Die Tricks der anonymen Wiederholiker

13.April 2009

Wussten Sie schon, dass ab sofort eine neue Verordnung der EU gilt, die es Lebensmittelherstellern ermöglicht, ihre Produkte in beliebig großen Verpackungen anzubieten? Der Nachrichtensender N24 empörte sich in der zurückliegenden Woche deshalb: “Immer öfter stecken die Produkte in einer Mogelpackung!”

Dass das mit dem Fernsehen schon seit längerem ganz ähnlich ist, hat N24 nicht erwähnt. Also machen wir das jetzt mal.

Und weil sich 1.) Texte manchmal auf wundersame Weise verändern bevor sie in der Zeitung bzw. nachher im Netz erscheinen bzw. 2.) ja noch Ostern ist und Sie vielleicht Lust auf ein Suchspiel haben, steht jetzt auch hier noch mal eine kleine Orientierungshilfe für die gängigsten Wiederholungstypen im deutschen Fernsehen. Ohne “Knallköpfe”, “Wachkoma” und die anderen ganz billigen Witze.

* * *

Die Spielfilm-Standardschleife
Wahrscheinlich gibt es immer noch Menschen, die “Pretty Woman” mit Julia Roberts und Richard Gere noch nicht gesehen haben. Geradezu rührend bemüht sich Sat.1 jedes Jahr aufs Neue um diese Zuschauer und zeigt den 19 Jahre alten Film zur Hauptsendezeit um viertel nach acht, das letzte Mal vor drei Wochen. Weil das schon im März des vergangenen Jahres so gut geklappt hat. Und im Mai 2007. Und im Oktober 2006. Und im Oktober 2005. Und im September 2004. Der französische Fantasy-Horror “Pakt der Wölfe” hingegen wird seit Jahren in der RTL-Gruppe herumgereicht, lief zuletzt im Oktober 2008 bei Vox, 2007 bei RTL und davor drei Jahre lang permanent bei RTL 2, wo man im September 2005 das Kunststück fertig brachte, den Film an einem Abend ohne Pause gleich zweimal hintereinander zu senden. Mit “Dirty Dancing” ist jeder mal dran: im vergangenen Jahr Sat.1, davor RTL, Vox, wieder Sat.1 und RTL, weil die Sender meist für einen bestimmten Zeitraum Lizenzen kaufen, in dem sie den jeweiligen Film ausstrahlen dürfen. 2008 führte das dazu, dass die Science-Fiction-Parodie “Galaxy Quest” nicht nur im August bei Pro Sieben zu sehen war, sondern anderthalb Monate davor auch schon mal im Ersten, mitten in der Nacht um 1.30 Uhr, weil da jemand festgestellt haben muss: Huch, wir haben ja noch eine Ausstrahlung übrig. Und dass Sat.1 und Pro Sieben sich damit abwechseln, ausgerechnet zu Ostern “Stirb langsam” ins Programm zu nehmen, regt inzwischen nicht mal mehr die katholische Kirche auf.

Das Asterix-Exempel
Wenn der Programmplaner von Sat.1 in die Ferien fährt, gehen die Kollegen runter ins Archiv und kramen das Zeug aus, das man nur einmal im Jahr braucht – wie beim Christbaumschmuck, nur im Sommer. Anschließend wiederholt Sat.1 die komplette “Asterix”-Zeichentrickfilmreihe (den ersten Teil schon seit 1991). Und weil über die Jahre immer mal wieder ein neuer “Asterix” hinzugekommen ist, durfte der Programmplaner irgendwann den kompletten Jahresurlaub am Stück nehmen. Damit ist es jetzt vorbei: Ab nächstem Jahr laufen die “Asterix”-Klassiker bei Super RTL. Unbestätigten Gerüchten zufolge hat Sat.1 eine vorläufige Urlaubssperre verhängt.

Das große Schnitzel-Recycling
Sollten Sie nachmittags beim Fernsehen ein leichtes Hungergefühl verspüren, könnte das daran liegen, dass aus Versehen Kabel 1 eingeschaltet ist, Deutschlands führender Schnitzelsender, wo permanent Beiträge über das “beliebteste Fleischgericht der Deutschen” laufen. Kürzlich ist der Wettbewerb “Super-Schnitzel 2009″ zu Ende gegangen, bei dem Kneipen aus allen Bundesländern beweisen mussten, dass sie das beste Schnitzel zubereiten. Im “ABC des Essens” wurde der Unterschied zwischen Wiener Schnitzel und Schnitzel Wiener Art erklärt. Und Hilde Wieland bei ihrem Weltrekordversuch begleitet, ein Schnitzel mit einem Durchmesser von zwei Metern aus einem besonders großen Schwein herauszuschneiden. Woher das Schnitzel kommt, wissen die Kabel-1-Zuschauer spätestens seit der großen Reportage “180 Tage bis zum Schnitzel – Stationen eines Schweinelebens”. Der Köche vom “Fast-food-Duell” bereiten besonders gerne Schnitzel Jägerart, Mühlenschnitzel, Zwiebelschnitzel, Schnitzel mit Currysauce und Ananas und vegetarisches Mexiko-Schnitzel zu. Und am Ende der Schnitzelkette hat Kabel 1 dem ersten Lieferdienst für Riesenschnitzel bei der Arbeit zugesehen. Oder wie man beim Sender sagt: Was nicht panierbar ist, geht gar nicht erst auf Sendung.

Der Wanderbeitrag
Es soll ja immer noch Gerichtsvollzieher, Lebensmittelkontrolleure und Autobahnpolizisten geben, die bei der Ausübung ihres Berufs noch nie von einem Kamerateam begleitet wurden und deswegen von fernseherfahrenen Kollegen gemieden werden. Dabei kann es nur eine Frage der Zeit sein, bis auch der letzte Kontrolleur seinen persönlichen Fernsehredakteur zugeordnet bekommen hat. Schließlich erfreuen sich die Beiträge über deren Arbeitsalltag größter Beliebtheit, bei den Sendern vor allem, weil sie sich beliebig oft wiederholen lassen. Selbst Magazine, die von sich behaupten, sie seien tagesaktuell, stopfen Lücken zum Großteil mit Archivmaterial. Den idealen Wanderbeitrag zeichnet die nicht vorhandene Aktualität aus. Nach der Erstausstrahlung beginnt er augenblicklich seine Reise: von “Akte 09″ bei Sat.1 zum “Sat.1-Magazin” bis ins Sat.1-”Frühstücksfernsehen”. Von “Red!” bei Pro Sieben zu “taff” und “SAM”. Von “Exclusiv” und “Punkt 12″ bei RTL zu “Prominent” bei Vox. Und von “ZDF.reporter” zu “hallo deutschland” über “Mona Lisa” in die “ZDF.reportage” – wie beim Beitrag über die Bergwacht im Skigebiet Sölden, die mit dem Rettungshubschrauber verunglückte Skifahrer abtransportiert, was Anfang des Jahres so oft im ZDF gezeigt wurde, dass auch Live-Übertragungen der Notarzteinsätze nicht weiter überrascht hätten.

Der schnelle Wanderbeitrag
Kleine Rechenaufgabe: Das Sat.1-”Frühstücksfernsehen” dauert täglich viereinhalb Stunden, ist eigentlich aber spätestens nach 90 Minuten vorbei. Wie geht das? Ganz einfach: Indem noch während der laufenden Sendung alle Beiträge sofort ein- oder zweimal wiederholt werden. Society-Expertin Sibylle Weischenberg ist sogar so geübt, dass sie ihren Promitratsch im Lauf des Morgens mehrere Male live aufsagen kann ohne beim zweiten Mal mit neuen Erkenntnissen zu irritieren – wie in einem beweglichen Fehlersuchbild: Die Themen sind dieselben, die Fragen auch, nur die Moderatorin, die sie stellt, wird zwischendrin ausgetauscht. Aber wem bitte schön soll das denn auffallen?

Die Aus-alt-Mach-neu-Doublette
Im vergangenen Jahr hat Pro Sieben sein Mittagsmagazin “SAM” von einer auf zwei Stunden erweitert, weil das beim Konkurrenten RTL mit “Punkt 12″ so gut geklappt hat, und danach festgestellt, dass man für eine zusätzliche Stunde dummerweise auch zusätzliches Programm braucht. Macht nix. Im Dezember zeigte “SAM” deshalb einfach noch einmal “Das große Promi-Pilgern”, das ein Jahr zuvor am Sonntagabend gefloppt war – und tat einfach so, als seien die Promis gerade erst für “SAM” los gegangen.

Das Reportagen-Repetitorium
Nur für den Fall, dass Sie am Donnerstagmorgen um 3 Uhr morgens im Digitalsender ZDF.info die Reportage “Klosterurlaub – Zeit fürs Ich” verpasst haben, und dann auch die Wiederholung um 7 Uhr, und dann auch die Wiederholung um 11.45 Uhr, und dann auch die Wiederholung um 15.30 Uhr, und dann auch die Wiederholung um 21.45 Uhr, und dann auch die Wiederholungen am Freitag und Samstag: Das ZDF plant sicher, die Reportage bald noch einmal zu zeigen.

Der Protagonisten-Doppler
Um nicht zu viele ganz normale Menschen zu verschleißen, die sich für die Dokusoaps am Nachmittag freundlicherweise beim gemeinsamen Streiten filmen lassen, kehren die Kamerateams manchmal wieder zurück – und filmen mit denselben Leuten einfach neue Geschichten. Das NDR-Magazin “Zapp” besuchte neulich eine Familie, die schon bei RTL, RTL 2 und Pro Sieben zu sehen war – mal, weil sie zu arm sein sollte, um sich gesund zu ernähren, ein andermal, weil sie dringend abnehmen sollte, und ein drittes Mal zwecks “Frauentausch”. Pro Sieben lässt uns bei “We are Family” außerdem in regelmäßigen Abständen an den Neuigkeiten im Leben der “Hure Trixie” teilhaben. Die Höhepunkte im Dezember waren: “Hure Trixie – schwanger und sitzengelassen”, “Die schwangere Hure Trixie und der Telefonsex” und “Hure Trixie – Weg mit dem großen Busen”.

Die Regionalsender-Rückkopplung
Wenn Elefanten alt werden, gehen sie zum Sterben auf den Elefantenfriedhof. Wenn Autos alt werden, fährt ihr Besitzer sie auf den Schrottplatz. Und wenn die Kitschserien der ARD merken, dass es mit ihren alten Folgen zu Ende geht, lassen sie sich müde in den Dritten Programmen nieder. Die Arztserie “In aller Freundschaft” läuft derzeit parallel zur Ausstrahlung im Ersten mehrmals wöchentlich im SWR, RBB, MDR, NDR, WDR und im HR, der die Wiederholungen täglich noch mal wiederholt. Und die Telenovela “Sturm der Liebe” bringt es in den Dritten monatlich auf gut 160 Wiederholungen.

Die Einmal-ist-keinmal-Masche
Es gibt Wochen, in denen kommen selbst den Redakteuren bei Kabel 1 die Schnitzel zu den Ohren wieder raus. Dann haut einer auf den Tisch und fordert: Wir müssen näher ran an die Lebenswirklichkeit der Menschen! Dafür gibt es das tägliche Magazin “Abenteuer Alltag – So leben wir Deutschen”. Neulich bestand das “Abenteuer” darin, einem überforderten Catering-Team dabei zuzusehen, wie es 6000 Messebesucher verköstigen musste: “Die Köche geben alles, aber dann passiert ein Desaster: Die Soßen sind nicht zu gebrauchen!” In einem Ausflugslokal im Allgäu gab es ganz ähnliche Probleme: “Hunderte Gäste wollen Wild und Forelle. Das Team kommt kaum hinterher. Und mittendrin streikt auch noch der Herd.” Bei einem Reitturnier für VIPs “herrscht das Chaos”. In einer neuen Mensa essen 300 Schüler “die Töpfe leer und die Chefin will ihren Job hinwerfen”. Und in einer Nobelküche gibt es schon mit 100 Gästen den “Riesenansturm beim Essen, die Kellner sind überfordert, die Köche müssen einspringen!” Zum Abschluss der Woche musste das Team eines Restaurants am Starnberger See “ein edles Buffet für 300 Gäste stemmen – doch es kommt zu einem blutigen Zwischenfall!” War aber auch höchste Zeit, dass bei Kabel 1 mal einer für Abwechslung sorgt.

Ach, und erinnern Sie sich noch an den Rettungshubschrauber aus dem ZDF? Der hat viele kleine Brüder. Zum Beispiel “Christoph 77″, mit dem das ZDF gerade für “drehscheibe deutschland” in Mainz unterwegs war. Und “Christoph 25″, in dem das ZDF-Team im Oktober 2008 für “hallo deutschland” gesessen hat, nur drei Monate nach dem Flug mit “Christoph 9″ über Duisburg und dem in “Christoph Europa 1″ über Aachen. Wenn deutsche Rettungshubschrauber sauber durchnummeriert sind, muss das ZDF in nächster Zeit jedenfalls keine Angst haben, dass ihm die Themen ausgehen.

* * *

So, das war’s. Entschuldigen Sie bitte die Wiederholung.

Screenshots: Kabel 1, ZDF, Pro Sieben

Artikel gespeichert unter: Im Fernsehen

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bisher 14 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben

  • 1. Peter  |  13.April 2009 at 13:37

    Genial! Selten so amüsiert.

    Das ganze ist ziemlich traurig, vorallem weil es eigentlich jedem auffällt. Wie Dokumentationen von Galileo zu Abenteuer Wissen und dann zu N24 weitergereicht werden und umgekehrt… irgendwie immer das selbe.

  • 2. Hein  |  13.April 2009 at 14:43

    Respekt, Herr Schader, den ganzen Unsinn zu dokumentieren.

  • 3. Zitronencoyote  |  13.April 2009 at 16:58

    hmmmm….wann kommt eigentlich endlich der Science-Fiction-Film “Drei Nüsse für Aschenbrödel” ?. Angeblich lief er vor Jahren mal im Weihnachtsprogramm. Schade, dass ich den verpasst habe, weil darf unbestätigten Meldungen nach nur noch ohne Bild und Ton gesendet werden *heul*…

  • 4. Heute schon Wiederholt? |&hellip  |  14.April 2009 at 06:57

    [...] wie so oft im deutschen TV. Wir haben zwar viele Sender, aber auch viele inhaltliche Sendelcher: Die Tricks der anonymen Wiederholiker. Man glaub es [...]

  • 5. Ben  |  14.April 2009 at 09:02

    Das schlimme ist ja, dass das alles nicht nur stimmt, sondern das man diese Liste drei oder viermal so lang machen könnte und immer noch nicht das ganze Elend des Deutschen Fernsehens
    abgebildet hätte.

  • 6. Peer  |  14.April 2009 at 09:05

    @Ben: Das heben wir uns aber bis nächstes Ostern auf.

  • 7. Lukas  |  14.April 2009 at 12:40

    Ich habe übrigens noch nie in meinem Leben “Pretty Woman” gesehen. Ebenso wenig wie “Dirty Dancing”.

  • 8. Mirko  |  14.April 2009 at 12:40

    made my day

  • 9. PAL  |  14.April 2009 at 14:08

    @Lukas: Wie hast du das denn geschafft? Ist ja ne reife Leistung angesichts der ständigen wiederholungen. Mein Respekt!!

  • 10. Peer  |  14.April 2009 at 14:12

    Lukas, das ist doch klar, du gehörst doch auch schon zu dieser Generation, die dem Fernsehen den Untergang bescheren wird. (Angeführt ja von Mercedes Bunz.)

  • 11. Schnitzel-TV  |  14.April 2009 at 22:19

    einer der besten und amüsantesten blog-einträge, den ich bis jetzt lesen durfte. danke dafür. besonders haben mir die passagen über kabel1 gefallen. der sender ist doch echt nicht mehr normal. bei uns heißt kabel1 schon lange “schnitzel-tv”.
    sehr gerne werden aber auch riesen currywürste gezeigt, aber das weisst du ja sicher, peer ;)

    ach ja, vielleicht sollte man in dem zusammenhang nochmal n24 erwähnen. mich würde mal interessieren, wie viele us-panzer insgesamt in den letzten 3 monaten auf n24 durch den irak gerollt sind.

  • 12. Kaleidoskop der Feeds zum&hellip  |  15.April 2009 at 17:57

    [...] Die Tricks der anonymen Wiederholiker [...]

  • 13. Warum man keinen Fernsehe&hellip  |  15.Mai 2009 at 11:20

    [...] eigentlich geht es mir gerade vordergründig darum, diesen Artikel auf medienpiraten.tv weiterzuempfehlen, welcher treffend und 100% wahrheitsgemäß die Masche und [...]

  • 14. Hirnfick 2.0 » Blog&hellip  |  15.Mai 2009 at 23:00

    [...] auch immer Einsamkeit existieren, und Einsamkeit fördert Verzweiflung, die sich dann von wirklich nicht sehr guten Sendern wie RTL II oder diesem furchtbaren 9live zu Geld machen [...]

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