Was der DJV alles “völlig inakzeptabel” findet

14.Mai 2009

Ich bin ja gerade aus dem DJV (“mehr als eine Gewerkschaft”) ausgetreten, vor allem weil ich schon längere Zeit das Gefühl hatte, als freier Journalist dort kaum Unterstützung zu erfahren, zumal die Beratung für Selbstständige dort miserabel bis traurig ist (auch weil sie z.T. auf die Landesverbände abgewälzt wird) und die Gelegenheiten, bei denen sich der DJV für Freie “einsetzt”, eher auf dem Papier stattfinden als draußen in der echten Welt. (Es gibt Ausnahmen.)

Nun hat sich vor kurzem der Verband Freischreiber gegründet, eine neue Vertretung für freie Journalisten, die dem DJV gar nicht gut gefällt – weil die ihm Mitglieder wegnehmen könnte, die den DJV bisher zwar kaum interessiert, die aber monatlich Mitgliedsbeiträge überwiesen haben. Kann sein, dass sich die Schwerpunkte beim DJV deshalb gerade ein bisschen verschieben. In einer aktuellen Pressemitteilung kämpft man dort jetzt für die Freien und “gegen Honorardumping”:

“DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken forderte die Freien auf, keinesfalls Honorarvereinbarungen zu akzeptieren, die an die Sittenwidrigkeit grenzende Vergütungen für Texte und Fotos oder sonstige unangemessene Bedingungen vorsähen. ‘Es ist völlig inakzeptabel, dass einige Verlage Honorardumping zur Kostensenkung einsetzen’, sagte Konken.”

Allein diese Formulierung ist ein Grund, dem DJV augenblicklich den Rücken zuzukehren: die Freien werden “aufgefordert”, keine “unangemessenen” Honorare “zu akzeptieren” – ja klar, da zittern die Verlage bestimmt schon ganz dolle, wenn ihnen der freie Journalist künftig damit droht, angemessen bezahlt werden zu wollen. Aber so einfach ist das leider nicht. Konkret geht es um eine Praxis des zur WAZ gehörenden “Nordkuriers”, der Fotos und Texte ausschreibt, damit sich freie Journalisten darum bewerben können. (Die Schlussfolgerung, dass die Journalisten sich mit ihrem Honorar dabei gegenseitig unterbieten, hat der “Nordkurier” inzwischen dementiert.) In der Pressemitteilung argumentierte DJV-Chef Konken:

“Diese ‘Neuerungen’ führen in letzter Konsequenz zur Vernichtung des Berufsstandes der freien Journalistinnen und Journalisten. (…) Von solchen Honoraren kann kein Freier auf Dauer leben.”

Ja, und was macht der DJV dagegen? Na klar:

“Der DJV appelliert an den BDZV, auf die Verlage einzuwirken, damit diese Bedingungen zurückgenommen werden.”

Der DJV appelliert an die Interessenvertretung der Zeitungsverlage, in denen gerade Krisen- und Internetpanik herrscht, und die deshalb alles unternehmen, um erst einmal das eigene Überleben zu sichern? Kann man eigentlich auch rückwirkend aus Verbänden austreten? So sechs bis acht Jahre? Oder muss man das vielleicht schon als positives Zeichen werten, dass Konken das “Honorardumping” so unmissverständlich scharf als “völlig inakzeptabel” wertet?

Leider: nein.

* * *

Michael Konken in der DJV-Pressemitteilung vom 6.5.2009 über die Spekulation, die dpa wolle den Umzug nach Berlin “zum Abbau journalistischer Arbeitsplätze nutzen”:

“Das wäre völlig inakzeptabel.”

Michael Konken in der DJV-Pressemitteilung vom 11.8.2008 über Bedingungen bei Pressevorführungen von Constantin Film:

“Diese Strafandrohung ist völlig inakzeptabel.”

Michael Konken in der DJV-Pressemitteilung vom 1.8.2008 über Tarifverhandlungen mit den Verlagen:

“Es ist völlig inakzeptabel, dass die Zeitungsverleger über Tarifabsenkungen fabulieren, statt sich ernsthaft Gedanken über ein verhandlungsfähiges Tarifangebot zu machen”.

Michael Konken in der DJV-Pressemitteilung vom 20.3.2008 über die Ausweisung deutscher Journalisten aus Tibet:

“Das aktuelle Verhalten der chinesischen Behörden sei völlig inakzeptabel.”

Michael Konken in der DJV-Pressemitteilung vom 2.2.2006 über die Entlassung des Chefredakteurs von “France-Soir”, der die Mohammed-Karikaturen nachgedruckt hatte:

“Es sei völlig inakzeptabel, dass der Verleger des Blattes auf diese Weise versuche, die Redaktion mundtot zu machen.”

Michael Konken in der DJV-Pressemitteilung vom 8.7.2004 über Einschränkungen der Pressefreiheit:

“Die Pläne der Justizministerin zum Großen Lauschangriff sind für Journalisten völlig inakzeptabel.”

[Mit Dank an Daniel.]

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bisher 18 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben

  • 1. Skandaljournalist  |  14.Mai 2009 at 20:32

    Dabei ist doch eigentlich nur eines “völlig inakzeptabel”: Des DJV sein von augenscheinlich totalem Realitätsverlust geplagter Bundes-Konken…

  • 2. 6 vor 9: Fernsehen im Net&hellip  |  15.Mai 2009 at 07:55

    [...] 4. Was der DJV alles “völlig inakzeptabel” findet (medienpiraten.tv, Peer Schader) Peer Schader ist aus dem DJV ausgetreten – und ärgert sich dessen ungeachtet weiterhin über den Verband: “Kann man eigentlich auch rückwirkend aus Verbänden austreten? So sechs bis acht Jahre?” [...]

  • 3. Chat Atkins  |  15.Mai 2009 at 09:45

    Oha, oha – schon 373 Treffer für ‘völlig inakzeptabel’ plus ‘Konken’ in nur einem Jahr bei Google. Ich weiß ja auch nicht, warum mir just das HB-Männchen vor Augen steht …

  • 4. Amok Koma » Mal n b&hellip  |  15.Mai 2009 at 13:09

    [...] << DJU-Konken: “Völlig inakzeptabel.” >> [...]

  • 5. ann  |  15.Mai 2009 at 13:32

    Was heutzutage nicht alles “sittenwidrig” und völlig inakzeptabel ist.
    Da hat wohl einer von Wiefelspütz und Bosbach abgeschrieben.

  • 6. Seidel  |  15.Mai 2009 at 13:45

    Liebe Medienpiraten,
    schön, dass es nicht nur gleichgeschaltete Journalistenkollegen gibt… Nur eine kleine Anmerkung: Der Nordkurier gehört mitnichten zum WAZ-Konzern. Diesen Kontext hat der DJV wohl mit seiner Pressemitteilung suggeriert.
    Der Nordkurier (knapp 100 000 Auflage, 13 Lokalredaktionen, Verbreitungsgebiet von Usedom bis in die Uckermark (NO-Brandenburg) und von der A19 bis zur deutsch-polnischen Grenze) gehört einem Konsortium aus Kieler Nachrichten, Augsburger Allgemeine und Schwäbische Zeitung. Gott sei Dank!

  • 7. cb  |  15.Mai 2009 at 14:03

    Früher war oder wurde der DJV (natürlich nicht, wenn es um freie Journalisten ging, aber in wichtigen Fällen) meistens entrüstet. Insofern zeugt “völlig inakzeptabel” immerhin vom Willen zur Variation.

  • 8. Jan  |  15.Mai 2009 at 14:20

    Der DJV ist, meiner Meinung nach, schon seit einigen Jahren auf einem Abwärtskurs. Und Herr Konken trägt da einen großen Teil zu bei. Meine Alternative, Verdi!

  • 9. Peer  |  15.Mai 2009 at 15:20

    @Seidel: Danke. Und: oh.

    Und nur als Anmerkung: meine Kritik am DJV heißt keineswegs, dass ich das beim “Nordkurier” praktizierte Modell befürworten würde.

  • 10. Kommentator  |  15.Mai 2009 at 17:26

    Zur Formulierung: Wenn etwas inakzeptabel ist, ist es nicht akzeptabel – fertig, mehr als “nicht” geht nicht, “akzeptabel” kann man nicht steigern.
    “Nicht schwanger”, zum Beispiel, ist also auch nicht steigerbar – wie klingt denn “völlig nicht schwanger”?
    Ich mein’ ja nur. Aber ich bin auch kein Journalist.

  • 11. Anmerker  |  17.Mai 2009 at 01:04

    @ “Kommentator”: Was für ein pseudo-sprachwissenschaftlicher Bullshit. Verfehlte Oberlehrer wie Sie sind eine wahre Landplage.

  • 12. Johann  |  18.Mai 2009 at 12:15

    Ein Grund im DJV bzw. bei Verdi zu sein, war bisher (auch als freier Journalist), dass die Presseausweise austellen. Kann der Verband [der] Freischreiber das auch? Wäre ja hilfreich zu wissen, bevor man bei den etablierten Gewerkschaften austritt.

  • 13. Maik  |  19.Mai 2009 at 12:33

    Danke für den Tipp mit den Freischreibern. Das gucke ich mir mal genauer an, kannte ich bis gerade noch gar nicht…

  • 14. Peer  |  19.Mai 2009 at 17:44

    @Johann : Derzeit nicht.

  • 15. westerholt & gysenber&hellip  |  27.Mai 2009 at 10:54

    [...] ihrer Beziehung zum DJV hat Peer Schrader einen bemerkenswerten Artikel geschrieben, in dem er all die Gründe aufzählt, die mich immer daran gehindert haben, Mitglied zu [...]

  • 16. sixtus  |  05.Juni 2009 at 09:11

    Die Frieschreiber sind doch Traumtänzer, haben eh alles vom DJV übernommen, was Inhalt hat. Die bewegen nichts. Sind doch schon bei Gruner und Jahr rausgeflogen.

  • 17. Peer  |  05.Juni 2009 at 19:02

    @sixtus:Pardon, aber: Von Inhalten beim DJV, zumindest denen für freie Journalisten, kann ich ein paar Geschichten erzählen. Die würde keiner freiwillig klauen wollen.

  • 18. medienpiraten.tv » &hellip  |  16.Juni 2009 at 10:50

    [...] anders als Sie vielleicht vermuten würden, findet der DJV das ausnahmsweise einmal nicht “völlig inakzeptabel”. Stattdessen lässt sich der DJV-Vorsitzende Michael Konken in der Mitteilung wie folgt zitieren: [...]

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