Knuts Papa, die Zeitungen und das Internet
24.September 2008
Berlin trauert um Thomas Dörflein, den Tierpfleger, der Knut aufgezogen hat. Dörflein starb diese Woche an einem Herzinfarkt, und die Tragweite dieses Todes, wie sie nun in den Zeitungen beschrieben wird, ist ein bisschen irritierend. Die “Berliner Zeitung” berichtet etwa, dass der Zoo “keine eigene Trauerfeier für den verstorbenen Tierpfleger” plane. Und hat sich vor Ort bei den Besuchern am Eisbärengehege umgesehen:
“Wie von Geisterhand ausgerichtet, blickten die großen Tiere alle in jene Richtung, aus der sonst die Pfleger kommen. ‘Manche Tiere haben ja solche Instinkte’, antwortete die Frau. ‘Die sind bestimmt ganz traurig.’ Wenige Meter Luftlinie entfernt hatte sich Knut am Eingang zu seiner Felsenhöhle zusammengerollt. Er schlief. ‘Knut ist jetzt Vollwaise’, sagte ein Mann zu seiner Begleiterin. Ein paar Schritte neben den beiden stand eine Frau und presste sich eine Hand auf den Mund. Sie weinte leise.”
Oha. Und: Entschuldigung. Aber wir kommen jetzt zu einem ganz anderen Thema.
Zeitungen nämlich, besser gesagt: deren unschöner Zukunft, wie sie beim Kongress der Zeitungsverleger diskutiert wurde, weil sich ja immer weniger junge Leser auf gedrucktem Papier informieren. Auch dort war die “Berliner Zeitung” zu Gast und gibt nun an ihre Leser weiter, was Renate Köcher vom Institut für Demoskopie in Allensbach vorzutragen hatte:
“Die Wirkung des Internets auf das Nutzungsverhalten sei inzwischen deutlich spürbar. Online-Nutzer würden die Qualitäten des Internets auf andere Medien übertragen. Das führe zu wachsender Ungeduld beim Konsum anderen Medien, beispielsweise beim Lesen einer Zeitung. Paradoxerweise ergebe das vielfältige Themen-Angebot im Netz keine Erweiterung, sondern eine Verengung des Informationsspektrum des Nutzers, die sich auf andere Medienangebote ausweite. ‘Die Abkehr von Print bedeutet die Abkehr von Information’, resümierte Renate Köcher.”
Doch etwas Hoffnung gibt es noch für die Verleger:
“Auch habe die Untersuchung ergeben, dass das Internet für die aktuelle Informationsbeschaffung – ‘um auf dem Laufenden zu bleiben’ – eine untergeordnete Rolle spielt. Hier dominieren Zeitung und Fernsehen.”
Nun aber zurück in den Zoo, in dem sich am Dienstag auch der “Berliner Kurier” aufhielt, um mit geschockten Besuchern zu sprechen. Eine junge Frau erinnert sich ganz genau, was passierte, als sie von der Nachricht erfuhr:

Ausriss: “Berliner Kurier”
Vielleicht ist alles noch viel schlimmer als wir denken. Das mit Knuts Papa sowieso. Aber auch das mit den Zeitungen.
Artikel gespeichert unter: Im Fernsehen,Im Netz,Im Print
Stichwörter: Berliner Kurier, Berliner Zeitung, Internet, Knut, Mediennutzung
bisher 5 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben
1. 6 vor 9 » medienlese.com&hellip | 25.September 2008 at 08:55
[...] 3. “Knuts Papa, die Zeitungen und das Internet” (medienpiraten.tv, Peer Schader) Was ist Medienkompetenz heute? Wenn eine 22jährige im Internet Fact-checking macht, nachdem sie etwas im Fernsehen gesehen hat. Das Zitat des Tages, festgehalten vom Berliner Kurier, lautet so: “Als die Meldung im Fernsehen kam, habe ich im Internet nachgesehen, ob es wirklich stimmt.” [...]
2. Eullchen | 25.September 2008 at 10:27
Wartet, dass muss ich erst mal googlen…
.
Stimmt!
Man! Knuts Papa ist ja wirklich tot!
Schlimm.
3. Amok Koma » Ein hü&hellip | 27.September 2008 at 01:03
[...] << “Jennifer (22) ist todtraurig >>: Als die Meldung im Fernsehen kam, habe ich im Internet nachgesehen, ob es wirklich stimmt. [...]
4. falsch | 29.September 2008 at 11:07
man muss sich erstmal vorstellen was los wäre wenn knut gestorben wäre. nicht auszudenken…
5. Fontblog » Realsati&hellip | 24.August 2009 at 08:46
[...] Medienpiraten zitieren aus dem Berliner Kurier von gestern. Das Thema des Tages war der plötzliche Tod von Thomas [...]
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