Wie bunt das Leben in “hallo deutschland” wirklich ist

20.April 2009

In einem Interview hat Yvonne Ransbach, die im ZDF das Unfall- und Katastrophenmagazin “hallo deutschland” moderiert, am Wochenende ein bisschen über ihre Arbeit erzählen dürfen und ist ziemlich gut dabei weggekommen. “Das ZDF steht mitten im Leben und das Leben ist eben bunt und nicht schwarz-weiß. Wir bilden das ab, was tagtäglich passiert. Wir erfinden keine Geschichten”, sagte Ransbach auf die Frage, wieviel Boulevard ihrer Meinung nach im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erlaubt sein müsse.

Darüber, wie sie es findet, dass ihre Redaktion regelmäßig den Leichenabtransport bei schweren Unfällen zeigt, hat sie nichts erzählt, sondern bloß, dass “hallo deutschland” eine “journalistisch akribische Arbeit” bedeute.

Um das zu veranschaulichen, wollen wir uns im Folgenden einmal sämtliche Moderationen Ransbachs aus der “hallo deutschland”-Ausgabe vom Montag, 20. April 2009 ansehen (in der ZDF-Mediathek sind nur die eigentlichen Beiträge abrufbar). Daraus lässt sich schon ganz gut erkennen, wie “bunt” das Leben in “hallo deutschland” wirklich ist:

1. Beitrag: “Eine Mutter liegt mit ihren drei Kindern leblos auf dem Grund eines Schwimmbeckens. Diese furchtbare Entdeckung hat am Wochenende eine Bademeisterin im ostfriesischen Leer gemacht. Alle vier schweben in Lebensgefahr, am Vormittag dann stirbt eines der Kinder. Und es bleibt die Frage: Was ist da nur passiert?”

2. Beitrag: “In Hamburg ist am Morgen ein Haus eingestürzt. Die Abrissfirma war gerade mit ihren Arbeiten beschäftigt als das Gebäude plötzlich in sich zusammenfiel. Ein Mann wurde dabei verschüttet und ein Großaufgebot von Rettungskräften rückte an.

3. Beitrag: “Die Polizei in Hessen steht vor einem Rätsel. Beamte finden in einem Einfamilienhaus die Leichen eines Ehepaares, vor dem Haus dessen schwer verletzte Tochter. Sie wird notoperiert, ist bislang noch nicht vernehmunsgfähig. Was also geschah in der idyllischen Reihenhaussiedlung?”

4. Beitrag: “Die Bewohner trauten ihren Augen nicht. In aller Seelenruhe stapften am Wochenende zwei Braunbären durch die Kassler Straßen. Sie waren aus einem Zirkus ausgebrochen. Aber als die Polizei die Tiere wieder einfangen will, fällt einer der Bären einen Polizisten an. Der fackelt nicht lange und erschießt das Tier.”

5. Beitrag: “Für die Bewohner eines Bauernhofs in der Oberpfalz fing die Woche mit einer Katastrophe an. Mehrere Gebäude stehen am Abend in Flammen und brennen teilweise bis auf die Grundmauern nieder. Die Feuerwehr ist mit Dutzenden Männern vor Ort.”

6. Beitrag: “Akute Explosionsgefahr, die bestand auf einer Autobahn im Schleswig-Holstein’schen Rendsburg. Ein Sportcoupé hatte sich bei Tempo 200 mehrfach überschlagen. Und da der Flitzer einen ganz speziellen Gas-Hybrid-Antrieb hatte, war der Unfall für die Rettungskräfte höchst brisant.”

7. Beitrag: “Ja, viele schwere Unfälle auch am Wochenende also wieder. Und viele davon verursacht durch Raserei. Zwar müssen Temposünder seit Februar deutlich tiefer in die Tasche greifen, wenn sie erwischt werden, aber schrecken Summen von bis zu 750 Euro wirklich ab? Sohad Khaldi war mit der Autobahnpolizei Braunschweig bei Raserkontrollen unterwegs.”

Sind Ihnen die schönen einfachen Hauptsätze aufgefallen? Und die Zeitsprünge vom ersten zum zweiten Satz, der im Präsens Aktualität und Nah-dran-sein suggerieren soll? Bevor Sie sich jetzt aber beschweren, ich hätte die besonders “bunten” Beiträge weggelassen, sollen auch die noch kurz anmoderiert werden:

8. Beitrag: “Drei Bewerber und nur eine Chance. Die Studenten Anastasja, Doris und Matthias wollen Auslandserfahrungen sammeln und bewerben sich um eine Praktikantenstelle in einem Luxushotel in St. Petersburg. Zunächst aber steht ihnen eine knallharte Probewoche bevor, in der wir die drei begleitet haben.”

9. Beitrag: “Dicke Möpse und Macho-hafte Männer – genau die haben es Comedy-Star Ruth Moschner angetan. In ihrem neuen zweiten Buch geht es aber nicht um prall gefüllte Dekolletés, sondern schlicht um zwei niedliche Hunde mit den Namen Kate und Moss. Neugierig geworden?”

Ja, ich bin neugierig geworden. Neugierig, wei man so eine Ansammlung aus anmoderierten Todesfällen mit gelegentlicher Exkursion ins Privatsender-Metier “journalistisch” nennen kann ohne sich dafür zu schämen.

Im Interview hat Ransbach übrigens auch verraten, dass sie alle ihre Moderationen selbst schreibt. Na, mal ehrlich: So ein Viertelstündchen am Tag wird sich dafür ja wohl auch freischaufeln lassen.

Artikel gespeichert unter: Im Fernsehen

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bisher 8 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben

  • 1. Paula  |  20.April 2009 at 18:04

    hast du mal baudrillard ‘the consumer society’ gelesen?

  • 2. 6 vor 9: Horx, Popel, Zei&hellip  |  21.April 2009 at 07:54

    [...] 1. “Wie bunt das Leben in ‘hallo deutschland’ wirklich ist” (medienpiraten.tv, Peer Schader) Peer Schader beschäftigt sich mit dem “Unfall- und Katastrophenmagazin ‘hallo deutschland’” auf ZDF. Und fragt sich, ob man “eine Ansammlung aus anmoderierten Todesfällen mit gelegentlicher Exkursion ins Privatsender-Metier ‘journalistisch’ nennen kann ohne sich dafür zu schämen.” [...]

  • 3. magmatronic » Leben&hellip  |  21.April 2009 at 10:22

    [...] Highlight des öffentlich-rechtlichen Tiefpunktes. Die Medienpiraten haben das sehr schön aufgeschlüsselt. abgelegt unter TAGESthemen um [...]

  • 4. pete  |  21.April 2009 at 14:55

    die kritik am inhalt finde ich durchaus berechtigt.
    die kritik an der form jedoch (“Sind Ihnen die schönen einfachen Hauptsätze aufgefallen? Und die Zeitsprünge vom ersten zum zweiten Satz, der im Präsens Aktualität und Nah-dran-sein suggerieren soll?”) ist ungerechtfertigt. fernseh- und radio sind bekanntlich lineare medien. da gibts kein zweimal-lesen von nicht-”einfachen hautpsätzen”…

  • 5. Peer  |  21.April 2009 at 16:11

    @pete: Heißt das, dass du das qualitativ ok findest? “Die Bewohner trauten ihren Augen nicht” – in 20 Versionen? Vielleicht ist das naiv, aber in meiner Vorstellung heißt einfach nicht automatisch billig.

  • 6. pete  |  22.April 2009 at 12:25

    @peer wie gesagt: die kritik an den 20 versionen von “die bewohner trauten ihren augen nicht” find ich in ordnung.

    qualitativ in ordnung find ich aber tatsächlich auch “schöne einfache hauptsätze” in einer moderation, ja.

    und das “einfach” nicht “billig” und “platt” sein muss, da geh ich auch mit dir einig.

  • 7. Berndo-kun~  |  26.April 2009 at 09:58

    Tolle Kombination

    -Tod
    -Tod
    -Tod
    -Tod
    -Tod
    -Niedliche Hündchen, yay

  • 8. Matthias Sch.  |  15.Mai 2009 at 20:26

    klar lässt sich dafür ein Viertelstündchen freischaufeln, aber was macht man dann mit den restlichen 13 Minuten….?

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