“Extra”: Die Nummer mit der Nudel im Hackfleisch

17.Oktober 2009

15 Jahre gibt es das Allzweckaufklärermagazin “Extra” bei RTL schon. Im Privatfernsehen ist das fast schon eine kleine Ewigkeit

Afghanistan, Koalitionsverhandlungen, Konjunkturkrise – das ist ja alles schön und gut. Aber irgendwer muss sich auch um die Themen kümmern, die die Menschen im Land wirklich bewegen. Birgit Schrowange zum Beispiel: “Es soll Wirte geben, die zwar ihr eigenes Essen zu sich nehmen, sich aber lieber nicht auf ihre Gästetoilette wagen. Da darf nämlich geschludert werden”, moderierte Schrowange am vergangenen Montag den großen “Extra”-Restauranttoiletten-Test an, bei dem Reporter die Klosetts in deutschen Gaststuben mit Speziallösungen präparierten, um nachzuweisen, dass dort nicht geputzt wird.

Am Montag feiert das RTL-Mischmagazin seinen fünfzehnten Geburtstag, was fürs Privatfernsehen eine ganz erstaunliche Halbwertszeit ist. Aber die Quoten stimmen, und das liegt vermutlich daran, dass das Interesse von “Extra” zwar übers stille Örtchen hinausgeht, am Ende aber doch immer nach demselben Rezept funktioniert: ein Verbraucherstück, ein, zwei Gesellschaftsthemen, zum Schluss ein Erotikbeitrag. Fast schon altmodisch.

“Für mich ist ,Extra’ eine bunte Wundertüte”, sagt Schrowange. “Das Herzstück ist aber nach wie vor unser Test.” Überall, wo sich Gastwirte erdreisten, aufgetaute Kartoffeln oder angebissene Lasagne auf den Tisch zu bringen, sitzt deshalb schon ein RTL-Redakteur mit der versteckten Kamera, um den Missstand zu dokumentieren. In diesem Jahr deckte “Extra” unter anderem auf, dass italienische Restaurants oftmals gar nicht von Italienern betrieben werden, dass der Schälverlust beim Spargel in Restaurants bis zu dreißig Prozent betragen kann, dass Fertiggerichte nach der Zubereitung nie so gut aussehen wie auf dem Verpackungsfoto und dass das Oktoberfest ein Paradies für Taschendiebe ist.

Für viele dieser Erkenntnisse brauchte es eigentlich keine versteckte Kamera, sondern bloß eine Portion gesunden Menschenverstand, aber “Extra” gelingt es stets, auch noch die unspektakulärsten Rechercheergebnisse als Sensation anzupinseln. “Natürlich ist ,Extra’ auch ein Stück Boulevard – wir machen ja nicht ,Panorama’”, sagt Schrowange.

Einer der größten Erfolge in diesem Jahr war der Beitrag, in dem RTL-Allzweckaufklärer Burkhard Kress herausfand, dass das Toilettengeld, das in deutschen Einkaufszentren auf den Tellern der Putzkräfte landet, nachher von den Betreibern eingesackt wird – anschließend hagelte es Post von empörten Zuschauern, und “Extra” sah sich veranlasst, an den Ort des Geschehens zurückzukehren, um sich von Toilettenbesuchern zu Protokoll geben zu lassen: “Wenn ich das nächste Mal geh’, geb’ ich nix mehr!” Von Zeit zu Zeit landet das Team auch einen echten Coup: Mit einer Nudel, die im Supermarkt im Hackfleisch versteckt wurde, konnte die Redaktion nachweisen, dass die Ware nach dem Ablaufdatum umetikettiert und wieder ins Regal gelegt wurde. Weil das schon zweimal ein großer Aufreger war, hat Reporter Kress es für die Jubiläumssendung am Montag noch ein drittes Mal versucht. Und siehe da, es hat schon wieder geklappt. Journalistenschulen, bringt euren Absolventen bei: In diesem Beruf kann man auch erfolgreich sein, wenn man rumläuft und Teigwaren in Gehacktes schiebt.

Neulich gab es mal Ärger, weil die Redakteure der Ansicht waren, mit der versteckten Kamera auch in einer Arztpraxis filmen zu können, was dem Arzt nicht so ganz gefallen hat, der die Ausstrahlung gerichtlich verbieten ließ – aber das gehört wohl zum Risiko von Fernsehleuten, die glauben, investigative Recherche sei daran zu erkennen, dass man dem Zuschauer nachher wackelig-verschwommene Bildern präsentiert.

Zwischen den vielen Tests kümmert sich “Extra” auch um Fragen mit gesellschaftspolitischer Brisanz – zum Beispiel: Wie dick darf man sein, um im Flugzeug mitzufliegen? (Nicht über 130 Kilo, und “wie die Dicken das finden”, hat “Extra” auch herausgefunden.) Welche prekären Unterlagen findet man, wenn man bei ganz normalen Leuten im Papiermüll wühlt? (Eine ganze Menge.) Tragen ostdeutsche Frauen andere Frisuren als westdeutsche? (Manchmal.) Und wie wirkt sich die Krise auf die Einnahmen im Puff aus? (Gar nicht gut.)

Wenn der Zuschauer dranbleibt, wird er am Ende mit ein bisschen Erotik belohnt. In diesen Situationen sind Schrowanges Anmoderationen besonders lustig: “Warum auch viele Frauen im Bett gern Schuhe tragen – auf High Heels zum Orgasmus. Jetzt in ,Extra’”, sagt sie dann. Oder: “40 Prozent aller deutschen Männer schauen sich Pornos am Computer an – und das sind nur die, die es auch zugeben.” Oder: “Die neue Lust am Nacktfoto. Warum Zehntausende Frauen in Deutschland ganz ohne Gage die Höschen fallen lassen.” In der Sendung ist ihr das nicht peinlich, beim Telefonieren schon ein bisschen mehr, aber Schrowange erklärt: “Fast jeder Mensch hat Sex, das Interesse an diesem Thema ist groß, das gehört nun mal dazu – und wir sind fast die Einzigen, die das behandeln. Ist doch gut, dass es uns gibt.” Ja, klar. So lange niemand auf die Idee kommt, das mit Journalismus zu verwechseln, ist das völlig in Ordnung.

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