Scripted Reality: Alles nur geklaut

06.November 2009

Wie ProSieben mit erfundenen Alltagsreportagen dreist RTL kopiert – und das nicht mal zugeben mag

Bei Familie Reuters in Köln-Chorweiler hängt der Haussegen schief. Die älteste Tochter muss ihre vier kleinen Geschwister versorgen, weil die alleinerziehende Mutter nachts auf Männerfang in der Disko ist und morgens ausschlafen mag. “Ich steh auf dunkelhäutige Männer”, sagt Mama Petra, “die sind einfach rassiger”. Dass jedes ihrer fünf Kinder einen anderen Vater hat, ist ihr schnuppe. Nicole Wagner aus Wesseling hat ein ganz anderes Problem: Sie hat sich vor einigen Wochen von ihrem Mann Sven getrennt. Der denkt aber trotz Gerichtsbeschluss nicht daran, das gemeinsam bewohnte Haus zu verlassen. Seit auch noch Nicoles neuer Freund eingezogen ist, kommt es permanent zu Reibereien. Mit Wutanfällen macht Sven seiner Ex das Leben zur Hölle, bis er von der Polizei abgeholt wird.

“Familien im Brennpunkt” heißt die Reihe, in der solche Situationen gezeigt werden, und wenn es nach RTL geht, ist das die perfekte Unterhaltung fürs Nachmittagsprogramm. Weil die Konflikte in deutschen Wohnzimmern aber nicht ausreichen, um jeden Tag einen neuen Streit zu erzählen, ist man beim Sender auf die Idee gekommen, sich die Geschichten einfach auszudenken und von Laiendarstellern spielen zu lassen. So wie die von Familie Reuters und Nicole Wagner. “Geskriptete Dokusoaps” sind der neueste Trend im deutschen Fernsehen. Seit dem Start Anfang September erzielen “Familien im Brennpunkt” und die direkt davor gezeigten “Verdachtsfälle” Traumquoten mit bis zu 30 Prozent Marktanteil – auf Sendeplätzen, mit denen RTL jahrelang Probleme hatte, weil Sat.1 und ProSieben mit Gerichtsshows und Dokusoaps so erfolgreich waren. Mithilfe der erfundenen Alltagsreportagen hat sich das schlagartig geändert. Für RTL ist das ein Glücksfall, weil es viel leichter ist, Laien das gegenseitige Anschreien improvisieren zu lassen, als täglich einen Fall aus der Realität zu drehen. Außerdem können so Extremsituationen gezeigt werden, in denen die Kamera sonst nicht dabei wäre. Wegen des Erfolgs ist zu befürchten, dass sich das durchsetzen wird.

Heimlich experimentiert inzwischen auch ProSieben mit den Realitätsinszenierungen – und das ausgerechnet in einer neuen Reihe, die den Titel “Reality Affairs” trägt. Dafür hatte der Sender Anfang Oktober kurzerhand das Genre der “Dokunovela” erfunden, eine Mischung aus Dokumentation und Telenovela, in der die Protagonisten ihre Geschichten selbst erzählen. Das zeige, “dass das wahre Leben spannender ist als jede Soap”, wirbt ProSieben für seine “Geschichten aus dem echten Leben”. Aber wer genau hinsieht, entdeckt im Abspann jeder Folge neuerdings denselben Hinweis wie bei den RTL-Sendungen: “Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden.”

Auch ProSieben bestätigt, dass es sich nicht um reale Fälle handelt, angeblich aber erst seit dieser Woche und nur als Testlauf. Glaubwürdig ist das nicht: Wer in der vergangenen Woche dem Pro-Sieben-Dokusoap-Star, der “Hure Trixie”, dabei zugesehen hat, wie sie sich gegen den Willen ihrer adipösen Tochter um einen Job als Bordellbetreiberin bemüht, dem klingen die unfassbar hölzernen Dialoge der Akteure noch immer im Ohr. Mit “echten Geschichten” hat das jedenfalls nichts zu tun.

Mindestens genauso aufschlussreich ist, wie der Sender versucht, dem Konkurrenten RTL nachzueifern: Die diese Woche gezeigten “Reality Affairs” tragen allesamt den Untertitel “Einsatz auf dem Schulhof”. Tag für Tag sind “Die Schulfahnder” unterwegs, um Drogendealern, Dieben und Raufbolden auf dem Pausenhof das Handwerk zu legen. Die Geschichten sind allesamt nach demselben dämlichen Muster gestrickt, vor allem aber eine dreiste Kopie des RTL-Formats “Die Schulermittler”, das im Sommer und ebenfalls mit geskripteten Fällen höchst erfolgreich am Nachmittag lief und Ende des Monats wieder ins Programm genommen werden soll. Dass im deutschen Fernsehen abgekupfert wird, ist nichts Neues, aber wie ProSieben hier den Mitbewerber kopiert, ist geradezu unverschämt.

Christoph Körfer, stellvertretender Geschäftsführer und Sprecher des Senders erklärt: “Die Dokunovela ,Einsatz auf dem Schulhof’, die diese Woche läuft, orientiert sich an nachempfundenen Fällen mit echten Pädagogen. Bei ,Reality Affairs’ testen wir verschiedene Spielarten der Dokunovela.”

Na, wenn das so ist, hier noch ein Vorschlag für eine weitere “Spielart”: Eine Dokusoap über einen Fernsehsender, der klaut und seine Zuschauer belügt. Die würde doch perfekt ins Pro-Sieben-Nachmittagsprogramm passen. Und das Beste daran ist: Man müsste sie nicht mal erfinden.

Artikel gespeichert unter: Berliner Zeitung

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