zweitechance@IFA

02.September 2008

“Bewegtbild im Internet ist kein Massenmarkt, der sich in Zukunft entwickeln wird — es gibt ihn schon”, sagte Mark Thompson, General Director der BBC, am Dienstag in seiner Keynote auf der medienwoche@IFA. Bei den Olympischen Spielen habe die BBC in einer Woche 8,5 Millionen Unique User aus Großbritannien auf seiner Olympia-Website gezählt. Insgesamt 40 Millionen Videostreams seien abgerufen worden und 21 Millionen Livestreams (aus UK).


Thompson (l.) im Gespräch mit Lutz Hachmeister

Einen Tag zuvor hatte ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender etwas Ähnliches erklären wollen. Sein “aktuelles” Beispiel war — nein, nicht die Olympia-Statistik des ZDF, sondern ein “Aspekte”-Beitrag über den Hitler-Comic von Walters Moers, “Der Bonker”, der im Netz mehr Zuschauer hatte als im Fernsehen, also mehr als 810.000 Zuschauer. Brenders Beispiel stammte aus dem Jahr 2006 (siehe ZDF-Powerpoint-Präsentation aus dem Dezember 2006, S. 18).

Es gibt soviele Unterschiede zwischen der BBC und unserem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Man kann sich das gar nicht vorstellen.

* * *

Kummerkasten der GEZ auf der IFA (leer):

Nebendran gibt’s ein “Model-Casting”, bei dem man sich im “Natürlich zahl ich”-T-Shirt fotografieren lassen muss und “eins von 32 Gesichtern eines Quartettspiels werden” kann oder “zehn Quartettspiele mit Ihrem Motiv gewinnen”.

Der Knaller ist aber:

Schön doof, wer da mitmacht. Und bitte nicht vergessen die Rückseite auszufüllen:

* * *

Die Landesmedienanstalten haben ihren Digitalisierungsbericht 2008 vorgestellt, ein (wie ich finde) hochinteressantes Ding, in dem steht, wie die Deutschen ihr Fernsehen empfangen. Ich dachte immer, die meisten Deutschen haben keine Ahnung wie sie ihr Fernsehen empfangen (ich muss bloß mal meine Eltern fragen), aber ok, die Studie kommt von TNS Infratest, und die werden schon wissen, was sie tun.

Hans Hege, Auftraggeber der Studie und Vorsitzender der (ehemaligen) Gemeinsamen Stelle Digitaler Zugang der Landesmedienanstalten und Chef der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB), war sich auch nicht ganz sicher:

“Wahrscheinlich geben die Leute zu wenig Zweitgeräte an, weil sie Angst haben, dafür GEZ zahlen zu müssen.”

* * *

Ach ja, fast vergessen: Analoges Kabel ist noch immer der wichtigste Übertragungsweg für Fernsehen in Deutschland (41,5 Prozent). Deshalb reagieren die Kabelnetzbetreiber auch so allergisch, wenn man erwähnt, dass ja irgendwann auch mal das analoge Signal abgeschaltet werden soll. Bis es soweit ist, muss Kabel Deutschland aber noch eine Menge schrottiger Settopboxen in Umlauf bringen.

46,7 Prozent der TV-Haushalte haben Zugang zu digitalem Fernsehen.

Der Anteil der Empfänger von IPTV ist seit vergangenem Jahr stabil geblieben: bei 0,3 Prozent. Arme Telekom.

Und die Internet-Nutzung hat TNS Infratest gleich miterhoben und nach den TV-Gewohnheiten der Nutzer im Netz gefragt. 10 Prozent haben schon mal eine Mediathek wie die des ZDF genutzt. Nur 2,7 Prozent geben an, ein solches Angebot mindestens einmal in der Woche zu nutzen. Und dafür der ganze Ärger.

* * *

Raumschiff ICC Berlin. Hatte mich auf dem Weg zu einer der drei Millionen Toiletten verirrt. Tageslicht wird überbewertet.


* * *

Seit Christian Ulmen die Web-exklusiven Videos der Charaktere aus “Mein neuer Freund” online gestellt hat (siehe Eintrag vom Freitag), haben sich die Seitenzugriffe bei der Brainpool-Plattform myspass.de, die die Videos hostet, verzehnfacht, sagt Brainpool-Chef Jörg Grabosch. Und er sagt, dass bei dem Projekt wohl trotzdem alle draufzahlen werden: “Internet ist noch nicht in der Lage, hochwertige Produktionen zu finanzieren – und ich weiß auch nicht, ob es das jemals sein wird.”

Aber als Marketing-Investment für myspass.de eigneten sich die Ulmen-Filme natürlich hervorragend.

* * *

Kleines Déjà-vu am ARD-”Stand” auf der IFA, diesmal nur nicht nach Sendern geordnet, sondern nach “Welten”.


* * *

War dann doch ein ganz aufschlussreicher Tag heute.

Artikel gespeichert unter: Im Allgemeinen

bisher 4 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben

  • 1. nona  |  03.September 2008 at 01:30

    “Bewegtbild im Internet” ist leider nach wie vor auch lediglich ein Euphemismus für “krümelige pixelige Minivideos” – nicht zu verwechseln mit “Fernsehen” wie es selbst auf einem Kleinfernseher über terrestrische Antenne aussieht. Youtube & Co. gut und schön, aber eine gleichwertige Alternative zu “echtem” Fernsehen ist auch hochwertigeres Videomaterial wie z.B. in der ZDF-Mediathek nicht mal annähern. (Wird es auch auf absehbare Zeit natürlich nicht werden, denn etwas mehr technische Qualität erfordert ungleich mehr technischen Unterbau, Speicherkapazität, Bandbreite bei Anbieter und Abrufer, etc.) Digitalisierung und Internet sind keineswegs als “die” Zukunft misszuverstehen.

    (Digitalisierung wird sowieso viel zu häufig falsch angegangen. Erschreckend z.B. in welcher grottigen Qualität ein Sender wie der WDR sein Material “von Platte” spielt, völlig verklotzt und verartefaktet als sei es durch einen MPEG-Konverter von 1995 gescheucht worden, und das wohlgemerkt durch analoges Kabelfernsehen angeschaut. Das identische Material sieht bei anderen Dritten völlig normal aus. Grrr. Undfürsonscheissbezahltmangebührengrmbl…)

  • 2. Peer  |  03.September 2008 at 09:15

    @nona: Ich glaube, Thompson bezog sich vor allem aufs BBC-Olympia-Angebot, ganz so krümelig ist das nicht. Daher ja auch das Beispiel.

  • 3. dogfood  |  03.September 2008 at 19:51

    Re: myspass.de & Draufzahlen:

    Meine Fresse, die haben mächtig Kohle in die Hand genommen um in den Hamburger U-Bahnhöfen Ulmen und myspass.de zu plakatieren. Das ist deutlich mehr als einfach mal nur mit dem Zeh die Wassertemparatur anzutesten.

    Re: “Es gibt soviele Unterschiede zwischen der BBC und unserem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Man kann sich das gar nicht vorstellen.”

    Jo. Und wenn man merkt das sich der Abstand sogar eher vergrößert, dann ist es nur noch frustrierend.

  • 4. medienpiraten.tv » &hellip  |  09.September 2009 at 19:26

    [...] heißt, gehe hin und bin am ersten Tag maßlos enttäuscht, was nicht so schlimm ist, weil der zweite Tag meistens besser wird. Deshalb wäre es wohl auch keine Lösung, nächstes Jahr einfach erst am zweiten Tag hinzugehen, [...]

Ihr Kommentar

Pflichtfeld

Pflichtfeld, anonym

Folgende HTML-Tags sind erlaubt:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Trackback diesen Artikel  |  Kommentare als RSS Feed abonnieren


Blog-Archiv

September 2010
M D M D F S S
« Aug    
 12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
27282930  

Aktuelle Blog-Einträge