Privat-TV vor 25 Jahren: Einer wird gewinnen
05.Februar 2009
Anfang der 90er Jahre war die Rivalität zwischen RTL und Sat 1 auf dem Höhepunkt – heute kämpfen die Sender hingegen kaum noch mit unfairen Mitteln
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So klingen ernstgemeine Drohungen: “Wenn die Krieg haben wollen, sollen sie ihn haben”, versprach der einstige RTL-Chef Helmut Thoma Anfang der 90er Jahre und meinte damit – natürlich – den ewigen Erzrivalen Sat 1. Der hatte gerade Ulrich Meyer vom erfolgreichen RTL-Krawalltalk “Explosiv – der heiße Stuhl” weggekauft, um ihn bei sich einen neuen Krawalltalk namens “Einspruch!” moderieren zu lassen, der dann auch noch in direkter Konkurrenz zum “Heißen Stuhl” lief. Eine Zeit lang schnappten sich die beiden Redaktionen gegenseitig Themen und Gäste weg. Für die Zuschauer muss dieser absurde Kampf, über dessen Stand regelmäßig in den Zeitungen berichtet wurde, unterhaltsamer gewesen sein als die auf Provokation getrimmten Schreirunden.
Bevor RTL 1993 mit 18,9 Marktanteil bei den Zuschauern ab 3 Jahren zum ersten Mal Marktführer wurde, lieferten sich die beiden 1984 gestarteten Konkurrenten ein heute kaum noch vorstellbares Duell um Stars, Ideen und Aufmerksamkeit. Der Höhepunkt: RTL verbot dem Konkurrenten 1991 per einstweiliger Verfügung, den Film “Gremlins” ab 21 Uhr zu zeigen, weil dieser erst ab 16 Jahren freigegeben war. Später revanchierte sich Sat 1, indem der Sender den Mörder von Laura Palmer aus der RTL-Serie “Twin Peaks” vorab im Videotext verriet.
Bis dahin waren die Streitereien der beiden Sender für das Publikum weniger offensichtlich gewesen – unter anderem, weil es in den Anfangsjahren kaum welche gab. Nach dem Sendestart 1984 waren sowohl Sat 1 als auch das damalige RTL plus zunächst damit beschäftigt, überhaupt auf Sendung zu bleiben. Für ausschweifende Feindbeobachtungen sei keine Zeit geblieben, erinnert sich Jürgen Doetz. Der damalige Chef der PKS (Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenrundfunk), unter der Sat 1 zu dieser Zeit noch firmierte, hatte die Zuschauer am 1. Januar 1984 begrüßt. “Wir haben am Anfang mehr oder weniger nebeneinanderher gesendet, wegen der geringen Verbreitung auch noch für ganz unterschiedliche Zielgruppen”, so Doetz.
“Und dann gab es damals die Überzeugung auf beiden Seiten, dass sich auf Dauer nur ein privater Sender würde halten können.” Als später Sender wie Eureka TV (das spätere Pro Sieben) und Tele 5 dazukamen und sich langsam die Erkenntnis durchsetzte, dass der Markt wohl von einer dauerhaften Konkurrenz geprägt sein würde, änderte sich der Ton.
Schon vorher stritten die beiden Neulinge heftig über die Verteilung terrestrischer Frequenzen. Der Ausbau des Kabelnetzes ging nicht schnell genug voran, der Satellitenempfang war längst noch kein Massenmarkt. Also war es für RTL und Sat 1 von entscheidender Bedeutung, auf klassisch-terrestrischem Wege neue Zuschauer zu erreichen. “Da wurden in jedem einzelnen Bundesland Schlachten geschlagen”, erklärt Doetz. Zuerst 1987 in Berlin, und später noch bis nach der Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern. Doetz: “Das war quasi die Geburtsstunde der Standortpolitik – denn zuständig für die Vergabe waren ja die Länder.” Und die ließen sich die tollsten Regionalfenster versprechen, um die wertvollen Frequenzen herauszurücken.
An eine gemeinsame Interessenvertretung der privatwirtschaftlich finanzierten Sender war in den Anfangsjahren kaum zu denken. Im Gegenteil: Auf beiden Seiten wurden Verbände geründet, der Bundesverband Kabel und Satellit (BKS) von den Sat-1-Gesellschaftern, und der Bundesverband Privater Rundfunk und Telekommunikation (BPRT) durch RTL – die 1990 dann doch zum Verband Privater Rundfunk und Telemedien fusionierten, dessen Präsident Doetz heute ist. Geradezu revolutionär war, dass sich beide Private 1988 mit ARD und ZDF zusammenschlossen, um die Nutzung ihrer Programme durch das Marktforschungsunternehmen GfK ermitteln zu lassen.
Lange Zeit war diese Zusammenarbeit die einzige Ausnahme. Sonst trennten die beiden Sender seit dem Start Welten. Während Sat 1 sich bei seinem Programm auf die Zulieferung des Filmhändlers und Eigentümers Leo Kirch verlassen konnte, fehlte RTL in den Gründungsjahren eine solche Versorgung – der Sender war gezwungen zu experimentieren, zeigte vor allem eigene Shows wie “Der heiße Stuhl”, “Tutti frutti”, “Eine Chance für die Liebe” oder “Alles nichts oder!?” und traf damit offenbar genau den Geschmack des Publikums.
Um diesem Erfolg gegenzusteuern, holte Sat 1 im Jahr 1995 Fred Kogel, der prompt Thomas Gottschalk und Harald Schmidt für sein neues Programm verpflichtete. Mit dem Versuch, die Anfangszeiten der Sendungen im Sat-1-Programm zu vereinheitlichen (“Volle Stunde, volles Programm”), und das gegen den “Tagesschau”-Rhythmus, scheiterte Kogel allerdings – auch weil RTL nicht mitzog und Thoma sich stattdessen über Sat 1 lustig machte. Dabei verschätzte sich auch der damalige Marktführer in dieser Phase das eine oder andere Mal kräftig: Als Thoma Mitte der 90er Jahre ankündigte, Sat-1-Talkerin Margarethe Schreinemakers zu holen, hatte die mit ihrer dreistündigen Show “Schreinemakers live” längst den Zenit ihres Erfolgs überschritten. Und nach dem Start von “Schreinemakers TV” bei RTL war im Jahr 1997 bald wieder Schluss.
Solche Kämpfe sind heute die Ausnahme. Die Konkurrenten haben sich arrangiert, Stars erregen allenfalls noch Aufsehen, wenn ARD und ZDF sie wegkaufen, oft fallen Wechsel von einem privaten Sender zum anderen gar nicht weiter auf. Und wenn es doch mal zum Duell kommt, dann allenfalls zwischen RTL und Pro Sieben, das an die Stelle von Sat 1 gerückt ist und zum Hauptkonkurrenten der Kölner geworden ist. So geschehen vor zwei Jahren, als beide Sender mit sehr ähnlichen Shows gegeneinander antraten: In “Dancing on Ice” ließ RTL Prominente auf dem Eis tanzen, Pro Sieben beeilte sich, dem mit “Stars auf Eis” zuvorzukommen und engagierte Kati Witt als Moderatorin, die zuvor in der RTL-Sendung “Let’s Dance” in der Jury gesessen hatte. Besonders erfolgreich war keine dieser Sendungen. Vielleicht sind Streits wie die Anfang der 90er auch deshalb so rar: Sie kosten alle Beteiligten Energie – und schlimmstenfalls Quote.
Konkurrenz gibt es dennoch, wenn etwa Pro Sieben “Schlag den Raab” gegen “Deutschland sucht den Superstar” oder “Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!” antreten lässt. Aber selten wird dabei mit drastischen Mitteln gekämpft. Zudem wissen beide Seiten, dass sie sich, um ihre Interessen im Markt zu vertreten, am besten gemeinschaftlich gegen ARD und ZDF durchsetzen, die ihrerseits die Position des öffentlich-rechtlichen Fernsehens verteidigen. Dass RTL-Chefin Anke Schäferkordt ihrem neuen Kollegen, Sat-1-Geschäftsführer Guido Bolten, den Krieg erklärt, ist jedenfalls unvorstellbar. Aus Unterhaltungsgründen müsste man fast behaupten: leider.
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