Jobst Benthues: Der Oberindianer

26.April 2006

Wahrscheinlich will Jobst Benthues einen Rekord aufstellen. Seit neun Jahren ist er Unterhaltungschef bei Pro Sieben und hat den Sender in dieser Zeit stark geprägt. “Wenn wir Unterhaltung machen, wollen wir eine neue Richtung vorgeben”, sagt er. “Dafür muss man relativ viel ausprobieren.” Und fällt manchmal auch auf die Nase.

Man kennt ihn vor allem vom Loben. Das gehört zum Job. Wenn einer seiner Stars eine neue Sendung macht, sagt er: Der ist ein toller Künstler. Oder: Keiner ist besser für diese Aufgabe geeignet. Bekommt einer eine Auszeichnung, freut er sich: Der hat den Preis absolut verdient. Und wenn mal was nicht so gut gelaufen ist, sagt er: Das hat nichts mit dem Künstler zu tun, es lag vermutlich am Sendeplatz. So liest man das immer in den Pressemitteilungen, und dahinter steht: “sagt Pro-Sieben-Unterhaltungschef Jobst Benthues”. Manchmal klingt das vielleicht etwas konstruiert, wie das eben bei offiziellen Statements so ist. Aber man kann sich denken: Der Mann meint das alles wahrscheinlich auch so.

Jobst Benthues macht seinen Job bei Pro Sieben jetzt seit neun Jahren. Das ist kein Tippfehler. Das ist irre. Neun Jahre! Kann man sich eigentlich gar nicht richtig vorstellen, im Privatfernsehen. Andreas Bartl, der im Dezember zu Pro Sieben kam, ist der sechste Geschäftsführer, den Benthues mitbekommt. “Meine Aufgabe ist dann unter anderem, den Künstlern zu sagen: Wir haben einen neuen Chef, macht euch keine Sorgen, es sieht so aus, als ob eure Projekte weiterlaufen”, scherzt der 37-Jährige. Im Grunde genommen ist Benthues der Mann, der Pro Sieben ein Gesicht gegeben hat. Er hat Stefan Raab zum Sender geholt, die “Bullyparade” mitentwickelt, den “Quatsch Comedy Club” von Thomas Herrmanns im Free TV etabliert und Oli Pocher, Sonya Kraus, Christoph Maria Herbst, Aiman Abdallah – die ganze “Star Force” halt – für den Sender entdeckt.

Angefangen hat Benthues beim RTL-”Li-La-Laune-Bär” – als Kabelträger, weil er keine Lust mehr hatte, neben dem BWL-Studium in Köln für Marketingagenturen Autogrammstunden mit Sepp Maier zu organisieren, um Geld zu verdienen. “Ich musste zuerst ins Kabelhilfestraflager: das Kinderprogramm. Da stand ich hinter einer Kamera, die sich den ganzen Tag nicht einen Meter bewegt hat, und habe gegen die Scheinwerfermüdigkeit angekämpft”, gruselt er sich heute noch. Aber Fernsehen – das war sofort sein Ding. “Man muss sich gut verkaufen können, offen für Menschen sein, und wenn man keine Ahnung hat, tut man so als hätte man welche.” Das scheint funktioniert zu haben. So gut, dass RTL gefragt hat, ob er nicht Aufnahmeleiter bei “RTL aktuell” werden wolle. Er wollte. Und hat daraufhin ziemlich alle Sendungen mitgemacht, mit denen RTL groß geworden ist: “Anpfiff” mit Uli Potofski, “Alles nichts oder” mit Hella von Sinnen und Hugo Egon Balder, “Ein Tag wie kein anderer” mit Björn Hergen Schimpf und Guten-Tag-mein-Name-ist-Barbara-Eligmann bei “Explosiv”.

Bis plötzlich wieder der “Launebär” rief und Benthues die Chance bekam, erstmals redaktionell zu arbeiten: “Das war klasse”, sagt er über den Job. “Man hat ein leeres Blatt Papier vor sich gehabt und hinterher eine fertige Sendung abgegeben.” Dass Benthues danach bei Pro Sieben gelandet und vor allem geblieben ist, ist die Schuld Ludwig Bauers. Der damalige Leiter der Programmplanung überredete Benthues, der eigentlich für die nach einem halben Jahr wieder eingedampfte Developmentabteilung des Senders angeworben worden war, in München zu bleiben und wenigstens noch den Rest seines Einjahresvertrags zu erfüllen. Klar, dass es dabei nicht geblieben ist. Und selbst wenn Benthues, der 1969 in Hildesheim geboren wurde, heute sagt: “Ich habe lange gebraucht, um in München anzukommen” – bereut hat er seine Entscheidung nicht.

In München hat Benthues das Erotikmagazin “liebe sünde” für Pro Sieben produziert und sich deswegen kurzzeitig von der eigenen Mutter verleugnen lassen müssen, witzelt er: “Als ich bei RTL Kinderfernsehen gemacht habe, war ich noch der Held ihrer örtlichen Kaffeeklatschrunden.” Gemeinsam mit dem damaligen Unterhaltungschef Oliver Mielke entdeckte er, dass selbst produzierte Comedy ganz gut zum Sender passen würde. “Pro Sieben bedeutete damals noch: Kassette rein, Film abgespielt, Geld verdient”, sagt der Unterhaltungschef. Aber das reichte irgendwann nicht mehr. Dann ging es los mit “Comedy Factory” und “Bullyparade”, Mielke hat sich als Produzent selbstständig gemacht, Benthues ist geblieben und hat den Job seines Ex-Chefs kommissarisch mitgemacht, mit 28 Jahren. “Ich wusste nie: Finden sie jetzt einen Neuen? Finden sie keinen?” Nach einem Jahr war dann klar: Sie brauchen gar keinen Neuen.

Über seine Position bei Pro Sieben sagt Benthues, der seit knapp anderthalb Jahren verheiratet ist und eine Tochter hat: “Hier gibt es viele Häuptlinge. Ich sehe mich eher so ein bisschen als Oberindianer. Ich fahre in die Studios und an die Sets und wirke da nicht wie ein Fremdkörper. Ich fühle mich immer noch sehr nah dran am Programm.” Dazu gehört auch, morgens erstmal mit allen aus der Abteilung über die aktuellen Formate zu diskutieren. Mittags in der großen Couch-Ecke vor seinem Büro mit den Kollegen Kantinenfutter zu vertilgen. Und den Kontakt zu den Stars zu halten. Benthues erklärt: “Es ist ja nicht so, dass ich bei jedem Künstler die Geburtstagswürstchen mitgrille.” Geht ja auch gar nicht, allein schon wegen der unterschiedlichen Musikgeschmäcker: “Ich gebe zu: Ich bin ein großer Fan von Robbie Williams, auch wenn sich Stefan Raab deswegen dauernd über mich lustig macht.” Eigentlich wolle er bloß ein verlässlicher Ansprechpartner für die Künstler sein, egal, welche Entscheidungen zu fällen sind.

Man kann sich leicht vorstellen, dass das in den vergangenen Jahren nicht einfacher geworden ist. Benthues hat bei Pro Sieben viel ausprobiert. Wenn man unfreundlich sein wollte, würde man sagen: Er hat dem Sender viel zugemutet. Aber in der Zumutung steckt ja auch das Wörtchen “Mut” drin, den man wohl haben muss, wenn man Neues ausprobiert – obwohl man Formate wie “Hire or Fire”, “The Swan” oder “Comeback” vielleicht davon ausschließen sollte. Benthues hat kein Problem damit, über Fehler zu sprechen. “Ich habe ja auch ein paar respektable Flops hingelegt”, sagt er, erklärt aber ebenso plausibel, warum er vorher trotzdem davon überzeugt war, es sei richtig, die Shows zu produzieren. Mag ja sein, dass “Die Burg” nicht funktioniert hat. Aber “Die Alm” ein halbes Jahr vorher war nun mal ein ziemlicher Erfolg. Und Benthues versichert: “Mit demselben Kenntnisstand wie damals würde ich wohl wieder so entscheiden.” Das ist dann halt so. Und wenn mal was richtig schief geht, kann man sich beim Tennis abreagieren: “Ich entdecke mein Liebe aber gerade wieder neu.”

Dass das Geschäft immer kurzfristiger wird, will sich der Unterhaltungschef, der mit seinem rosé-farbenen Polunder, dem weißen Hemd darunter und den Jeans gar nicht richtig aussieht, wie man sich Chefs so vorstellt, aber nicht vorwerfen lassen. Pro Sieben sei sehr wohl bereit, in Formate zu investieren, die sich vielleicht nicht gleich im ersten Schritt refinanzieren lassen, so wie bei “Stromberg”. “Man vergisst oft: Die ‘Bullyparade’ hat auch vier Staffeln gebraucht, um richtig erfolgreich zu sein”, sagt Benthues. “Wir können bloß nicht bei jedem Format einen langen Atem haben.” Dann hagelt es zwar gerne mal Proteste und im Internet sammeln Zuschauer Unterschriften für eine Wiederaufnahme, wie nach der Absetzung von Christian Ulmens “Mein neuer Freund”. Leider, leider kommt es beim Privatfernsehen aber auch immer noch ein klitzekleines bisschen aufs Geldverdienen an. Sonst wäre der Job vielleicht perfekt.

Es ist ziemlich offensichtlich, dass Benthues viel unterwegs ist. Auf dem Schreibtisch in seinem Büro im Unterföhringer Pro-Sieben-Zweckbau steht bloß ein kleiner Laptop, der sich schnell zusammenklappen und mitnehmen lässt. Hinter ihm an der Wand hängen drei weiße Rahmen mit den Logos aller Eigenformate. Auf der anderen Seite des Raums steht ein Tisch mit einem winzigen Thomson-Fernseher, bei dem das Firmenlogo schon zur Hälfte abgefallen ist, sodass da jetzt nur noch “THOMS” zu lesen ist. “Ich gucke gerne auf diesem Bildschirm, weil ich das Gefühl habe, viele meiner Zuschauer sehen das auf ganz ähnlichen Geräten”, sagt Benthues.” Im Vorraum, wo Assistentin Tina Hilbert Anrufern regelmäßig erklärt, dass ihr Chef wieder mal im Haus unterwegs ist oder im Flieger sitzt, hängt ein “Stromberg”-Plakat, bei dem die Kollegen Benthues Kopf draufmontiert haben.

Kaffee gibt es aus Tassen mit “Arabella”- und “Andreas Türck”-Logo. “Da werden eher die Sendungen abgesetzt als die Tassen weggeschmissen”, grinst Benthues, der freundlich ablehnt, wenn man sich erkundigt, ob er selbst auch gerne mal vor der Kamera stehen wolle: “Beim ‘Launebär’ durfte ich alles spielen, was mit Uniformen und Haumeisterkitteln zu tun hatte und hab relativ schnell festgestellt, dass mir das nicht so liegt.” Will man ihn zum Schluss noch fragen, ob er sich vorstellen könne, auch mal was anderes zu machen, Unterhaltungschef beim ZDF womöglich oder Chef beim neuen MTV-Comedykanal, versaut Benthues einem vorher den Gag, weil er bereits über sein Vermächtnis gewitzelt hat: “Wenn ich nach zehn Jahren mal Manfred Teubner beerben muss, nein: darf, hab ich ProSieben immerhin den Red-Nose-Day hinterlassen.” Teubner ist Unterhaltungschef beim ZDF. Und Benthues versteht sich blendend mit ihm.

Aber im Ernst: Ein Wechsel komme für ihn derzeit nicht in Frage. “Ich will Ideen umsetzen. Und bei Pro Sieben gibt es ständig neue Herausforderungen.” Die nächste ist wohl, die Balance zwischen Spielfilmsender und Entertainmentkanal zu finden, ohne dass die Zuschauer wegschalten, wie sie es im Jahr zuvor ein bisschen zu oft getan haben. Vielleicht muss man sich aber vorerst keine Gedanken um die Experimentierfreudigkeit des Senders machen: Die sehr absurde “Pro Sieben Märchenstunde”, auf die Benthues mindestens so stolz ist wie auf die “Wok WM” und andere Raab-Events, lief vor ein paar Wochen als eines der erfolgreichsten Formate an, das Benthues je verantwortet hat. Sieht so aus, als könne Manfred Teubner seinen Job auf dem Mainzer Lerchenberg noch eine Weile behalten.

Download Porträt mit Fotos (PDF-Format, 3 MB)

Artikel gespeichert unter: Broadcast Magazine

bisher 2 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben

  • 1. Christoph  |  01.März 2009 at 18:52

    Toller Artikel! Super informativ und leichtläufig zu lesen – weiter so!

  • 2. RADIO BRENNT FOLGE 76 at &hellip  |  11.Januar 2010 at 14:33

    [...] Fachhochschule Köln zur Zukunft der Medien. Neben dem ehemaligen Pro Sieben Unterhaltungschef Jobst Benthues oder Studi VZ Erfinder Ehssan Dariani, war  Ingo einer der Redner. Sein Skript zur Rettung des [...]

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