Hauptberuflich schlechte Laune
22.Juni 2008
Was mich an meinem Job besonders nervt, ist: Es ist schwer, etwas gut zu finden. Wenn man Sendungen, Schauspieler oder Moderatoren gut findet, die nicht schon von mehr als drei Medien hochgeschrieben wurden, kommen Kollegen zu einem und fragen: Was war denn da los? Ist das wirklich so toll? Ist die wirklich so nett? Hast du dich da nicht in was verrannt?
Es ist eine ungeschriebene Regel, dass Medienjournalisten immer was zu Meckern haben müssen, und meistens haben sie das ja auch. Kein Wunder wenn man den ganzen Tag in seinem Kämmerchen oder seinem Büro sitzt und DVDs ansieht, die einem die Sender zuschicken. Da ist viel Schrott dabei. Nein, besser: Da ist fast ausschließlich Schrott dabei. Und irgendwann gewöhnt man sich daran, von vornherein alles blöd zu finden, weil vieles, das die Sender machen, eben von vornherein blöd ist, vor allem aber gewöhnt man sich daran, in 45 oder 90 Minuten beurteilen zu können, wofür Autoren, Schauspieler und Produktionsfirma eine ganze Weile länger gearbeitet haben, was manchmal ein bisschen schade ist (aber auch nur manchmal).
Ist halt so: Der Zuschauer macht sich über sowas ja auch keinen Kopf. Aber reicht das als Erklärung?
Wenn ich über Fernsehsendungen schreibe, sei es in der Zeitung oder Online, dann ist das meist meinungslastig, wie soll es auch anders gehen – eine möglichst objektive Kritik will kein Mensch lesen. Es geht doch auch den Lesern darum: Teile ich die Meinung des Autors, inspiriert sie mich womöglich, einen Film, eine Serie, eine Dokumentation anzusehen, die ich sonst nicht eingeschaltet hätte? Oder kann ich mich über die Kritik ärgern, wenn ich eine Sendung ganz toll fand, der Autor sie aber verreißt? Das ist ganz sicher nicht alles im Medienjournalismus, aber ich glaube, es ist wichtig.
Was aber unterscheidet den professionellen Fernsehkritiker dann von dem auf der Couch? Nun, im Zweifel: gar nichts. Außer dass der eine etwas mehr Erfahrung hat, oft aber auch schlechtere Laune, weil er glaubt, schon soviel Mist angesehen zu haben, dass er eigentlich nicht mehr kann und nicht mehr will. Es gibt viele, die ihren Beruf trotzdem nicht wechseln. Und manchmal hab ich Angst, auch so zu werden. Einer, der alles schlecht findet, und das schon weiß, bevor er es angesehen hat (wenn er es überhaupt ganz ansieht). Wobei: Natürlich haben auch gut geschriebene Verrisse ihren Reiz, einen ganz und gar außergewöhnlichen sogar, zumindest wenn sie nicht in Weltuntergangsszenarien enden.
Einfach mal aufzuschreiben, dass einem etwas gefällt, ist hingegen furchtbar schwer. Weil man sich immer dem Verdacht aussetzt, zu parteiisch, zu wenig objektiv, zu unjournalistisch zu sein. Meine Güte, ja! Das kann passieren! Na und? Medienjournalisten sind die meiste Zeit parteiisch!
Es kann sein, dass man blind wird bei dem vielen Unsinn, den man sich ansieht, um nachher darüber in die Zeitung zu schreiben, was für eine Zeitverschwendung das war – blind vor allem für Sendungen, die nicht das Fernsehen neu erfinden, die aber doch ihren Reiz haben, anders sind, denen man ansieht, dass es sie nicht bloß gibt, weil die Produktionsfirma noch was verdienen musste und der Sender noch eine Lücke im Programm zu stopfen hatte. Wegen eines gelungenen Gags. Wegen eines Schauspielers oder einer Schauspielerin, die man mag. Weil man überrascht wurde. Oder am Ende denkt: Och, da würd ich mir jetzt auch noch mehr davon ansehen.
Es gibt das nicht oft, aber wenn es das gibt, geht es sehr schnell, dass einem noch tausend andere Dinge, negative Dinge auffallen, die sich (womöglich zu recht) kritisieren, dann viel leichter aufschreiben lassen, und zum Schluss doch wieder ein schlecht gelaunter Text dabei herauskommt.
Fernsehen ist Geschmackssache, ich weiß. Aber manchmal macht mir die schlechte Laune der Medienjournalisten schlechte Laune.
Nachtrag: Falls Sie über den (inzwischen gelöschten) Link mit dem falschen Zitat bei turi2 hierher gelangt sein sollten: Tut mir leid, wenn Sie Knackigeres erwartet haben.
Artikel gespeichert unter: Im Allgemeinen
bisher 9 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben
1. Danny^ | 22.Juni 2008 at 20:38
Hm, ich erwarte von Medienjournalisten, dass sie meine negative Grundhaltung der Medienlandschaft gegenüber teilen. Ansonsten brauche ich deren Artikel doch nicht lesen. Ich will, dass jemand sich genauso aufregt über blöde Serien, Showmaster etc, wie ich. Dann fühle ich mich schon viel besser. Ne, aber mal ehrlich, so negativ kommst du mir nie rüber.
Ich merk schon, dass wär der perfekte Job für mich. Ihr scheint auch scheissreich zu sein.
2. Peer | 22.Juni 2008 at 20:40
Reich? Woraus schließt du denn das?
3. Peter Turi | 23.Juni 2008 at 07:15
Sprichst Du von Medienjournalisten oder von TV-Kritikern? Ich kann mich nicht erinnern, dass z.B. auf turi2 dieser Ton des permanenten “Ich-finde-alles-scheiße” herrscht.
4. medienlese.com » Bl&hellip | 23.Juni 2008 at 08:56
[...] Hauptberuflich schlechte Laune (medienpiraten.tv, Peer Schader) “Fernsehen ist Geschmackssache, ich weiß. Aber manchmal macht mir die schlechte Laune der Medienjournalisten schlechte Laune.” [...]
5. Peer | 23.Juni 2008 at 09:16
@P.T.: Na, Fernsehkritiker sind ja auch Medienjournalisten. Und – wie der Text andeutet – geht es mir vor allem um TV-Kritiken.
6. Lukas | 23.Juni 2008 at 13:02
Möchtest Du damit andeuten, es gäbe auch gute Fernsehsendungen?
7. Anja | 23.Juni 2008 at 16:02
Ich finde es generell schade, dass in den Medien so viel Platz für Schelte und Lästereien eingeräumt wird. Letztendlich bekommen so auch die schlechtesten Produktionen (und miesesten B-Promis) eine Riesen-PR, während die Schätzchen einen leisen Tod sterben.
Ich gebe hier seit fast 3 Jahren als unabhängige Kleinverlegerin ein Magazin heraus, dass von den überregionalen Medien komplett ignoriert wird – eine Journalistin gab am Telefon mir gegenüber zu, dass ihr das Blatt gut gefalle, aber es fehle ihr der Aufreger bei der Sache. Eine gute Besprechung sei ja Werbung, und sowas machen sie nicht.
8. fernsehen heute » R&hellip | 23.Juni 2008 at 20:04
[...] > > und funktioniert (bisher) ganz gut… > > *lach* Netter Versuch… > > Hast du ein Glasdach??? Wie sieht es mit dem S/N Ratio aus??? > > Das glaubt dir kein Schwein mit der Schuessel unter dem [...]
9. Links for 2008-06-23 [del&hellip | 01.Juli 2008 at 13:24
[...] medienpiraten.tv: Hauptberuflich schlechte Laune peer schader über medienjournalismus [...]
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