Wie die ARD sich selbst kommentiert
12.September 2007
“Wer in den letzten Tagen all die Artikel gelesen hat über öffentlich-rechtliche Raubritter und Gebührenabzocke, der hat einen Eindruck davon bekommen, wie es ist, wenn sachfremde Interessen die Berichterstattung bestimmen”,
hat WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn gestern – sicher zurecht – kritisiert. Und wo hat der Jörg Schönenborn das kritisiert? Richtig: Im Kommentar für die ARD-”Tagesthemen”, die mit ihren Gebühren ja bekanntlich ganz besonders unabhängig berichten können.

Screenshot: Das Erste
Nur eben nicht, wenn eigene Interessen die Berichterstattung mitbestimmen. Oder wie soll man das sonst bitteschön nennen, wenn die ARD einen ihrer Chefredakteure eine eigene Angelegenheit kommentieren lässt? Darf demnächst dann Angela Merkel in den “Tagesthemen” die Arbeit ihrer Regierung auch selbst kommentieren? Oder der Vattenfall-Chef das Verhalten seines Unternehmens nach den Reaktor-Pannen?
Im “Tagesschau”-Werbeblog nennt Thomas Hinrichs den “Tagesthemen”-Kommentar übrigens “fein säuberlich” vom Beitrag vorher “getrennt”, in dem als einziger Kritiker der Gegenseite bloß wieder Helmut Thoma vorkam, und das auch nur mit einem müden Sätzchen ohne jede Wucht. Also: Wenn schon Eigenwerbung, dann wenigstens fein säuberlich getrennt? Hilfe! Und so jemand ist stellvertretender Chef des Teams, das uns täglich die Welt erklärt.
Hinrichs meint:
“Unabhängiger Journalismus ist wichtig für dieses Land. Der heutige Tag hat das eindrucksvoll bewiesen.”
Schade, dass wir dafür leider immer weniger auf die ARD zählen können. Nicht jedenfalls, wenn wieder der Intendant in den Nachrichten war.
Artikel gespeichert unter: Im Fernsehen,Im Netz
Stichwörter: ARD, Jörg Schönenborn, Rundfunkgebühren, Tagesschau-Blog, Thomas Hinrichs
bisher 6 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben
1. rrho | 13.September 2007 at 10:43
Im heute journal auf ZDF war das Spiel ganz ähnlich; da durfte ein “ZDF-Rechtsexperte” noch ausführlich reden, und Marietta Slomka nickte brav dazu. Ein Trauerspiel.
(Dabei gibt’s ja wirklich gute Argumente für die Rundfunkgebühren.)
2. Peer | 13.September 2007 at 11:37
@rrho: Stimmt, aber warum wird darüber so selten geredet?
3. Thomas | 13.September 2007 at 16:00
Dieses Urteil ist skandalös. Damit hat das Bundesverfassungsgericht den Öffentlich-Rechtlichen erneut “Die Lizenz zum Abzocken” erteilt. Niemand in diesem verfilzten Apparat (KEF, Rundfunkräte, Politik etc.) zeigt denen mal die Grenzen auf.
Damit bleibt nur noch die vage Hoffnung auf den Europäischen Gerichtshof um der Selbstbedienungsmentalität der Intendanten entgegenzuwirken. Ist ja alles Grundversorgung, nicht wahr?
4. Peer | 13.September 2007 at 18:24
@Thomas: Das ist aber echt Quatsch. Das Urteil ist überhaupt nicht skandalös, es sei denn, du findest es skandalös, dass sich Politiker an Gesetze halten. Völliger Blödsinn, ehrlich.
5. Simon | 16.September 2007 at 10:51
Ich finde ja diese minutenlangen Berichte über GEZ-Urteile schon immer grenzwertig, aber den Kommentar in den Tagesthemen fand ich wirklich daneben.
Mich wundert allerdings am meisten, warum ARD/ZDF nicht erkennen, dass ein Großteil der Wut über die Gebühren mit Sicherheit durch das Gebahren der GEZ verursacht wird.
Es wäre doch mal schön, wenn sie mal über Alternativen zum bisherigen Status quo berichten und diskutieren würden.
Von den Privatsendern kann man ja diesbezüglich nix erwarten, da die ja immer nur senden “Gebühren sind eine unverschämte Abzocke”.
6. roberthesse.de » Ko&hellip | 30.Januar 2008 at 10:12
[...] Dafür bin ich dankbar. Zwar hatte man bei DWDL über diese Sendung schon vorher berichtet und auch zum fraglichen Zapp-Bericht verlinkt, aber es ist schön, dass man das unreflektierte einseitige Berichten der Öffentlich-rechtlichen, die unverholene Eigenwerbung, die Propaganda in Sachen GEZ und Ablehnung der Werbefreiheit nicht einfach unkommentiert als Meldung abbildet. Wie gesagt: dankbar. [...]
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