Die Krächz-Stimme des Volkes
15.Oktober 2008
Auf die Idee muss man auch erstmal kommen: Dieter Bohlen ins Fernsehen einzuladen, um ihn die Finanzkrise analysieren zu lassen, und Mario Barth daneben zu setzen, damit die beiden ein bisschen über ihre Sparpläne reden können (und ihren groooßen Erfolg beim Publikum). An sowas könnte Comedy Central sich mal ein Beispiel nehmen. Aber so ist das eben, bei “Johannes B. Kerner”, wo Bohlen alle paar Monate eine Sendung geschenkt bekommt, um seine Weisheiten loszuwerden und ungezwungen über seine Show, seine Freundin oder sein Buch zu plaudern (so wie am gestrigen Mittwoch und am 5. Februar 2008 und am 1. November 2007 und zig Male zuvor, die ich gerade nicht verlinken kann, weil das ZDF offenbar in den vergangenen Monaten seine Datenbank ein bisschen aufgeräumt hat).
Absurder ist eigentlich nur, dass Bohlen sich in dieser Situation auch noch relativ gut anstellt und als Stimme des Volkes Applaus für Vernunftsätze bekommt wie:
“Manchmal ist spießig im Leben ganz schön gut.”
“Schule ist ja das Wichtigste in dieser Zeit. Deinen Abschluss kann dir keiner mehr wegnehmen.”
“Es ist ungerecht, wenn Frauen weniger verdienen als Männer.”
“Meine Mami ist für mich das Größte was es gibt auf der Welt.”
“Jeder Mensch sollte seinen eigenen Weg gehen.”
Jetzt kann man natürlich sagen: Was ist das für ein Mann, der ein Buch schreibt, das “Der Bohlenweg” heißt und anderen erklären will, wie man Erfolg im Leben haben kann, wenn er gleichzeitig erzählt, dass ihm der ganze materielle Reichtum auf den Wecker fällt, er sich jetzt nur noch eine “kleine” 90-Quadratmeter-Wohnung auf Mallorca leistet und der Gärtner zuhause nervt, weil der schon wieder neuen Dünger für den Rasen bestellen will?
Oder, besser noch: Was ist das für eine Redaktion, die eine alleinerziehende Mutter ins Publikum einlädt, die meckert, dass sie mit ihrem Hauptschulabschluss keinen Job kriegt, trotz der 30 Bewerbungen, die sie geschrieben hat, und der vielen Weiterbildungen, dann aber, wenn Bohlen ihr sagt, dass Jobs nicht vom Himmel fallen, wenn man bloß zuhause sitzt und auf das Glück wartet, in Sekundenschnelle giftig wird?
Wer hat denn da jetzt den Verstand verloren?
Selbst wenn man all die Arroganz, die Selbstüberschätzung und die unfassbare Weltfremdheit Bohlens abzieht: Es bleiben immer noch 80 unterhaltsame Minuten übrig, bei denen man nicht so leicht ans Umschalten denkt, und in denen Bohlen neben Barth, mit dem es einige ganz witzige Wortwechsel gibt, einen relativ vernünftigen Eindruck hinterlässt. (Man muss sich halt den liebedienerischen Kerner wegdenken). Das macht mir ein bisschen Angst.

Screenshot: ZDF
Es kann nicht mehr lange dauern, bis Bohlen tatsächlich in die Politik geht. Peter Sodann muss sich warm anziehen.
Artikel gespeichert unter: Im Fernsehen,Im Radio
Stichwörter: Dieter Bohlen, Johannes B. Kerner, Mario Barth, ZDF
bisher 13 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben
1. off the record&hellip | 15.Oktober 2008 at 10:19
Link-Flash vom 15.10.2008…
Dieter Bohlen: Peer Schader kämpft mit seinen Vorurteilen und entdeckt – zu recht – gute Seiten an Dieter Bohlen.
Corporate Blogs: Corporate Blogs wird her geglaubt als klassischen Unternehmens-Websites. Eines der Ergebnisse einer Online-Befragung…
2. Frank | 15.Oktober 2008 at 11:19
Was heißt denn hier Arroganz, Selbstüberschätzung und unfassbare Weltfremdheit? Oder: Mit welcher Arroganz und Selbstüberschätzung muß man ausgestattet sein um Bohlen solche vorzuwerfen?
3. Jeeves | 15.Oktober 2008 at 11:37
Absurder ist eigentlich nur, dass Bohlen sich in dieser Situation auch noch relativ gut anstellt
Wieso ist solch Verhalten absurd, ja sogar “absurder”?
Ich bin mal bei einem Portugal-Aufenthalt in einer zweistündigen Busfahrt mit immer der gleichen MODERN TALKING-Cassette vom Fahrer gequält worden. Und beide musikalisch Verantwortliche sind mir auch sonst unsympatisch bis egal. Aber einfach nur draufschlagen auf Herrn Bohlen, sogar wenn er mal was gut kann und macht und das sogar konzidiert wird, ist doch etwas billig.
4. Hansgerd Zappenduster | 15.Oktober 2008 at 11:48
Seid ihr wirklich so leicht zu kriegen? Solche Sätze bekommt ihr auch von Jürgen Drews zu hören wenn ihr wollt. Da muss man doch nur, wie bei Bohlen, auf den richtigen Knopf drücken. Im nächsten Moment wird dann wieder mit Mamas Tittenmlich in der Gegend rum gespritzt oder es werden fette Menschen denunziert.
5. Peer | 15.Oktober 2008 at 11:58
@Frank: Hast du diei Sendung gesehen? Ich finde, dass sich darin alles ganz gut wiederfinden lässt.
6. Frank | 15.Oktober 2008 at 16:19
@Peer: Ja, hab ich. Nicht ganz vollständig. Aber ja, hab ich.
Und wenn Gottschalk heute die “Rotznasigkeit jugendlicher Online-Journalisten, die alles wegbügeln wollen, was über 40 ist” beklagt, dann geb ich ihm auch da Recht, obwohl ich mich frage warum es den Baum stört, wenn sich die Sau dran kratzt.
Und der o.g. Jürgen Drews? Hat immerhin mal studiert und ein sehr ordentliches Jazz-Album veröffentlicht, ist seit 40 Jahren erfolgreich im Musikgeschäft unterwegs. Hätte er die Tittenmilch nicht ans Fernsehen verkauft und sie stattdessen gebloggt, es wäre der Linkbait des Jahres geworden.
Und wenn Franz Beckenbauer morgen erklären sollte, der Ball ist eckig, dann gebietet es der Respekt vor der Leistung des Mannes zumindest mal nen Gedanken drauf zu verschwenden
Ich mochte Hanns-Joachim Friedrichs Auffassung von Journalismus, auch wenn ich vermute, dass wenn er Blogger gewesen wäre, aber sowas gab es damals noch nicht, wohl nie einen Trackback bekommen hätte.
7. Peer | 15.Oktober 2008 at 17:45
@Frank: Also, du verurteilst, dass ich meine Meinung zu Bohlen schreibe, findest es aber ok, selbst eine Pauschalmeinung zur TV-Kritik und zu Kritik an Bohlen darunter zu hinterlassen? Sehr merkwürdig.
Dass du offenbar wie G. glaubst, es seien junge Online-Journalisten, die alles “wegbügeln” wollen, ist ebenso generalistisch. Und triftt, glaube ich, auf obigen Blogeintrag sogar ganz und gar nicht zu, weil ich darin beschreibe, wie komisch das auf mich wirkte, dass Bohlen zugleich auf einem völlig anderen Stern zu leben scheint und trotzdem mit Vernunftsätzen unterhält (was man sonst eher nicht von ihm gewöhnt ist). Das hat mit wegbügeln nichts zu tun.
Und: Wenn Bohlen erklärt, man müsse nicht immer den besten Song schreiben, es reiche ihm auch, der zweitbeste Schreiber nach Paul McCartney zu sein, dann würde ich das Selbstüberschätzung nennen. Und auch die beschrieben Weltfremdheit und Arroganz ist, wie ich finde, leicht zu belegen, wenn man die Sendungganz gesehen hat.
8. Aufrechtgehn | 15.Oktober 2008 at 20:38
Ich habe nicht die ganze Sendung gesehen (Kerner ertrag ich nur in homöopathischen Dosen, sonst krieg ich Ekelherpes), sondern so die letzten 10 Minuten. Kann aber Peers Ambivalenz in Sachen Bohlen gut nachvollziehen, das geht mir mit dem Mann nämlich auch so. Ich finde den Bohlen einerseits klasse, weil er so ziemlich überall offen und ungeschminkt seine Meinung sagt. Seit ich mal gesehen habe, wie der dem Beckmann ins Gesicht gesagt hat, was für ein Schleimer er ist, hat er sogar was von einem Helden für mich. Andererseits sind da die schlimmen Autobiografien, die schlimmen DSDS-Moderationen und sein doch recht einfach gestricktes Weltbild… So einen wie den Bohlen darf man ja eigentlich nicht mögen (ich hab schon früher die Modern-Talking-Singles immer nur heimlich gekauft und immer zwischen anderen Platten versteckt), dennoch nötigt er einem gelegentlich Respekt ab.
9. Enk | 16.Oktober 2008 at 13:30
Bohlens Auftritte bei Kerner sind immer wieder Sternstunden, einfach weil es ansonsten im Fernsehen kaum noch Leute gibt, die sich bereitwillig so um Kopf und Kragen reden wie Bohlen. Einer der wenigen, denen ich abnehme, dass er sagt, was er denkt, auch wenn das oft nur bemerkenswert schlichte Alltagsweisheiten sind.
Wobei ich mich immer frage, warum sich der Bohlen das überhaupt antut. Genug Geld hat er ja nun wirklich, als dass er diese Promo-Auftritte nötig hätte. Und er ist intelligent genug zu merken, dass das Publikum meistens nicht mit, sondern über ihn lacht und gröhlt, und er weiß auch genau, dass Kerner nur darauf wartet, ihn mal wieder als Tölpel vorzuführen (siehe auch ).
Wahrscheinlich gefällt er sich einfach zu sehr in der Rolle des Medien-Prolls, oder geiert doch nur nach ein paar tausend mehr verkauften Büchern.
10. Peer | 16.Oktober 2008 at 13:55
@Enk: Ich glaube, Kerner führt Bohlen überhaupt nicht als Tölpel vor, eher im Gegenteil.
11. Enk | 16.Oktober 2008 at 13:59
Das stimmt, faktisch ist es eher umgekehrt, aber Kerner versucht es halt immer wieder (siehe die 2007er Sendung, die ich im letzten Kommentar verlinkt hatte).
12. Frank | 16.Oktober 2008 at 22:18
@Peer: Nicht merkwürdig. Konsequent.
Du bist Journalist, ich bin Verkäufer. Das ergibt 2 Blickwinkel aber auch 2 Maßstäbe.
Den Satz mit McCartney hat man schon häufig von Bohlen gehört. So eine Aussage mag dich befremden, der von Jeeves angesprochene Busfahrer würde es vielleicht unterschreiben, ggf. sogar fragen wer zur Hölle denn dieser McCartney ist.
13. Der Bohlen und die Finanz&hellip | 31.Januar 2009 at 16:38
[...] Gesöcks, welches sich an der Börse rumtreibt. Und Herr Bohlen spricht das aus und wird damit zur Stimme des Volkes. Na dann Mahlzeit! :Finanzkrise, Gedanken, offtopic Bis jetzt noch keine [...]
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