Relaunch bei Das Vierte: Türken essen gern

29.September 2009

Das Vierte bleibt auch nach dem Relaunch hinter den vollmundigen Ankündigungen des neuen Eigentümers zurück

Es ist ja nicht so, dass es Dmitri Lesnewski an positiver Grundeinstellung fehlen würde. Im Sommer des vergangenen Jahres kaufte sich der russische Medienunternehmer überraschend auf dem deutschen Fernsehmarkt ein und übernahm den Kleinsender Das Vierte vom amerikanischen Konzern NBC Universal. Das sei “der Anfang der weltweiten Expansion unserer Mediengruppe”, erklärte der 39-jährige Russe danach dem Spiegel und sprach etwas voreilig davon, aus dem bisherigen Resteverwertungskanal ein “Vollprogramm” machen zu wollen. Ein Jahr hat sich Lesnewski mit den Umbauarbeiten Zeit gelassen.

Seit etwas mehr als einer Woche ist das Vierte nun mit neuem Programmschema auf Sendung, zeigt zwei tägliche Magazine und hat sich mit einem frischen Design herausgeputzt. Statt der bisherigen Senderfarben schwarz und gelb strahlt alles ganz in weiß. Dazu flitzt das neue Logo, eine dreidimensionale “4″, in witzigen Animationen über den Bildschirm. Mal stürmt die 4 dem Zuschauer auf Rollerskates entgegen, ein anderes Mal fungiert sie als Zielscheibe oder lässt sie sich wie eine Süßstofftablette in eine überdimensionale Tasse Kaffee fallen. Dazu fordert der neue Sender-Claim in leuchtendem Rot: “Be happy!” Aber wie bitte schön soll das gehen mit einem Programm, das aussieht wie ein Grabbeltisch im Schlussverkauf und aus wild zusammengekauften Spielfilmen, Serien und Reality-TV besteht?

Dass Das Vierte 24 Stunden auf Sendung ist, muss man wohl als Versehen werten: Morgens läuft stundenlang Astro TV und Teleshopping, und in der Nacht präsentieren Damen aus der Geringbekleidungsbranche ihre “Secret Fruits”, bevor “Living Gospel” die Zuschauer in den Morgenstunden mit “Antworten aus Gottes Wort” bekehren will – allesamt Fremdproduktionen, deren Veranstalter Geld dafür zahlen, dass sie sich auf der Frequenz des Senders einmieten, um neue Zuschauer zu gewinnen.

Das eigentliche Programm geht am Nachmittag mit Wiederholungen los, ab halb sechs folgen das Modemagazin “Look” und das Reisemagazin “Globe”, am Abend Spielfilme. Sonntags läuft der amerikanische Reality-Unsinn “Ghost Hunters”, bei dem Spezialkräfte mit lustigen Messgeräten ausrücken, um paranormale Phänomene in Einfamilienhäusern nachzuweisen – wobei das Paranormale nicht die vermeintlichen Geister sind, die sie damit ausfindig machen, sondern eher die irren Hausbewohner, die das Rattern der Waschmaschine für einen verschlüsselten Gruß aus dem Jenseits halten.

Das US-Serienhighlight “30 Rock”, das man im vergangenen Jahr als Erstausstrahlung angekündigt hatte, ließ sich der Sender vom ZDF wegschnappen. Und die wichtigste Eigenproduktion, eine aus Russland adaptierte Sitcom mit dem Titel “Ein Haus voller Töchter”, ist zwar gerade in München mit Götz Otto und Grit Böttcher abgedreht worden, hat es aber wegen der Werbekrise noch nicht ins Programm geschafft. Ab Januar soll das nachgeholt werden, mit einer echten Kamikazeprogrammierung: montags bis freitags um 20.15 Uhr, wenn die meisten kleinen Sender gegen die großen überhaupt keine Chance haben. Dass Das Vierte ausgerechnet mit einer Sitcom das Gegenteil beweisen kann, einem Genre also, das RTL und Sat.1 wegen anhaltender Erfolglosigkeit fast vollständig aus dem Programm getilgt haben, ist unwahrscheinlich.

“Unterhaltsamer und vielfältiger”, “facettenreicher und frischer” solle das neue Programm werden, versprach Das-Vierte-Geschäftsführerin Elena Fedorova vor dem Start. Davon ist bisher nichts zu sehen. Eher verfestigt sich der Eindruck, dass sich Lesnewski, der in Russland einen Kreml-kritischen TV-Sender betreibt und sich die Oppositionszeitung The New Times leistet, mit dem Projekt in Deutschland gehörig verhoben hat. Und zwar nicht nur, weil die Medienkrise dazwischen kam. Das Vierte macht vielmehr den Eindruck, als versuche da ein Team Fernsehen zu produzieren, das sich mit dem hiesigen Markt und dem, was das Publikum sehen will, nicht auskennt.

Die beiden täglichen Magazine sind nicht nur ziemlich öde, sondern auch eine journalistische Katastrophe. In “Look” kündigt die ehemalige “Germany’s Next Topmodel”-Teilnehmerin Carolin Ruppert Beiträge über Designer an, in denen eine Stimme aus dem Off Werbetexte vorliest, während zu atmosphärischer Musik minutenlang Modenschauen aus immer derselben Einstellung gezeigt werden – die perfekte Einladung für ein frühabendliches Nickerchen.

In “Globe TV” laufen so genannte Reiseberichte, die sich die Marketingexperten der jeweiligen Urlaubsregion nicht schöner wünschen könnten und bei denen die Sprecherin selbst die grammatikalischen Fehler in den grauenhaften Texten mitliest: “Die versteckten Hinterhöfe dienen Menschen und Katzen als zusätzlichen [sic] Lebensraum”, heißt es da über Antalya an der türkischen Riviera, das den “wichtigsten Flughafen der Region” besitzt (ach!) und “weit mehr ist als nur eine Verteilstation für die verschiedenen Badeorte der Region” (faszinierend!). Über die Türken erfährt der “Globe”-Zuschauer, dass sie “ein sehr geselliges und kommunikatives Volk sind. Außerdem essen sie gern.” Herrje.

Dass sich ein Kleinsender ohne Teleshopping und Sexclips nicht refinanzieren lässt, haben schon andere vorgemacht. Der große Nachteil ist, dass Das Vierte 2009 noch einmal komplett von vorne anfangen muss, während sich die direkten Konkurrenten in Ruhe entwickeln konnten. Mit Lesnewskis Unternehmen Mini Movie International hat Das Vierte zwar einen Medienkonzern im Rücken, aus dem lässt sich aber so gut wie gar nichts abschöpfen – anders als bei Tele 5, das zur Tele-München-Gruppe des Rechtehändlers Herbert Kloiber gehört und auf dessen Filmstock zurückgreifen kann, oder Dmax, das vom amerikanischen Discovery Channel Network versorgt wird.

Das wird nicht lange gut gehen. Dmitri Lesnewski muss sich überlegen, was er mit seinem Sender in Deutschland wirklich will. Derzeit ist das Vierte jedenfalls nicht nur Lichtjahre von einem ernst zu nehmenden Vollprogramm entfernt, sondern leider auch ein paar tausend Kilometer von einem sehenswerten Spartenkanal.

Artikel gespeichert unter: Berliner Zeitung

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