Technik bei “DSDS”: Immer schön in die Tröte singen

18.Februar 2009

Dieter Bohlen hat eine Kamera ganz für sich allein, im Übertragungswagen stehen ein paar Massagesessel: Der Blick hinter die Kulisse zeigt, wie “Deutschland sucht den Superstar” gemacht wird

Der Mann hat einen langen Weg hinter sich gebracht, bevor er bei den Zuschauern auf dem Bildschirm erscheint. Er ist durchs All gesaust, hat sich durch unterirdisch verlegte Kabel gedrängt, ist auf Bänder aufgenommen und zusammengeschnitten worden. An diesem Tag wird Dieter Bohlen in einem silberfarbenen Truck gefangengehalten, der am Vortag über die Autobahn von Köln nach Berlin manövriert wurde und nun hinterm Theater am Potsdamer Platz steht, wo ein Dutzend Techniker dafür sorgt, dass Bohlen erst auf die vielen Monitore im Wagen und später heil zu RTL gelangt. Auch wenn der Juror von “Deutschland sucht den Superstar” davon rein gar nichts mitbekommt.

Eigentlich sitzt Bohlen in diesem Augenblick mit seinen Jurykollegen im Zuschauerraum des Theaters und begutachtet die Gesangstalente, die auf der Bühne um seine Gunst buhlen. Damit ein Millionenpublikum zusehen kann, haben die Mitarbeiter des Kölner Technologie-Unternehmens Nobeo alle Hände voll zu tun.

Sieben Kameras sorgen dafür, dass jeder Moment beim sogenannten “Recall”, der letzten Auslese vor den Mottoshows, in Bild und Ton festgehalten wird, um die Höhepunkte zu einer fünfundvierzigminütigen Unterhaltungsshow zu komprimieren. Das Meiste davon passiert gleich vor Ort, im Übertragungswagen. In der mobilen Regie, wo auf einer riesigen Bildschirmwand sämtliche Kameraperspektiven zu sehen sind, wird bereits eine Art Rohschnitt festlegt, während in der Kammer nebenan der Tontechniker beinahe einen Herzinfarkt bekommt, wenn wieder ein Kandidat vergisst, das Mikro zu benutzen (“Schön in die Tröte singen!”). Am anderen Ende des Lastwagens sorgen die Kollegen dafür, dass die Kameras dieselbe Farbeinstellung haben, damit die Perspektivwechsel in der Sendung nicht auffallen.

“Das ist ein bisschen wie im U-Boot”, sagt Hacik Kölcü, Account Manager für Außenproduktionen bei Nobeo, das die komplette Technik bei “DSDS” organisiert, von den Castings bis zum Finale. An diesem Tag sitzt ein Dutzend Mitarbeiter den ganzen Tag über im Ü-Wagen, um die Bilder vorzuproduzieren, die das Publikum nachher zu sehen bekommt. Am Morgen sind die Kulissen der Show in das Musicaltheater gebaut worden. In der Nacht, wenn die Jury längst im Hotel ist und die Mehrzahl der Kandidaten auf dem Heimweg, wird im Schichtbetrieb wieder abgebaut. Wie auf dem Jahrmarkt.

Ungefähr fünf Millionen Euro hat die mobile Zentrale gekostet, die auch für Fußballübertragungen oder Veranstaltungen wie Stefan Raabs “Stock Car Crash Challenge” genutzt wird. Bei der waren im vergangenen Jahr 30 Kameras im Einsatz, deren Bilder im Ü-Wagen live zusammengesetzt und über den Sender gejagt wurden. Schiefgehen darf in solchen Situationen nichts. “Wenn es ein Problem gibt, können wir ja nicht einfach zur Werkstatt fahren – sonst fällt die Übertragung flach, und die Zuschauer schalten weg”, sagt Kölcü.

Für Technikfans ist ein Blick in den “Nobeo 1″ – so der schlichte Name des 38-Tonners – wie eine Visite in der Boxengasse der Formel 1. Dabei gehört das Fahrzeug mit seiner komplett ausfahrbaren “Schublade” auf der rechten Seite eigentlich nur zu den Mitteklasse-Modellen: Bei der Superbowl-Übertragung in den Vereinigten Staaten kommen noch größere Wagen zum Einsatz, erzählt Kölcü. In jedem Fall gibt es diese Fahrzeuge nicht vom Band. Jedes Einzelne ist eine Sonderanfertigung, weil die Technikfirmen auf unterschiedliche Details Wert legen, und das gilt nicht bloß für die Apparaturen: In der Regie des “Nobeo 1″ sind Massagesessel eingebaut, ein bisschen bequem soll es ja schließlich auch sein, wenn man schon den ganzen Tag im Dunkeln sitzt und sich ständig gegenseitig im Weg ist. “Hier arbeiten teilweise zwanzig Leute auf engstem Raum – da muss die Zusammenarbeit funktionieren”, sagt Kölcü.

Schon jetzt kann der Wagen viel mehr als viele Auftraggeber verlangen, vor allem: Bilder in HD-Qualität verarbeiten. Die bringt bisher in Deutschland zwar noch kein Sender auf den Schirm, aber Konzerte werden für DVDs schon jetzt im hochauflösenden Standard produziert, der sich im Laufe der kommenden Jahre auch im Fernsehen etablieren soll. In anderen Ländern ist das längst passiert. ARD und ZDF planen einen ausführlichen Test erst im Spätsommer zur Leichtathletik-WM in Berlin, 2010 soll HDTV bei den Öffentlich-Rechtlichen dann in den Regelbetrieb gehen. Dafür müssen Produzenten und Sender neue Technik anschaffen – und das war vielen bislang zu teuer. Aufwendige Fernsehfilme und Serien werden dabei längst in HD-Qualität aufgenommen, auch um den Produzenten die Möglichkeit zu geben, Erfahrungen mit dem neuen Standard zu sammeln. Der bringt Veränderungen mit sich: Die Lichtempfindlichkeit der HD-Kameras unterscheidet sich stark von den herkömmlichen, Kameramänner müssen sich auf eine veränderte Tiefenschärfe einstellen, vieles funktioniert nicht mehr so wie bisher.

Und es gibt die große Angst: Wenn plötzlich alles genauer zu sehen ist, fällt den Zuschauern womöglich auf, wie sehr das Fernsehen mit Illusionen arbeitet – ein Horror für alle Kulissenbauer, die bisher mit angestrichenem Sperrholz tolle Studios gezaubert haben, und ein Graus für diejenigen, die vor der Kamera stehen, weil es dann nicht mehr reicht, sich ein bisschen abtupfen zu lassen, um auf dem Bildschirm gut zu wirken. Zumindest für letzteres Problem hätte die Technik bereits eine Lösung parat: Per “Skin Detail Justage” lassen sich am Computer in den Bildern die Gesichter von Moderatoren und Schauspielern erkennen und automatisch unschärfer als deren Umgebung einstellen. Ganz ohne Tricks kommt das Fernsehen eben auch künftig nicht aus.

Für die aktuelle “DSDS”-Staffel wird die HD-Technik nicht gebraucht, RTL lässt noch im alten SD-Standard aufzeichnen. Und obwohl der “Nobeo 1″ mit neuesten Computern vollgestopft ist, gibt es noch immer Geräte, die wie aus einer anderen Zeit wirken: ein Pult, an dem Signale ganz altmodisch gesteckt werden können, falls die Rechner unerwartet den Geist aufgeben, und Maschinen, die weiterhin auf Magnetbänder aufzeichnen, weil das eben doch noch deutlich günstiger ist als Festplatten, die ausschließlich in HD-Qualität aufnehmen könnten.

Drinnen im Theater ist Bohlen der Aufwand, der nötig ist, um seine Sprüche ins Fernsehen zu bringen, ziemlich egal. Er motzt den Tontechniker an, wenn der seiner Meinung nach die Liveauftritte nicht richtig ausbalanciert, und bindet sich gemütlich die Schuhe, wenn ihn ein Kandidat mit seinem Auftritt so gar nicht interessiert. Im Gegensatz zu den angehenden Superstars kann Bohlen sich schließlich sicher sein, dass nachher bei RTL keine Bilder zu sehen sind, die peinlich für ihn wären – trotz eigener Kamera, die den ganzen Tag nur auf ihn gerichtet ist, damit die Regie auch ja nichts verpasst. Daran wird sich garantiert auch im HD-Zeitalter so schnell nichts ändern.

Artikel gespeichert unter: F.A.Z.

bisher 1 Kommentar Eigenen Kommentar schreiben

  • 1. Fabian  |  10.September 2009 at 21:49

    Hey, netter Beitrag, habe schon mehrere ihr bei dir gelesen. Poste mal neue Sachen, find ich immer sehr spannende solche Backstage-Berichte aus der TV-Welt zu lesen.

Ihr Kommentar

Pflichtfeld

Pflichtfeld, anonym

Folgende HTML-Tags sind erlaubt:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Trackback diesen Artikel  |  Kommentare als RSS Feed abonnieren


Text-Kalender

September 2010
M D M D F S S
« Jun    
 12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
27282930  

Aktuelle Texte