Der Tag, an dem Live begraben wurde

27.Juli 2008

Es gibt viele Fragen, die nicht beantwortet sind nach dem Fernsedebakel vom vergangenen Donnerstag, als die deutschen Sender mit ihrer Vor- und Nachberichterstattung zur Rede Barack Obamas in Berlin eindrucksvoll bewiesen, wie wenig Niveau und Sachverstand es braucht, um im zweitgrößten Fernsehmarkt der Welt senden zu können.

Fragen wie: Warum hat ARD-Reporter Ulrich Deppendorf niemand gesagt, dass er, nachdem er auf der Pressetribüne vor der Siegessäule an die “Tagesschau” abgegeben hatte, bei den nebendran stehenden Kollegen vom ZDF live durchs Bild latschte und dabei einem ziemlich erschöpften Eindruck machte?



Screenshots: ZDF

Fragen auch wie: Warum hat Deppendorf auch niemand gesagt, dass es unhöflich ist, seinen Zuschauern ständig den Rücken zuzudrehen?


Screenshot: Das Erste

Um noch konkreter zu werden: Gibt es bei der ARD überhaupt jemanden, der dafür zuständig ist, darauf zu achten, wer wo steht während der Übertragung?


Screenshot: Das Erste

Wieviele Interviews kann Klaus Wowereit in anderthalb Stunden geben, und warum filmen oder fotografieren im Hintergrund ständig Leute Wowereit, wie er gerade Interviews gibt?


Screenshot: n-tv

Screenshot: Das Erste

Meint n-tv das wirklich ernst, den Bildschirm in drei Fenster zu unterteilen (von denen mindestens zwei auch noch völlig irrelevante Inhalte zeigen) und mit mehreren Laufbändern, Bauchbinden und Logos zu verstopfen?


Screenshot: n-tv

Und welchen Informationsgehalt hat das eigentlich, wenn n-tv, bloß weil in der Redaktion einer mit Google Earth spielen kann, die Obama-Tour durch Berlin, wo sich fast alles im Umkreis weniger Kilometer abspielte, als eine Art Wetterbericht aufbereitet?


Screenshot: n-tv

Ach, lauter Fragen: Wie albern dürfen Splitscreen-Schaltungen sein?


Screenshot: Sat.1

Nur Antworten, die gibt es nicht, an diesem Tag, der in die Geschichte eingehen wird als der Tag, an dem die Live-Berichterstattung im deutschen Fernsehen ihren vorläufigen Tiefpunkt erreichte. (Die gesammelten Schrecklichkeiten, die das hier Gezeigte im übrigen deutlich übertreffen, habe ich für die heutige “F.A.S.” aufgeschrieben [derzeit leider nicht online hier online].)

Ach, Moment, eine Antwort habe ich doch bekommen. Bei den Leuten vom amerikanischen Fernsehen. Die Frage dazu lautet: Wenn die Amerikaner wirklich keine Ahnung von der Geografie Europas haben, woher kommt das eigentlich?


Screenshot: RBB/CNN

Artikel gespeichert unter: Im Fernsehen

bisher 32 Kommentare

  • 1. Danny^  |  27.Juli 2008 at 16:32

    Wie gut, dass ich in Urlaub war.

  • 2. Dennis M.  |  27.Juli 2008 at 17:14

    Ist der Artikel, der “derzeit leider nicht online” ist zufällig jener: http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/

  • 3. Peer  |  27.Juli 2008 at 17:24

    @Dennis M.: Genau. Ist jetzt verlinkt. Danke.

  • 4. Dennis M.  |  27.Juli 2008 at 17:26

    Gerne :)

  • 5. nona  |  27.Juli 2008 at 19:09

    Naja, das ist CNN International, das geht nur sehr bedingt als “amerikanisches Fernsehen” durch…

  • 6. nona  |  27.Juli 2008 at 19:24

    Hübscher FA(S|Z)-Artikel übrigens, ich hab’ sehr gegrinst. Zweifellos ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aber im Prinzip in etwa das was man derzeit von den jeweiligen Sendern leider erwarten kann oder muss. N24 und n-tv und ihre Ableger gehen mehr und mehr bestenfalls als Nachrichten-Satire durch, und die ö/r verkrampfen mitunter angesichts ihrer eigenen Ansprüche an Seriösität und Kompetenz.

  • 7. Lukas  |  27.Juli 2008 at 23:26

    Jetzt bereue ich es fast, dass ich zum gleichen Zeitpunkt dem holländischen Volk meine Aufwartung machen musste. Vor allem Kronzuckers Aussagen müssen ja gigantisch gewesen sein – der George W. Bush des deutschen Infotainments.

    Ich bin aber auch ehrlich überrascht – überrascht darüber, das man es offenbar doch noch geschafft hat, dass dilettantische Herumgehampel vom letztjährigen G8-Gipfel zu … äh: toppen.

  • 8. jaydee  |  28.Juli 2008 at 00:12

    haha schön gesammelt.

  • 9. ingo  |  28.Juli 2008 at 01:14

    ich fand die ganzen ton-pannen schlimm… und außerdem haber es deppendorf und diverse zdfler es geschafft aus barack obama immer mal wieder “bereck obema” zu machen… naja. und gut informiert war deppendorf auch nicht, als er fragte “30 minuten rede von obama, ist das für ihn nicht ziemlich lang?”… er hätte einfach nur mal im internet obama googlen müssen und wäre auf zahlreiche längere reden gestossen.

    ach zu cnn: candy crowley ist senior political analyst bei cnn us. ab und zu leihen sich die internationals bei us die inhalte. wie auch den situation room mit wolf blitzer und seinem best political team on television, wochentags um 0.00 uhr.

    ein bisschen muffelnde eigenwerbung, mein beitrag zu der liveshow am donnerstag:
    http://www.ingoversum.de/wordpress/?p=308

  • 10. dogfood  |  28.Juli 2008 at 07:58

    CNN International leiht sich zwar manchmal die Inhalte der US-Kollegen aus, aber dann ist es auch im US-Broadcastingdesign. In diesem Fall hat Crowley wirklich CNN Int das Interview gegeben.

    Aber ich fand es in der Tat bestürzend wieviele Pannen es im deutschen Nachrichtenfernsehen noch gibt, obwohl man spätestens seit dem ersten Irak-Krieg eine “Breaking news”-Kultur aufgebaut hat (oder auch nicht). Trotzdem kriegt man kaum eine vernünftige Schalte hin, während selbst französische Kleinstnachrichtensender weniger Böcke schießen, als n-tv vom großen RTL-Konzern in einer Sendestunde in der sie mal keine Hitler-Dokus ausstrahlen.

  • 11. Schnutinger  |  28.Juli 2008 at 08:56

    Also ich fand das ziemlich absurd, wie ntv ganz zum Schluss des Besuchs etwa zwanzig Minuten das Rollfeld auf dem Flughafen Tegel eingeblendet hat, auf dem im Hintergrund die Maschine von Obama Barack auf den Abflug wartete – eine Sternstunde im deutschen TV.

  • 12. Schnutinger  |  28.Juli 2008 at 08:57

    Umps … Barack Obama, natürlich … bin gerade erst urlaubsbedingt aus dem Bett gepurzelt und noch etwas verschlafen …

  • 13. Sebastian  |  28.Juli 2008 at 09:45

    Fast schade, dass ich vor Ort war und es mit eigenen Augen gesehen habe. Im Fernsehen scheint’s lustiger gewesen zu sein

    :-)

    Große Artikel – beide!

  • 14. Chrise Hoem  |  28.Juli 2008 at 10:05

    HALLO UND GUTEN MOREGEN, LIEBER AUTOR DES OBIGEN ARTIKELS,
    das sind die modernen Zeiten. Live ist halt wie auf der Bühne im Theater und nicht wie bei Aufzeichnungen, wo alles bis zu 60mal (!) wiederholt wird. Zudem leben wir in dem Zeitalter der Medien, so dass es durchaus vorkommen kann, dass auch mal eine andere Kamera zu sehen ist.
    Dir Zeiten, in denen Edgar Wallace die Strassen leerte (und es nur 3 Programme gab), sind halt vorbei.
    Mit besten Grüßen
    CH

  • 15. Hans  |  28.Juli 2008 at 10:09

    im fas-Artikel ist ein fehler: Claudia nothelle ist mitnichten rbb-fernsehdirektorin sondern chefredakteurin fernsehen. Ist was anderes. Und of glaube, dass die großen us-networks auch am Abend live aus Berlin gesendet haben. Klar war die rede obamas da schon rum, aber so ganz falsch war das glaube ich auch nicht, was Frau hüsch da sagte. Ansonsten sehr feiner Artikel.

  • 16. Hans  |  28.Juli 2008 at 10:13

    die blöden tippfehler macht Mein iPhone, sorry

  • 17. radiostar  |  28.Juli 2008 at 11:01

    Herrschaften.
    Bei aller teilweise auch angebrachten Kritik gilt auch hier: Erst mal besser machen als die Kollegen. Dass N24 und n-tv es mit einer wesentlich kleineren Redaktion und beschränkteren technischen Mitteln als die großen ÖR es trotzdem geschafft haben ein stundenlanges Live-Programm auf die Beine zu stellen, verdient auch mal ein wenig Anerkennung. Die Zuschauer zumindest scheint es interessiert zu haben – sofern ich die Einschaltquoten richtig deute, lag der Tagesmarktanteil am besagten Tage teils deutlich über dem Durchschnitt der Newssender.
    Beste Grüße.

  • 18. untergeek  |  28.Juli 2008 at 12:00

    Jooo. Da ich bei einem Newsradio arbeite, kann ich mich auch nicht so ganz dem Eindruck entheben, da zähle mal wieder eine dieser ahnungsfreien Zeitungsnasen an Erbsen herum. (Sorry Peer.) Dann ist der Deppendorf dem ZDF halt durchs Bild gelatscht – ja und? Und ich weiß: der Freitag war ein wirklich ereignisloser Tag – da konnte man als Newssender ohne inhaltsleere Dauerschleife praktisch nicht auskommen.

    Was auch einen Teil der Antwort auf die Frage darstellt, warum es überhaupt diesen vielkanaligen Aufriss um ein Rede-Soufflé gab.

  • 19. noweblog » Obama-Da&hellip  |  28.Juli 2008 at 12:32

    [...] Medienpiraten: Wie oft kann man Klaus Wowereit in eineinhalbstunden interviewen? [...]

  • 20. Peer  |  28.Juli 2008 at 12:55

    @radiostar: Wieso verdient es Anerkennung, ein stundenlanges Liveprogramm zu machen, das voller Peinlichkeiten und Fehler steckt, das zudem keiner braucht und das, obwohl man doch weiß, dass man das Personal dafür nicht hat? Seh ich völlig anders.

    @untergeek: Auch auf die Gefahr hin, als “ahnungsfreie Zeitungsnase” tituliert zu werden: Dein Verständnis von Journalismus möchte ich mir lieber nicht ans Bein binden. Viel Spaß aber weiterhin beim Basteln inhaltsleerer Dauerschleifen.

    Ich bin wirklich erschrocken, wie einige Medienmacher hier so tun als sei das alles nicht nur Alltag im Newsgeschäft, sondern auch okay so.

    @Hans: Danke für den Hinweis. Deppendorf sagt vor dem Gespräch: “Ich begrüße jetzt neben mir Claudia Nothelle, sie ist Fernsehdirektorin hier des Senders RBB.” Vielleicht sagt er auch “Fernsehredakteurin” oder “Fernsehdirekteurin”, ich kann das Genuschel bei mehrmaligem Anhören nicht mehr verstehen (“Fernseh-Chefredakteurin” jedenfalls nicht). Aber du hast recht: Ich hätte mich nicht einfach so aufs Hören verlassen dürfen, sondern es selbst nachprüfen.

  • 21. untergeek  |  28.Juli 2008 at 13:04

    …neinnein, bitte nicht falsch verstehen. Es geht (und ging) auch mit Inhalt, und die Redaktion meines kleinen, aber feinen Inforadios hat sich am Freitagnachmittag kräftig beömmelt über Obama-Hype und extrem aufgeregte Live-Reporter bei N24 und NTV.

    Darüber kann man reden. Aber Du bemäkelst eine Menge kleiner Pannen bei Live-Situationen, und das ist – mit Verlaub – doch ein wenig wohlfeil.

  • 22. untergeek  |  28.Juli 2008 at 13:06

    …und noch ein Nachklapp: Claudia Nothelle ist derzeit beides – FS-Chefredakteurin und kommissarische FS-Direktorin.

  • 23. Peer  |  28.Juli 2008 at 13:07

    @untergeek: Der N24-Sonderkorrespondent faselt davon, Obama sei nicht bei der “Wehrmacht” gewesen, und keiner stellt es richtig? ARD und ZDF senden gerade mal ein Stündchen live, und bei beiden Sendern gibt es keine zehn Minuten am Stück ohne Tonausfall, falsche Schalte oder Fehlinformation? Die RBB-Fernsehchefredakteurin rezitiert Reagan mit “Mr. Gorbatschwo, tear down this gate” und Deppendorf korrigiert nicht? “Eine Menge kleiner Pannen”? Oha. Dass das schon Standard ist im deutschen Fernsehen wusste ich nicht.

  • 24. untergeek  |  28.Juli 2008 at 13:13

    Dann viel Spaß beim ersten Live-Auftritt. Keine Frage: böse Pannen, und ganz besonders ärgerlich, wenn sie auf die gute alte “Das-versendet-sich”-Ideologie treffen – aber jede Wette: das ist Frau Nothelle selbst nicht aufgefallen. Und es war zwar nicht richtig zitiert, aber zumindest war klar, was sie gemeint hat. Da also bitte etwas großzügiger, sonst fange ich an, Kommatippfehler nachzuzählen :)

    Die “Wehrmacht” ist in der Tat ein Klopper. Da müsste ich mir aber den Kontext noch mal ansehen.

  • 25. Peer  |  28.Juli 2008 at 13:27

    @untergeek: Keine Frage, mein erster TV-Live-Auftritt wäre sicher ein Debakel. Allerdings hatten Leute wie Deppendorf und Kronzucker und all die anderen ja ein bisschen mehr Zeit zum Üben, meinst du nicht?

  • 26. untergeek  |  28.Juli 2008 at 13:39

    @Peer: Claro si. Und trotzdem: mehrfaches Rotlicht, kein Teleprompter nirgends, ein total in die Grütze gegangener Zeitplan und du drehst die sprichwörtlichen Locken auf der Glatze – da schwimmt vieles den Bach hinunter. Auch vieles, das man denken wollte, aber nicht sprechen: auch, dass Obama Berlin vielleicht noch einmal “benutzen” wolle – was ich persönlich sehr hübsch finde.

    Nun aber genug gerechtfertigt; wollte nur plädieren, statt der Safranwaage auch mal Fairness walten zu lassen und nicht gleich das Abendland untergehen zu sehen, wo sich jemand verspricht. Ansonsten hast Du ja Recht.

  • 27. Danny^  |  29.Juli 2008 at 12:41

    Ich will wieder in Urlaub

  • 28. sabama  |  30.Juli 2008 at 12:41

    ich habe ja bis zu diesem Ereignis TV-Diät gehalten und mich nur von DVD-Serien unterhalten lassen. Deine Beschreibungen reichen aber auch völlig aus, da braucht frau gar nicht mehr gucken.

  • 29. Matti  |  30.Juli 2008 at 23:08

    Die Herrschaften bekommen für den Unfug den sie da verzapfen so ein Haufen Kohle, da erwarte ich als GEZ-Zahlender gefälligst eine professionelle Berichterstattung. Sie muss ja nicht pannenfrei sein, aber was die hier abgeliefert haben…..

  • 30. Matthias Sch.  |  01.August 2008 at 21:41

    also ich war im Laufe der letzten Jahre immer wieder mal live im Fernsehen – meist für 5- bis 7-Minuten-Interviews – und habe keine solchen Mega-Klopper gebracht, auch ohne dass es mein Beruf wäre.

    Sorry, sowas kann “mal” passieren (das macht live ja auch so menschlich), aber in dieser geballten Form ist es wirklich peinlich und der Anprangerung würdig.

    Und dass man eine nachrichtenfreie/-arme Zeit als kreativer Moderator durchaus unterhaltsam überbrücken kann, haben Jauch und Reif anlässlich des berühmten “Tor von Madrid” ja hinreichend bewiesen….

    http://www.youtube.com/watch?v=3Sd_EKEC0k4

  • 31. MainPlog » Jetzt li&hellip  |  27.September 2008 at 05:51

    [...] Wann immer es um eine Live-Übertragung geht, zeigen die großen Fernsehanstalten dieser Welt mit erstaunlicher Konsequenz, wie sehr sie diese Technik, die sie seit, na sagen wir mal in einem Anflug von Kleinzügigkeit 50 Jahren zu kennen vorgeben, noch überfordert. Schlagzeilen machte im Juni dieses Jahres das Fußball-EM-Halbfinale der deutschen gegen die türkische Mannschaft, als nämlich ein Unwetter einen Stromausfall bewirkt hatte, der zu einem mehrminütigen Bildausfall bei zahlreichenden übertragenden Stationen führte. Die Sender selbst waren hieran allerdings weitgehend unschuldig, weil erst eine Klausel im Vertrag mit der UEFA die TV-Anstalten dazu verpflichtete, das offizielle UEFA-Signal zu übernehmen. Die UEFA hatte sich aber nicht darum gekümmert, für ein Ersatzsignal zu sorgen. Beim Besuch des demokratischen US-Präsidentschaftskanditaten Barack Obama dagegen waren es eindeutig die (in Massen vorhandenen) deutschen TV-Journalisten, die sich mit allem bekleckerten – nur nicht mit Ruhm, wie Peer Schader von den Medienpiraten Ende Juli zu berichten wusste. [...]

  • 32. Hirnfick 2.0 » Blog&hellip  |  15.Mai 2009 at 23:00

    [...] wurde, erfährt man immerhin bei der FAZ, entsprechend grausige Bilder zum Text stellt der Medienpirat zur Verfügung. [...]


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