Medienkritik 2.0? Ja, super! Aber wo denn?

20.April 2009

Ich war ja ein bisschen überrascht, als sich da am am Nachmittag des zweiten Tags der diesjährigen re:publica so viele Leute in den kleinen Kalkscheune-Raum im Obergeschoss quetschten, wo doch draußen zum ersten Mal seit Wochen die Sonne wieder über Berlin zu sehen war und es sich bei offenen Fenstern so anhörte, als sei im Hof gerade die Freibadsaison eröffnet worden.

Dass sich der Raum dann schnell auch wieder leerte, lag vielleicht daran, dass Fabian Wurbs seinen Vortrag über deutsche Medienblogs relativ eng an die Ergebnisse seiner Diplomarbeit zum selbigen Thema angelehnt hatte. Das war bestimmt eine Menge Arbeit, und erfüllte sicher die Vorgaben, die an der Uni an so eine Abschlussarbeit gestellt werden. Aber jeder, der schon mal was Ähnliches mitgemacht hat, weiß auch: Wenn sie sich anstrengt, kriegt die Sozialwissenschaft es locker hin, auch noch die interessantesten Themen kaputt zu analysieren. Weil sie weniger Wert auf knackige Thesen legt als auf nüchterne Statistiken. (Natürlich gibt es Ausnahmen.)

Spannend fand ich es dann aber doch, dass es an dem Thema “Medienkritik 2.0? Medienblogs in der deutschsprachigen Blogosphäre” erst einmal deutlich mehr Interesse als Sitzplätze gab. Und die Fragen aus der Ankündigung sind, wenn ich das richtig sehe, ja immer noch nicht erschöpfend beantwortet:

“Doch wie genau berichten Medienblogs über die Medien? Welche Themen spielen eine Rolle? Sind sie dabei tatsächlich kritisch? Gibt es Kriterien nach denen sie sich dabei richten? Und inwiefern unterscheidet sich die Kritik an den ‘neuen Medien’ von der an den ‘klassischen Medien’? (…) Inwiefern erweitern Medienblogs womöglich das Spektrum der Medienkritik? Macht es Sinn von einer Medienkritik 2.0 zu sprechen?”

Ich hab, ehrlich gesagt, keine Ahnung, wie man das herausfinden kann. Aber vielleicht lohnt es sich auch gar nicht, weil das Interesse an gebloggter Medienkritik bei weitem nicht so groß ist wie ich bei der re:publica dachte.

Gerade beschäftige ich mich für eine Textrecherche mal intensiver mit Medienblogs, vor allem mit solchen, in denen hauptsächlich übers Fernsehen geschrieben wird. Und damit sind nicht die ganzen “DSDS”-Fan-Seiten gemeint, die bloß existieren, um Google-Anzeigen darauf setzen zu können, sondern eher Blogs wie das vom Quotenblogger, netzfeuilleton.de, TV… und so (vielleicht auch noch fernsehkritik.tv). Beim Durchstöbern meines Feed-Readers ist mir aufgefallen: Ich habe kaum Blogs abonniert, die sich als klassisches Fernsehblog bezeichnen ließen. Entweder, weil ich zu doof bin, sie zu finden. Oder weil viele, die vor einem Jahr regelmäßig geschrieben haben, wieder eingegangen sind. Bei anderen liegen die letzten Einträge Wochen zurück. (Ich weiß ja selbst wie das ist: Manchmal hat man einfach keine Zeit.)

Nach besonderen “Ereignissen” wie dem als Nachrichtensendung getarnten “Fringe”-Trailer auf Pro Sieben laufen die Blogs über für ein paar Tage. Aber sonst? Ist das Interesse an Medienkritik wirklich so gering?

Vielleicht könnt ihr mir da helfen: Verpasse ich was? Gibt es (private) Blogs, die sich intensiv mit dem Fernsehen auseinandersetzen? Oder findet das tatsächlich alles bloß in den Foren statt, wo jeder mal schnell einen lässigen Satz reinschreiben kann, und es ist keine kurzfristige Delle gewesen, die die Kollegen von Medienlese dazu veranlasst hat, ihre “Medienblogcharts” im vergangenen Jahr einzustellen?

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bisher 15 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben

  • 1. ralf schwartz  |  20.April 2009 at 13:21

    Das Thema TV ist inzwischen sooo eintönig und eindimensional geworden, daß es langweilig wird, immer wieder darüber zu schreiben und zu lesen.
    Es macht auch keinen Sinn, die Plattitüden hier zu wiederholen.

    Zudem sind die wenigsten Schreiberlinge Journalisten oder Medienprofis und das merkt man eben auch. Soll ich mich noch über Pocher aufregen? Über DSDS? Parallelwelten der Volksverdummung. ARD und ZDF? Herrn Koch?

    TV ist tot. Und die Manager haben es getötet. Weil sie den Sehern folgen, statt ihnen voranzugehen.
    Nachrichten werden bei der Bild gemacht und nicht im TV oder in Berlin. Im TV wird nur vorgekaut und wiedergekäut. Hier entsteht weder Meinung noch Relevanz.
    Die Wirklichkeit findet auf der Strasse statt und wandert in’s Netz. Im Fernsehen sehen wir nur noch, was man uns sehen lassen will.

  • 2. Peer  |  20.April 2009 at 13:28

    @ralf schwartz: Das klingt mir zu fatalistisch. Es gibt ja keinen Zwang, sich mit einem Medium auseinanderzusetzen, das immer noch Millionen Menschen erreicht (und beeinflusst!), ich sage ja nur: Ich fänd’s wünschenswert. Weil Medienreflektion für mich zum gesellschaftlichen Diskurs gehört und durch Blogs auch für Interessierte möglich wird, die darüber sonst bloß im Freundeskreis diskutieren konnten. Muss einer Journalist sein, um sich kritisch mit Medein auseinander zu setzen? Ist doch nett, wenn es beides gibt.

  • 3. asdrubael  |  20.April 2009 at 13:49

    Wenn man mal Stefan Niggemeiers Blog als den Prototypen eines “Medienblogs” nimmt dann fühle ich persönlich mich immer recht schnell übersättigt dadurch. Heute kritisiert man die Bild, morgen SPON und die Zeit, übermorgen ARD/ZDF und dann fängt man wieder von vorne an und irgendwie sind ja eh alle gleich. Im Rahmen eines Blogs ließt man das gerne mal, aber braucht man wirklich zehn Blogs die sich alle damit beschäftigen wie grottig das deutsche Nachmittagsfernsehen oder der deutsche Online Journalismus ist?

    Was ich mir viel mehr wünschen würde sind Blogs die sich dem ewigen Einerlei entgegen stellen und mal auf Angebote abseits des Mainstreams verweisen. Auf Online Journalisten die mehr leisten als Agentur Meldungen zu verwursten oder Politikern nach dem Mund zu reden. Auf kritische Artikel abseits des Tagesgeschehens. Und auf gutes öffentlich rechtliches Fernsehen abseits der üblichen Soße.

  • 4. Peer  |  20.April 2009 at 13:58

    @asdrubael: Wenn das die Journalisten nicht leisten, könnten’s doch vielleicht die Blogger.

    Und wenn ich mir ansehe, wie klassische TV-Kritiken bei den etablierten Medien im Netz so laufen, scheint es doch ein relativ großes Grundinteresse der Leser an diesem Thema zu geben. Ich habe glaub ich noch niemals zu einem Text so viele Reaktionen bekommen wie auf den Verriss von Uri Gellers Ufoshow im vergangenen Jahr bei SpOn. Und das war nicht mehr als: hinschauen und kommentieren.

  • 5. Smart  |  20.April 2009 at 14:28

    hi peer,
    es gibt in der tat wenige tv-blogs. es bleibt die frage, von wem ist ein blog interessant und wessen blog will ich schon lesen. es muss ein medienjournalist sein und es darf nicht der blog von xy sein, dessen meinung mir persönlich sch**** egal ist.

  • 6. asdrubael  |  20.April 2009 at 15:30

    Nichts gegen TV Kritiken ich lese gerne über neue Serienstarts, Einschaltequoten und interessantes aus Übersee. Dazu der ein oder andere Seitenhieb auf ein paar besonders grottige Sendungen, ist durchaus sympathisch. Das geht aber vermutlich bei vielen nicht als “Medienkritik” durch, sondern man muss sich die Bild Zeitung, Sat 1/Pro7 Boulevard Magazine, Uri Geller etc. antun und dann darüber schreiben.

    Ab und an empfinde ich das als ganz interessant, bestätigt es einen doch darin sowas nicht zu kucken. Auf Dauer lese ich aber lieber interessante Nachrichten statt auf einem “Medienblog” berichte darüber welcher Nonsense von der Springer Presse wieder verbreitet wird. Ich hab deswegen auch schon vor langem aufgehört “Bildblog” zu lesen und sehe auch keinen Bedarf an weiteren Blogs dieser Machart, egal um welches Medium es sich drehen mag.

  • 7. Thomas  |  20.April 2009 at 16:40

    Hi Peer,

    “Gibt es (private) Blogs, die sich intensiv mit dem Fernsehen auseinandersetzen?”

    Da Du meins ja schon kennst, wirst Du auch die Blogroll kennen, die bei mir ziemlich klein ist, weil ich – wie Du – den Eindruck habe, dass es wirklich nicht viele spezialisierte Blogs gibt. Das “sablog” finde ich zum Beispiel hervorragend, aber da geht es um US-Serien. Ich vermute Du meinst eher etwas kulturkritisches, allgemeine Fernsehkritik usw., so wie Du und Stefan Niggemeier das auf Faz.net machen?

    Die Sache ist, dass es so scheint, dass viele Leute sich offensichtlich gar nicht so sehr kritisch oder intellektuell mit etwas auseinandersetzen, was ansich wenig Potenzial dafür hat (also Fernsehen). Zur Fiktion, also Serien und Fernsehfilme, gibt es zudem ausreichend Artikel in den klassischen Medien oder deren Internetangeboten. Fernsehen ist zudem selten so komplex oder kontrovers, dass es dazu einen Bedarf an alternativen Sichtweisen aus Blogs geben würde. Glaub ich.

    Ich persönlich habe den Eindruck gewonnen, dass es außer der typischen Empörung über das neuste Reality-Format gar keinen Bedarf ein einer Kritik (negativ wie positiv) von reinen TV Formaten (also Reality, Show, Quiz usw.) gibt.

    Was Stefan Niggemeier mit dem Dschungelcamp gemacht hat, da habe ich manchmal den Eindruck, dass ich da einer von ganz ganz wenigen Lesern bin, die das überhaupt interessiert und verstehen wollen – zum Beispiel warum Lorielle bei der Dschungelprüfung ihre Würde nicht verliert, sondern zurückgewinnt.

    Außerdem haben die Deutschen einen komischen Bezug zum Fernsehen. Sie wollen womöglich ausschließlich unterhalten werden oder reagieren nur auf negative Identifikation und Boulevardeskes. Ich glaube alle, die mehr Anspruch haben schauen gar kein Fernsehen oder zumindest keine Shows und Reality-Formate. Was man in Deutschland auch keinem verübeln kann.

    Insgesamt finde ich die mangelnde Möglichkeit in und über Blogs über Fernsehen zu diskutieren aber schlecht und schade. Denn es gibt wirklich richtig gute TV-Sendungen, vor allem aber im Ausland, etwa aktuell “The Apprentice” auf BBC. Wie schön das anzuschauen ist und wie sehr man darüber lachen kann. Wahnsinn.

  • 8. Peer  |  20.April 2009 at 16:44

    @Thomas: Oh, ich finde, Fernsehen hat ein unfassbar großes Potential, um sich kritisch damit auseinanderzusetzen! (Aber kann sein, dass ich da wegen des Jobs etwas betriebsblind bin.)

    Und Serienblogs gehören genauso dazu, find ich, es geht mir nicht nur um das, wie Stefan und ich das machen.

  • 9. ralf schwartz  |  20.April 2009 at 18:17

    Diese Diskrepanz, Peer, ist ja genau das Problem: Einerseits hast Du recht, wenn Du sagst “Fernsehen hat ein unfassbar großes Potential, um sich kritisch damit auseinanderzusetzen!”, andererseits denke ich, daß es (fast) niemanden da draussen wirklich interessiert. Weder Politik, noch Menschen, noch Werbungtreibende, noch die Sender, denn gerade letztere interessiert überhaupt nicht, was die Menschen wirklich denken, sondern nur, wer vom GfK-Panel vor dem Schirm hängt und wie ich diese Zahl mit möglichst wenig Rabatt am Markt vergolden kann (und der ist ein ganz anderer als der Zuschauermarkt).
    Adbusters sagte schon vor Jahren, daß eigentlich wir die Produkte sind, und irgendwie ist es auch so.

  • 10. nona  |  20.April 2009 at 20:54

    Ich weiss natürlich nicht, warum andere Leute Medienblogs lesen oder nicht lesen. Ich weiss, warum ich die lese, die ich lese. Weil die Schreibe gut und gut lesbar ist, sei es kritisch, witzig, klug, informativ, oder alles zusammen und sonst noch was. Zum Teil informiere ich mich so über medienbezogene Sachen, die ich sonst nicht mitbekäme, weil ich z.B. nie im Leben diesen oder jenen Schrott im Fernsehen anschauen würde. Zum Teil ist es auch ganz einfach spassig, den eigenen dummen Kommentar dazuzusetzen. Medien sind wichtig. Medienbeobachtung ist es also auch. Wer sich für Medien interessiert oder/und sie konsumiert, der kommt um Medienbeobachtung eigentlich nicht herum.

  • 11. Thomas  |  21.April 2009 at 11:23

    @Peer:

    Ja, also das kann man so und so sehen mit dem Potenzial. Wenn ich keins darin sehen würde, würde ich ja auch nicht drüber bloggen. Vieles ist mir aber gerade im deutschen Fernsehen zu langweilig. Und immer über schlechtes Programm bei RTL II, Sat.1, ARD und ZDF schimpfen ist mir zu destruktiv ;) Ich lobe lieber was ich mag ;)

    Und wenn Serienblogs auch dazu gehören, hast Du mit sablog, falls Du es noch nicht kanntest, ja ein ganz hervorragendes neues gefunden hoffe ich. Ich wurde dadurch motiviert Mad Men zu schauen (und zu kaufen) und habs nicht bereut.

    @nona:

    “Wer sich für Medien interessiert oder/und sie konsumiert, der kommt um Medienbeobachtung eigentlich nicht herum”

    Ersetze Medien speziell durch Fernsehen, und da kann ich Dir Recht geben und sogar sagen, dass ich manche abgrundtief schlechten TV-Sendungen nur auf dieser Metaebene schaue (wegen den Blog- und Forendiskussionen drumherum), zum Beispiel Big Brother. Aber inzwischen habe ich weitgehend aufgegeben (also BB), das verkleistert einem zu sehr das Gehirn.

  • 12. André  |  22.April 2009 at 23:02

    Hey,
    also ich lese regelmäßig bei Alper mit.
    Unter meetinx.de schreibt er zwar nicht über die Medien im Allgemeinen, aber doch viel über Werbung im speziellen. Und das auch häufig kritisch…
    Ansonsten sieht es leider eher düster aus, da gib ich Dir recht.

  • 13. Peer  |  23.April 2009 at 10:44

    Schon mal danke für die Anregungen auf jeden Fall.

  • 14. Stern stellt Fernsehblogs&hellip  |  21.Juni 2009 at 14:29

    [...] Schader, der unter anderem fürs Faz-Fernsehblog und den Spiegel TV-Kritiken und sowas schreibt, die Frage, warum es eigentlich so wenig (kritische) Fernsehblogs in Deutschland gibt. Tatsächlich sind [...]

  • 15. Mediatheken-Tipps vom 16.&hellip  |  16.September 2009 at 14:34

    [...] war also ein Geständnis von jemandem, der immerhin von Peer Schader eine gewisse TV-Blogkompetenz zugeschrieben bekommt. Anscheinden reichen die oben genannten Werkzeuge aus, um das zu leisten. [...]

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