Der große Live-Fake beim Axel-Springer-Preis
06.Mai 2009
Ist das nicht schön, wenn ein großer deutscher Verlag in (und wegen) der Krise Prioritäten setzt? Die festliche Preisverleihung der “Goldenen Kamera” im Februar wurde abgesagt, “Bild” muss auf die Party zum Medienpreis “Osgar” verrzichten, der “Sprt Bild Award” pausiert – wenn’s aber um den journalistischen Nachwuchs geht, ist dem Verlag Axel Springer nichts zu teuer. Ganz im Gegenteil: Für die Verleihung des Axel Springer Preises für junge Journalisten hat man sich in Berlin sogar was ganz Besonderes ausgedacht.
“Eine Premiere”, schwärmte Organisator Jan-Eric Peters. “Zum ersten Mal wird in Deutschland ein Journalistenpreis live im Internet vergeben.”
Der Termin war schon ein bisschen ungewöhnlich: Mittwochmittag, 12 Uhr. Was sollte das denn für eine Zeit sein? Eine Preisverleihung in der Mittagspause, damit die vielen fleißigen Nachwuchsjournalisten anschließend gleich wieder in ihre Redaktionen huschen können und weiterrecherchieren?
Es ist dann doch ein bisschen später geworden. Wegen der vielen Leute, die online dabei sein wollten, was dem Server des Verlags offenbar massive Probleme bereitete. Bis zwanzig nach zwölf war deshalb bloß die Startseite mit einem Videotrailer zum Preis zu sehen und nebendran ein Chatfenster, in dem die ersten Nutzer rummaulten, wann es denn endlich losgehe. “Wir haben wirklich mit vielem gerechnet, aber nicht mit einem solchen Ansturm. Server-Leistung extrem erhöht, und trotzdem…”, rechtfertigte sich Peters.

Dabei waren die Technikprobleme gar nicht mal Peters Hauptproblem. Sondern die Erwartungen, die er bei den Nutzern geweckt hatte. Von einer “Preisverleihung” im Internet konnte nämlich keine Rede sein. Stattdessen gab’s eher eine traurige Bekanntagbe der Preisträger, für die bei jeder neuen Kategorie (TV, Hörfunk, Print, Online) ein vorproduziertes Video mit dem Juryurteil aufgeschaltet wurde. Die Preisträger saßen zuhause am Rechner und durften sich per Chat bedanken. (Woraufhin Peters sich artig zurückbedankte: “Schön, dass Sie dabei sind – und durchkommen (…):”)

Zwischendurch bemühte sich Peters, mit Bettina Schausten vom ZDF zu kommunizieren, die als Sprecherin der TV-Jury von Mainz aus Zusatzinformationen beisteuern sollte:
Jan-Eric Peters: “Hallo Bettina Schausten in Mainz, fiel Ihnen in der Jury die Entscheidung schwer?”
Bettina Schausten: “Haben uns in der TV-Jury wirklich schwer getan, finde unsere Entscheidung aber auch im Nachhinein noch richtig. Und überhaupt keine Zweifel gabs bei uns, was Platz 1 angeht. Da waren wir uns alle einig.”
Die Beiträge, für die jungen Journalisten ausgezeichnet wurden, gab es während der “Verleihung” nicht zu sehen – um den Server noch mehr zu belasten, wie Peters wiederholt im Chat-Fenster erklärte, dessen Inhalte zwischendurch ohne Vorwarnung immer wieder gelöscht wurden, um – Sie ahnen’s – den Server nicht weiter zu belasten. Nicht mal Links zu den Beiträgen der Kategorie Online konnten während der Bekanntgabe eingestellt werden, also erledigten das die zugeschalteten Preisträger auf Anfrage im Chat-Fenster einfach selbst.
Zwischendurch war man als Zuschauer ohnehin sehr damit beschäftigt, zur richtigen Zeit das Verleihungsfenster zu aktualisieren, um die nächsten Preisträger mitzubekommen, weil der automatische Reload nicht funktionierte (“Bitte aktualisieren Sie Ihre Seite, falls das nicht gleich automatisch geschieht”). Statt über die Preisträger diskutierten die Zuschauer deshalb vorrangig über technische Probleme.
Eine echte Preisverleihung, die von einer Bühne ins Internet übertragen würde, wie sie offensichtlich viele Zuschauer erwartet hatten, gab es nicht. (Und vielleicht wäre das nur halb so schlimm gewesen, wenn es vorher klarer kommuniziert worden wäre.) Gegen 13.10 Uhr war die chaotische Veranstaltung beendet und Peters rundum zufrieden:
“12 Preise sind verliehen, 17 Herausragende Leistungen gewürdigt. (…) Und vielen Dank für die vielen witzigen Kommentare hier! Hat Spaß gemacht (vielleicht gerade, weil’s nicht rund lief)!”
Ist eigentlich ja klar: Wer eine Art Power-Point-Präsentation mit technischen Mängeln als Live-Preisverleihung im Netz versteht, verwechselt halt auch mal Enttäuschung mit Witz. Hauptsache, es gibt keine Serverprobleme mehr.
Die Preisträger sind jetzt mit Links zu den prämierten Beiträgen online.
Artikel gespeichert unter: Im Netz
Stichwörter: Axel Springer Preis für Junge Journalisten, Bettina Schausten, Jan-Eric Peters
bisher 9 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben
1. NPD-kritisches Blog gewin&hellip | 06.Mai 2009 at 13:19
[...] nicht abrufbar waren und insgesamt war das Vorhaben vor allem von technischen Mängeln geprägt. Peer Schader hat sich das genauer angeschaut. [...]
2. Marc | 06.Mai 2009 at 14:00
Ich begreife immer noch nicht, wieso sich alle bei derartigen Projekte scheuklappenhaft einzig aufs WWW konzentrieren und alles in einen Browser zwingen müssen.
Videostream? Geht problemlos z. B. mit einem Icecast-Server, der brav getrennt vom Webserver sein kann.
Wenns ohnehin um vorproduzierte Clips geht und man Bandbreitenpanik hat, kann man diese auch via Bittorrent verbreiten – z. B. in passwortgeschützten Containern, das dann zum jeweiligen Zeitpunkt genannt wird oder wasweißich.
Chat? Wie wärs mal mit gutem altem IRC? Oder wenns hipper und moderner sein soll, ein Jabber MUC?
Doch statt One-Job-One-Tool wird alles irgendwie in ein HTML-Korsett gezwängt und dann wundern sich alle, wieso das Internet für so viele automatisch das WWW ist und rotieren, wenn der Webserver strauchelt.
3. onlinejournalismus.de - D&hellip | 06.Mai 2009 at 14:23
[...] Nachtrag Über die mißlungene Preisverleihung im Netz berichtet Peer Schader in seinem Blog Medienpiraten. [...]
4. Danny^ | 06.Mai 2009 at 18:23
Und, welchen Preis hast du gewonnen, P.?
“Bester Kommenator im eigenen Blog” vielleicht? *zwinker*
5. Peer | 06.Mai 2009 at 19:23
@Danny: Ooooooooach, wie gemein. Schluchz.
6. Danny^ | 06.Mai 2009 at 21:52
Ich merk schon, ich hab mich falsch ausgedrückt.
Meinen Journalistenpreis hättest du
7. 6 vor 9: Tagesschau, UBS,&hellip | 07.Mai 2009 at 07:55
[...] 5. Live-Fake beim Axel-Springer-Preis (medienpiraten.tv, Peer Schader) Peer Schader berichtet über den Journalistenpreis, der zum ersten mal “live im Internet” (Organisator Jan-Eric Peters) vergeben wurde. Neben einer “traurigen Bekanntgabe” der Preisträger und “vorproduzierten Juryurteilen” ärgert sich Schader über Sieger-Beiträge, die nicht einmal verlinkt würden und zahllose technische Probleme. [...]
8. medienpiraten.tv » &hellip | 07.Mai 2009 at 12:01
[...] die Verleihung des Axel-Springer-Preises für junge Journalisten, die Autor André Zeppenfeld (anders als z.B. mir) sehr gut gefallen hat (hier in der Welt-Online-Version): “Erstmals fand die Verleihung im [...]
9. Der Follow Friday für Bl&hellip | 05.Oktober 2009 at 10:26
[...] Axel Springer – Verlag versucht, einen Journalistenpreis, live im Internet zu vergeben, dann kann das nur in die Hose gehen. Mehr Artikel stelle ich jetzt aber nicht vor, denn ich entdecke gerade so viele, die ich noch [...]
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