Tratsch TV für die Youtube-Generation

12.November 2007

Die Fachzeitschrift “W&V” kann jetzt auch Video. Nein, das ist nicht ganz korrekt. Richtig muss es heißen: Die Fachzeitschrift “W&V” kann jetzt auch “Messefernsehen für die Youtube-Generation”, weil sie nämlich auf den Münchner Medientagen viele lustige Interviews mit wichtigen Medienmenschen geführt hat und die dann als völlig zugeflashtes Videocastsonstwas ins Netz gestellt hat.

Ich hatte großen Spaß dabei, mir das anzusehen.

Das lag allerdings weniger an den “prägnanten Interviews”, den (vom Zettel abgelesenen) “ungewöhnlichen Thesen” und den “interessante Aufnahmen”, die mir “W&V”-Chefredakteur Stefan Krüger vorher versprochen hat. Sondern an den verdutzten Gesichtern der Medienleute, die dachten, sie ließen sich bei “W&V” auf ein seriöses Gespräch ein.

Ein besonders schönes Beispiel ist das Interview mit Andrea Malgara, Geschäftsführer Marketing bei Seven One Media, den die “W&V”-Kollegin zu Beginn hochseriös “André Malgara” nennt. Danach lief es auch nicht besser:

“W&V”-Frau: “Ich freu mich sehr. Sie sind gerade extra für uns nochmal rausgehuscht. Waren schon an der Garderobe. Die lange Schlange haben Sie überlebt. Die Medientage: das wichtigste, spektakluärste Event des Jahres, könnte man ja sagen. Nun gibt es ja einige Menschen, die Wichtiges zu sagen haben: also 500 Referenten in Foren, wo diskutiert wird. [Achtung! Jetzt kommt die Frage!] Sind Sie jemand, der sich das gerne auch mal anhört oder — Hand aufs Herz! — nur so’n bisschen ‘Meet and Greet’ und Business-Cards verteilen?”
Malgara: “Nein, nein. Ich hör mir das schon an. Man kriegt immer eine Menge Anregungen. 500 Leute sind ein unglaublicher Think Tank.”
“W&V”-Frau: “Gibt es dieses Jahre etwas, das Sie besonders interessiert?”
Malgara: “Videoportale sind dieses Jahr ein großes Thema. Und da sind wir ja ganz vorne dabei mit MyVideo. Es macht Spaß zu sehen, wo die unterschiedlichen Meinungen hingehen: Ob es das Fernsehen kannibalisiert, daneben koexistieren wird oder — und dieser Meinung sind wir — das Fernsehen eher verstärkt.”
“W&V”-Frau: “Sie meinen, das Videoportal wird das Fernsehen mehr verstärken?”
Malgara: “Ich bin der Meinung, das Videoportal wird das Fernsehen mehr verstärken. Mit den Castingvideos von ‘Germany’s Next Topmodel’ haben wir in MyVideo elfeinhalb Millionen Videoviews gehabt. Wenn man das vergleicht: Die Kampagne mit Ron Hammer hat 147.000 Videoviews im Netz gehabt (…).”

Nun, das ist ja mal ein interessanter Vergleich von Malgara. Eine Castingshow mit dem international bekannten Topmodel Heidi Klum, die wochenlang auf Pro Sieben lief und vom Sender massiv beworben wurde, hat also online mehr Abrufe generiert als ein Hornbach-Werbespot, bei dem ein fiktiver und daher völlig unbekannter Motorradfahrer namens Ron Hammer mit seiner Kiste über einen Baumarkt zu springen versucht? Na sowas.

Da hat “W&V” sicher knallhart nachgefragt (zumal Malgara denselben Unsinn schon im Interview vorher unwidersprochen erzählen durfte). Ja, sicher:

“W&V”-Frau: “Haben Sie selber schon mal was privat reingestellt ins Internet?”
Malgara: “Nein, das noch nicht. Aber vieles angeschaut.”

Und weil’s gerade so gut lief, ging’s mit ähnlich brisanten Fragen weiter:

wuv01.jpg
Screenshot: “W&V”

“W&V”-Frau: “Man kann sich ja eine Fülle von schönen Dingen anschauen. So auch ihr Outfit. Haben Sie die Krawatte selbst ausgesucht?”
Malgara: “Ja.”
“W&V”-Frau: “Ich frage das nur, weil: Es gibt ja dieses Vorurteil, dass wir Frauen länger im Bad oder beim Ankleiden bräuchten als sie Männer. Also wie lange brauchen Sie?”
Malgara (leicht verstört): “Relativ kurz. Ich warte immer bis zur letzten Sekunde. Zwischen dem Zeitpunkt, zu dem ich aus dem Bett springe und dem, zu dem ich die Türe verlasse, sind 25 Minuten. Maximal.”
“W&V”-Frau: “Mit Kaffeetrinken?”
Malgara: “Mit Frühstück.”
“W&V”-Frau: “Oha. Also Frühstück, Kaffee trinken, anziehen und diese Krawatte aussuchen: 25 Minuten. Nicht schlecht. Lässt sich sehen. Ich danke Ihnen und wünsche noch einen wunderschönen Abend.”
Malgara: “Ich danke Ihnen! Und hoffe, Sie verkühlen sich nicht hier draußen.”
“W&V”-Frau: “Ach naja. Mittlerweile merk ich gar nix mehr.”

Schade eigentlich, dass sie schon wieder rum sind, diese Medientage.

Ach ja, so sah übrigens der Messestand von “W&V” in München aus:

wuv02.jpg
Screenshot: “W&V”

Artikel gespeichert unter: Im Netz

bisher 13 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben

  • 1. Marcus  |  12.November 2007 at 09:42

    Eines sollte man nicht unerwähnt lassen, Malgara hat ein Interview gegeben und dabei TV weder als Leuchtturm noch als Lagerfeuer bezeichnet. Bemerkenswert :p

  • 2. sabi  |  12.November 2007 at 11:57

    das hast du dir doch ausgedacht. Oder es ist ein Super-Hape-Kerkeling-in-den-80ern-sketch.

  • 3. Frank  |  12.November 2007 at 20:29

    Köstlich. Satire? Realsatiere? Echt echt? Egal.
    Wenn das Leben so ist, brauchen wir keine Comedy mehr.
    Die Welt muß wohl schon so absurd geworden sein, damit ein solches Wesen wie diese Interviewerin a) anscheinend nicht wirklch negativ auffällt und b) überhaupt (über)lebensfähig ist.

  • 4. Mike Schnoor  |  13.November 2007 at 20:16

    Tja, ein lineares Programm ist so eine Sache… man konzentriert sich darauf, von A nach Z alles durchzusenden. Die restlichen Zahlen könnten dann auch kurz verdreht werden – passt schon. Hauptsache das Internet verstärkt das Fernsehen. Warum nicht mal anders herum? :)

  • 5. paul  |  14.November 2007 at 13:18

    Es heißt dann letztlich aber doch bitteschön “Meet-and-Greet”. Mit Doppel-e.

  • 6. Peer  |  15.November 2007 at 10:37

    @paul: Peinlich. Danke.

  • 7. Kurz verlinkt (11) «&hellip  |  26.November 2007 at 00:39

    [...] „Messefernsehen für die Youtube-Generation”, nennt die sogenannte Fachzeitschrift „werben & verkaufen” das, was sie bei den Münchner Medientagen produziert hat. Der Peer hat einige besonders schöne Stellen aufgeschrieben. Ich hätt’ gerne was hinzugefügt, musste aber immer nach wenigen Minuten abbrechen, weil mein Bauch zu weh tat vor Lachen. [...]

  • 8. Leseempfehlung II | Endlo&hellip  |  26.November 2007 at 15:18

    [...] Tratsch TV für die Youtube-Generation | Medienpiraten [...]

  • 9. Horst  |  26.November 2007 at 21:36

    “W&V”-Frau: “Ach naja. Mittlerweile merk ich gar nix mehr.”
    Köstlich!

  • 10. Der Blog von Markus Willn&hellip  |  26.November 2007 at 22:24

    [...] Der ganz normale Wahnsinn des Mediengeschäfts, sehr lustig, Mediengiganten berichten via WuV über Ihre geheimen Interneterlebnnisse, via Medienpiraten.tv [...]

  • 11. Taramat  |  28.November 2007 at 13:09

    Wirklich Angst hat mir das Interview mit Kalkofe gemacht.: “Die Quote ist unsere Währung… die Quote ist nur ein Indiz… in den USA ist das TV-Programm besser”

    Tja, da stirbt einer meiner Helden. Schönen Dank auch, w&v!

  • 12. Patrick  |  02.Dezember 2007 at 10:20

    Interessant ist nebenbei auch noch der direkte Absturz von Firefox beim Öffnen der verlinkten W&V-Seite. :-/
    Aber ansonsten machen die Leute doch eh nur das, was man von ihnen erwartet… Warum sollte man auch nur versuchen, solche Dinge zu verstehen, wenn man in dem Business tätig ist? ;-)

  • 13. Michael Mosmann  |  07.Dezember 2007 at 13:36

    @Taramat

    > Wirklich Angst hat mir das Interview mit Kalkofe gemacht.:
    > “Die Quote ist unsere Währung… die Quote ist nur ein Indiz…
    > in den USA ist das TV-Programm besser”

    Ich kann dem nur zustimmen. Das bedeutet nicht, dass man unreflektiert alles grandios finden muss, was über den Teich kommt. Aber es ist immerhin was für einen dabei. Was bei uns produziert wird, ist größtenteils eher ungenießbar. Ich bin kurz davor mein Geräte abzuschaffen, weil ich es nicht mehr nutzen mag.

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