prämisse lösen, dem Zuschauer ausschließlich eine Welt zu präsentieren, die er sofort teilen und begreifen kann.”

Das entspricht zwar noch nicht ganz dem, was Pro Sieben vor einem Jahr mit seiner ersten Primetime-Serie “Alles außer Sex” versucht hat, in München ist man aber trotz Wechsel in der Geschäftsführung und Rückbesinnung auf US-Programme weiter überzeugt, den Sender mit Eigenproduktionen stärken zu können. 2007 läuft die zweite “Alles außer Sex”-Staffel, dazu produziert Nico Hofmanns Eventfabrik Teamworx “Clara Scheller” nach einem französischen Serienvorbild, in dem eine junge Frau allerlei Beziehungsturbulenzen durchstehen muß. Klingt bei den derzeitigen Vorlieben der Zuschauer nicht gerade nach sicherem Hit.

Pro-Sieben-Fiction-Chef Christian Balz glaubt dennoch an den Erfolg. Daß in den vergangenen Monaten so viele deutsche Serien nicht funktioniert haben, hält er für normal. Die amerikanischen Serien, die hierzulande liefen, seien schließlich auch nur ein Best-of dessen, was in Übersee ausprobiert werde. Es sei unvermeidlich, den ein oder anderen Flop hinzunehmen. “Das ist in den USA nicht anders. Die produzieren nur mehr.” Wenn man die Schwierigkeiten der vergangenen Monate aus dieser Perspektive betrachtet, wirkt die derzeitige Krise freilich gar nicht mehr so furchtbar. Wenigstens an Optimismus fehlt es den TV-Machern nicht. Alicia Remirez von Sat.1 ist sicher: “Der Zuschauergeschmack unterliegt einem ständigen Wandel. Der Zeitpunkt kommt bestimmt, an dem die Zuschauer wieder Lust auf deutsche Produktionen haben.” Nur kann man den eben nicht vorhersagen.

Kurzversion erschienen in: F.A.Z.

Artikel gespeichert unter: F.A.Z.

bisher 1 Kommentar Eigenen Kommentar schreiben

  • 1. fly  |  03.Oktober 2008 at 22:04

    Es wundert mich überhaupt das US-Serien so gut ankommen. Sie werden in DE ja regelrecht Misshandelt. Schlechte Synchronisation, wechselnde Sendeplätze, Minutenweise weggeschnittene Szenen, Video und Audio-Überblendungen mit Werbung, Gewinnspielen und ähnlichen, wegschneiden von Original Titel-Logo, wegschneiden der Cast, Episoden in falschen Reihenfolgen, keine klare Aussagen in Serien-Werbung welche Staffel/Season das denn nun ist, geschweige denn den Titel zu verraten(in US-Fernsehn selbstredend üblich) außerdem das jahrelange Warten auf die nächste Staffel. Ich frage mich warum die Studios das eigentlich mit sich machen lassen, sie würden ja schließlich auch davon Profitieren wenn ihre Serien im DE-TV erfolgreich werden.
    Generell hat man im Deutschen-Fernsehn ständig das Gefühl nicht ernst genommen zu werden. Ich hab es einfach nicht nötig mir ein Programm anzusehen was offensichtlich für 14 Jährige Mainstream-Teenies ohne Sinn und Verstand produziert wurde. Die US-Serien sind da nur, soviel von ihnen Übrig gelassen wurde, qualitativ das hochwertigste was man neben Kino-Filmen im Deutschen-TV zu sehn bekommt.

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