Pilawa geht zum ZDF: Fische vor die Füße
07.September 2009
Tschüss, ARD: Der Wechsel von Jörg Pilawa zum ZDF ist ein Zeichen für die Mutlosigkeit der Fernsehsender
Im Januar hat Jörg Pilawa mal ausprobiert, was er sonst noch alles kann. Moderieren macht er ja mit links. Aber Fischverkäufer? Pilawa hat sich hinter die Theke eines Marktwagens gestellt, die Leute vor ihm angebrüllt, dass sie ihm gefälligst ein paar Aale abnehmen sollen, und als aus dem Publikum nur verhaltenes Kichern kam, ist er in die erste Reihe gestürmt, hat der Bürgermeisterin eine Ladung Fische vor die Füße geworfen, einer anderen Frau mit dem Kommentar “Willste mal riechen?” seine Hände unter die Nase gestreckt und sich dann ein Opfer unter den Zuschauern herausgezogen, das er mit nach vorne schleppte, um ihm die Geldbörse abzuknöpfen und ein paar Witze zu machen. Anschließend hat er sich seinen Applaus abgeholt und ist gegangen. Händewaschen.
Es waren bloß ein paar Minuten, die Pilawa vor neun Monaten bei “Wetten dass, …?” damit verbrachte, seine Schuld für die zuvor verlorene Wette einzulösen – als Fischverkäufer. Aber die haben gereicht, um über einen Mann zu erschrecken, der gerne als freundlicher Schwiegermuttertyp beschrieben wird, in dieser Situation aber keine Skrupel hatte, sich fast aggressiv auf Kosten anderer zu inszenieren. Ohne zu merken, wie er mit jedem Scherz zu weit geht. Und vor allem: ohne das geringste Gespür dafür, wie das am Bildschirm wirken musste. Für jemanden, der es gewohnt ist, weit mehr als 200 Sendungen im Jahr zu moderieren, war das ein erstaunlicher Fehltritt. Und für alle, die zugesehen haben, ein Aha-Effekt.
Dabei gibt es den harmlosen Herrn Pilawa, dem Journalisten so gerne Profillosigkeit attestieren, schon länger nicht mehr. Pilawa hat in den vergangenen Jahren, in denen er der ARD behilflich war, ihr halbes Abendprogramm zur Quizzone umzubauen, durchaus ein Profil entwickelt: nicht nur das des verlässlichen Quotenbringers. Sondern auch eines, das auf gnadenloser Selbstüberschätzung basiert. Pilawa ist bloß gut darin, das zu verstecken. Als er vor zwei Jahren in einem Interview als “beliebtester Moderator Deutschlands” angesprochen wurde, antwortete er: “Ich selber habe mich nie so verstanden.” Und auf die Nachfrage, wo er sich denn selbst einordne: “Wenn ich unter den Top 5 wäre, könnte ich damit leben.” Was für ein Satz! Vor seinem Auftritt bei “Wetten dass, …?” wurde er gefragt, was er täte, wenn ihm Thomas Gottschalk mit sofortiger Wirkung seine Sendung übertrüge, und Pilawa antwortete: “Ich würde spontan absagen.” Nachher, in der Show, sah das anders aus – so aufgeputscht, wie Pilawa sich bemühte, locker und unverkrampft zu wirken, und später den Stargast Tom Cruise zu interviewen, was den eigentlichen Moderator der Sendung nebendran leicht irritierte. Alles an Pilawa signalisierte an diesem Abend: Ich könnte das hier auch – worauf wartet ihr?
Es ist ein Missverständnis, zu glauben, Pilawa sei harmlos, genauso harmlos zum Beispiel wie Oliver Geissen bei RTL. Einem wie Geissen ist egal, was er macht, er nutzt bloß die Chancen, die sich ihm bieten, so lange sie da sind, und es ist ihm einerlei, ob er mit Herzblut dabei ist oder bloß seinen Job erledigt. Pilawa hingegen fühlt sich zu Höherem berufen. Wer über 200 Shows im Jahr moderiert und jahrelang in Interviews damit kokettiert, unbedingt kürzer treten zu müssen, der hat entweder keine Hobbys. Oder ist sehr von der eigenen Unverzichtbarkeit überzeugt.
Jetzt löst Pilawa sein Versprechen, weniger oft im Fernsehen sein zu wollen, doch noch ein – zumindest hat er das mal wieder angekündigt. Bis Ende des Jahres steht er noch für die ARD vor der Kamera, dann macht er Pause und wechselt im Herbst 2010 zum ZDF. Der Vertrag ist noch nicht unterschrieben, aber ZDF-Programmchef Thomas Bellut geht davon aus, dass es in den nächsten Tagen soweit sein wird. Eine wöchentliche Late-Night-Sendung soll Pilawa moderieren, und natürlich einige Abendshows, nur nicht mehr so viele wie bei der ARD.
Erstaunlicher als die gerade bekannt gewordene Personalie ist das Tauziehen, das ihr vorausging – und bei dem sich zwei öffentlich-rechtliche Sender einen ganzen Sommer darum stritten, wer diesen Mann auf seine Seite ziehen kann, während Pilawa erstmal schön in Urlaub gefahren ist. Das spricht einerseits dafür, dass Pilawa seinen Marktwert gerade ganz gut einzuschätzen weiß. Und andererseits dafür, dass ARD und ZDF, die diesen Wert gerade künstlich in die Höhe getrieben haben, unfassbar verzweifelt sein müssen. Um was haben sich die Programmchefs da gestritten? Um einen Mann, der nicht viel mehr mitbringt als: Massenkompatibilität. Pilawa ist nicht so spontan wie Gottschalk, kann nicht wie Kerkeling in viele Rollen schlüpfen (nicht mal die des Fischverkäufers), war nie so ironisch wie Jauch – er ist einfach jemand, der eine Fernsehsendung mit prominenten Gästen oder Quizkandidaten von vorne bis hinten ordentlich über die Bühne bringt. Und das bedeutet im deutschen Fernsehen: ein Star. Top 5, mindestens.
Fast wäre man versucht, Mitleid mit der ARD zu haben, wo Programmdirektor Volker Herres gerade regelmäßig damit beschäftigt ist, Abgänge zu kommentieren: erst Pocher, jetzt Pilawa – hat schon mal jemand nachgefragt, wie sich Reinhold Beckmann gerade so fühlt? “Menschlich” habe er für Pilawas Weggang “viel Verständnis”, erklärte Herres. Aber was heißt das eigentlich? Dass Herres eigentlich auch keine Lust hat, für einen Laden zu arbeiten, von dem alle, die ihm zuletzt den Rücken gekehrt haben (oder wie Jauch erst gar nicht anheuern wollten) dasselbe sagen: Es ist ein Albtraum, dort beschäftigt zu sein, weil tausend Leute mitreden wollen, mindestens um ihre ganz persönlichen Bedenken zu äußern? Bei der Kooperation mit Stefan Raab für den Eurovision Song Contest im kommenden Jahr lief es nicht anders, erst im zweiten Anlauf hat es funktioniert, nachdem Raab quasi schon abgesagt hatte. Auch Pilawa hat in den vergangenen Monaten immer wieder erklärt, wie sehr es ihn nerve, dass es Ewigkeiten brauche, bis in der ARD mal eine Entscheidung gefallen sei. Die Süddeutsche fragte allen Ernstes: “Pflegt man ihn genug?” Und der Spiegel berichtete, Pilawa sei unzufrieden mit seiner “Wertschätzung” innerhalb der ARD.
Lustig. Das ist Johannes B. Kerner auch gerade passiert. Vielleicht ist das nicht der einzige, aber doch einer der Gründe, warum Kerner nach so vielen Jahren im Oktober dem ZDF den Rücken kehrt und zu Sat.1 geht. Bellut hat Kerner verloren, weil es diesen Punkt in der Karriere eines Moderators gibt, an dem er sich nicht mehr in seine Arbeit hineinreden lassen will, auch nicht von Programmchefs und Intendanten. Weil klar ist, dass die Konkurrenz nur darauf wartet, ihn mit offenen Armen zu empfangen. Nur war ZDF-Unterhaltungschef Thomas Bellut so clever, sich die Strategie abzuschauen, mit der Sat.1-Chef Guido Bolten Kerner zum Wechsel überredet hat – und den Schwarzen Peter mit dem Pilawa-Deal an die ARD weiterzureichen.
Mutig kann man das nicht nennen, eher verzweifelt. Die Chance, eigene Moderatoren aufzubauen, nehmen die öffentlich-rechtlichen Sender seit Jahren kaum noch wahr, und seinen letzten Hoffnungsträger hat Bellut bei RTL gefunden: Markus Lanz, der vorher “Explosiv” moderierte und jetzt als eine Art kleiner Kerner langsam wachsen soll. Aber Lanz hat Bellut nicht gereicht. Aus Sicht des ZDF-Programmchefs mag der Handel nachvollziehbar sein. Die Chancen, dass Pilawa auch im ZDF funktioniert (zumal er dort vermutlich sehr ähnliche Shows moderieren wird wie in der ARD), sind groß. Es ist der Weg des geringsten Widerstands, den ARD und ZDF in der Unterhaltung seit Jahren gehen. Wahrscheinlich wird es vielen Zuschauern gar nicht auffallen, dass Pilawa den Sender gewechselt hat. Und die ARD hat in jedem Fall ein Problem – weil sie nun mit den Konsequenzen leben muss, die sie sich selbst eingebrockt hat, als sie fast ihre ganze Unterhaltung auf den Schultern eines Mannes aufbaute. Der jetzt geht.
Was wird sich ändern? Nicht viel. Das ZDF hat den Weggang Kerners nicht als Chance begriffen, die frei werdenden Sendeplätze mit Programmen zu füllen, die weg vom harmlosen Talk gehen und neue Zielgruppen erschließen könnten. Wieso sollte die ARD anders handeln? Vielleicht kommt Frank Plasberg jetzt öfter zum Zug, der sich in den vergangenen Monaten schon mal warmgequizzt hat. Programmchef Herres braucht ja nur jemanden, der “Das Quiz” übernimmt, “Das Star-Quiz”, “Das Junior-Quiz”, “Das große Tatort-Quiz”, “Das große Geschichtsquiz”, die “Quiz-Nacht”, “Der große Erziehungstest”, “Der große Schultest”, “Der große Ernährungstest”, den “Star-Biathlon”, “Pisa – Der Ländertest”, “Pisa – der Geschlechterkampf”, “Pisa – der große Nationentest” und so weiter. Das dürfte doch kein Problem sein.
Das Problem ist eher, dass die vielen Wechsel der Moderatoren, die in diesem Jahr das Fernsehen durcheinander wirbeln, unterhaltsamer sind als die Shows, die sie moderieren. So lange trotzdem ein paar Millionen einschalten, haben die Verantwortlichen bei ARD und ZDF nur kein Problem damit, das zu ignorieren.
Artikel gespeichert unter: Berliner Zeitung
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