55 Seiten für 44 Minuten
23.Juni 2008
Was machen Landesmedienanstalten, wenn sie sich mal richtig austoben wollen? Ganz einfach: Sie überschreiten ihre Zuständigkeiten, um damit zu begründen, dass sie gerne mehr Zuständigkeiten hätten.
Die Landeszentrale für Medien und Kommunikation hat das gerade schön vorgemacht: Sie hat ein Gutachten (pdf) in Auftrag gegeben, in dem festgestellt werden sollte, ob der Thomas-Leif-Film “Quoten, Klicks und Kohle” möglicherweise journalistische Grundsätze verletzt habe, weil er doch ein bisschen arg einseitig über den Streit zwischen ARD und ZDF mit den Verlegern und Privatsendern berichtete. Kein Mensch weiß, wozu man dafür ein Gutachten braucht. Aber die LMK hat eine wutschnaubende Pressemitteilung dazu veröffentlichen können, in der sie (mal wieder) forderte, künftig auch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zuständig sein zu wollen (und unter den Tisch fallen ließ, dass Leif die LMK in besagten Film stark kritisiert).
Was soviel bedeutet: Dann würde es solche Gutachten öfter geben. Das kann nur als Drohung gemeint sein.
Denn das, was Horst Müller, Professor an der Hochschule Mittweida, da im Auftrag der Mdienwächter, die ja eiogentlich bloß die Privatsender beaufsichtigen sollen, zusammengebraut hat, ist ein peinliches 55-Seiten-Papier (!), das fast sekundengenau auflistet, welche journalistischen Grundsätze Leif mit seinem 44-Minuten-Film verletzt haben soll. In der am Montag beschlossenen “Resolution” der LMK dazu (wie gesagt: zu einem Film, für den sie nicht zuständig ist) heißt es, der Film verstoße wegen der aufgelisteten Kritikpunkte “gegen ARD-Grundsätze, den SWR-Staatsvertrag und den Rundfunkstaatsvertrag”. Nicht auch gegen das Grundgesetz?
Dass man bei solchen Albernheiten fast mit Leif sympathisieren mag, wird nur dadurch verhindert, dass das Kontrollgremium seines Arbeitgebers, der SWR-Rundfunkrat, sich noch dämlicher anstellt und den (ja tatsächlich kritikwürdigen) Film am vergangenen Donnerstag in den Himmel lobte, als “eindrucksvolles Beispiel des Autoren- beziehungsweise Presenter-Journalismus”.
Ja, sehr eindrucksvoll. Vor allem die Medienkontrolle in Deutschland. Es wird jeden Tag dämlicher.
(Ach, und eine Frage hätten wir dann doch noch an die LMK: Wann gab es das letzte Gutachten, bei dem die journalistischen Grundsätze der zahlreichen Boulevardsendungen der Privaten überprüft wurden?)
Artikel gespeichert unter: Im Fernsehen,Im Netz
Stichwörter: Landesmedienanstalten, LMK, SWR, Thomas Leif
bisher 5 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben
1. Daarin | 23.Juni 2008 at 20:16
Okay, mal ganz ehrlich: Warum glauben sie, haben die so viel Zeit? Wollen die ÖR-Sender kontrollieren und schaffen es nicht einmal bei ihren Privaten, also wirklich. Andauernd beschweren sich die LMAen, dass sie doch eh nichts machen können, das dann aber bitte auch bei den ÖR? Wie logisch ist das denn?
2. Lukas | 24.Juni 2008 at 00:46
Langsam glaube ich, “Quoten, Klicks und Kohle” ist wie das Video in “The Ring”: Jeder, der den Film gesehen hat, tut danach etwas sehr peinliches, dummes und/oder unüberlegtes. Du solltest Dich also aus Gründen des Selbstschutzes nicht weiter damit befassen!
3. Peer | 24.Juni 2008 at 09:49
Mist, jetzt hab ich mir das Logo schon auf die Wade tätowieren lassen.
4. roberthesse.de » Fe&hellip | 25.Juni 2008 at 12:07
[...] fand. Das kommt auch in dem Gutachten sehr schön um die Ecke. Von einer anderen Seite betrachtet Peer Schader die Sache: Was machen Landesmedienanstalten, wenn sie sich mal richtig austoben wollen? Ganz [...]
5. tom live | 25.Juni 2008 at 19:26
Na, die Motivation und das Ansinnen der LMK sind ja offensichtlich, aber das kritisiert m.E. doch nicht den Inhalt des Gutachtens. Der Film ist kritikwürdig und verstösst gegen journalistische Grundsätze. Nicht dass das nicht tagtäglich auf allen Sendern passieren würde – aber dass ausgerechnet ein (vermeintlicher) Vorkämpfer für mehr Ethik, mehr Recherche und mehr Tugendhaftigkeit zugleich schlechten Journalismus abliefert und PR für sich und seinen Arbeitgeber macht!
Offensichtlich fehlt Herrn Leif auch jegliches Problembewußtsein dafür, sonst hätte er den Film unter anderem Namen abgeliefert und sich nicht selbst ins Bild gesetzt. Ich bleibe dabei, die beiden zentralen journalistischen Eigenschaften sind Eitelkeit bei Leif und bei allen, die sich jetzt freuen, Schadenfreude.
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