10 goldene Castingshow-Regeln
02.März 2007

Logos: Pro Sieben, RTL
1. Denken wie die Zielgruppe
Stellen Sie sich vor, Sie sind ein 16-jähriges Mädchen. Über was machen Sie sich Gedanken? Sicher nicht über Ihren Lohnsteuerjahresausgleich oder wer Ihnen später die Rente bezahlt. Stimmt genau: Sie wollen Popstar werden! Und weil das so schwer geht, wenn man den ganzen Tag in der Schule rumsitzt, bewerben Sie sich beim Fernsehen. Wer sich als Programmmacher nicht in seine Zielgruppe hineinversetzen kann, hat schon verloren. Jobst Benthues, stellvertretender Geschäftsführer bei Pro Sieben und verantwortlich für die Unterhaltung, sagt: “Der Erfolg der Castingshows kommt daher, dass wir die Zuschauer möglichst nah an der Verwirklichung der Träume unserer Kandidaten teilhaben lassen.”
2. Verlierer sind genauso wichtig wie Gewinner
Ausgleichende Gerechtigkeit im Fernsehen sieht so aus: Es muss geweint werden, damit gejubelt werden kann. “Der Zuschauer ist einerseits fasziniert durch die Leistung, die von manchen Kandidaten gebracht wird, und andererseits von der Blamage, der sich andere aussetzen”, sagt Otto Steiner, Geschäftsführer der TV-Produktionsfirma Constantin Entertainment. Gäbe es für die Zuschauer keine erkennbaren Unterschiede in den Leistungen der Bewerber, wären Castingshows langweilig. Bei “Deutschland sucht den Superstar” hat RTL das Prinzip weiter simplifiziert und – zumindest für die Castingshows – ausschließlich auf Extreme gesetzt: Typen, die Stimme haben. Und Ausgeflippte, die man sich nachher nochmal bei Clipfish.de ansehen will. Ute Biernat, “DSDS”-Produzentin bei Grundy Light Entertainment, erklärt: “Viele Bewerber können ganz nett singen. Aber das reicht nicht, um groß herauszukommen.”
3. Grenzen kennen (und nur selten überschreiten)
“Man muss auch als Fernsehmacher Grenzen ziehen”, sagt Otto Steiner, “und zwar immer dann, wenn Menschen betroffen sind, die womöglich selbst nicht abschätzen können, welche Konsequenzen so ein Auftritt für sie haben kann.” Wann das tatsächlich der Fall ist, ist freilich Auslegungssache.
4. Aufmerksamkeit! Mehr Aufmerksamkeit!
Mit Nettigkeiten erzielt man keine Quotenrekorde. Nur wer für seine Sendung trommelt, hat nachher auch Erfolg. Da hilft so ein Dieter Bohlen natürlich enorm. Wenn sich in der Öffentlichkeit eine Diskussion entwickelt, ob das Programm nicht zu weit gehe, sollte man eiligst gegensteuern. Tom Sänger, Unterhaltungschef bei RTL, macht das schon ganz gut: “Natürlich polarisiert eine Sendung wie ‘DSDS’, und darüber kann man streiten. Aber mit einer Verletzung der Menschenwürde hat das nichts zu tun.” Sänger kritisiert, dass Teile der Sendung singulär betrachtet und verurteilt würden. “DSDS” sei aber mehr als ein Spruch von Dieter Bohlen: “Die Show ist ein Guckkasten in die Gesellschaft.” Na ja, und spätestens wenn sich Kirche und CSU wieder zu Wort melden, dürfte klar sein, dass die Diskussion sowieso bald wieder erledigt ist.
5. Schummeln lohnt sich nicht (so richtig)
Warum engagiert ein Sender nicht einfach Schauspieler, denen man sagen kann, dass sie vor der Kamera ausflippen sollen, anstatt bei aufwändigen Castings Ewigkeiten auf skurrile Typen zu warten? Ganz einfach: “Jeder, den Sie bestellen würden, würde irgendwann auspacken”, sagt Ute Biernat von Grundy Light Entertainment. Das würde der Glaubwürdigkeit der Show massiv schaden. RTL-Kollege Sänger mahnt: “Kandidaten bewusst zu inszenieren wäre Betrug am Zuschauer!” Huch, nee, das will ja keiner.
6. Vorsicht mit Inszenierungen
Klar macht das Sinn, einen guten Draht zur Boulevardpresse zu haben, um eine Show auf die Titelseiten zu bringen. Allerdings passt nicht jeder Skandal, der auf diese Weise entsteht, den Sendern auch in den Kram. Als “Bild” vor einigen Wochen “die Wahrheit” über “DSDS” enthüllen wollte und einen ausgeschiedenen Kandidaten zitierte, war RTL wenig begeistert, weil “Bild” dem Sender Schummeleien unterstellte, an denen allerdings nicht viel dran war. Bei manchen Lesern blieb trotzdem hängen: RTL verkauft seine Zuschauer für dumm. Pro Sieben musste sich im vergangenen Jahr mit dem Vorwurf auseinandersetzen, bei “Germany’s Next Topmodel” müssten die Kandidatinnen hungern. Der Sender steuerte dagegen, indem er Zeitungsanzeigen mit den Teilnehmerinnen schaltete, in denen die gemeinschaftlich erklärten, das sei Blödsinn. Mit der Inszenierung von Skandalen hat Pro Sieben, das soviel Wert aufs gute Image legt, schon beim Trash-Format “Die Burg” und der Aufregung um den “Pinkelprinzen” schlechte Erfahrungen gemacht. Das soll nicht mehr vorkommen. Jobst Benthues sagt: “Lieber habe ich gar keine Presse als eine solche Presse wie damals.”
7. Erfolg lässt sich nicht erzwingen
Gewonnen ist gewonnen. Nach dem Finale können die Programmmacher ihre Protagonisten nicht auf ewig an sich ketten. Meist folgen Auftritte in sendereigenen Shows, etwas später der Besuch bei Johannes B. Kerner. Die “Popstars”-Band Monrose schafft es immerhin, in diesem Jahr beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest in der ARD dabei zu sein. Einen Erfolg durch Massenauftritte zu erzwingen, ist aber kaum möglich. Pro-Sieben-Unterhaltungschef Benthues: “Wir begleiten die Gewinner und bieten ihnen immer wieder Plattformen. Aber langfristig muss sich eine Band oder ein Topmodel aus eigener Kraft etablieren.” Und wenn nicht, ist es zumindest den Zuschauern meist auch egal.
8. Den Zuschauern eine Pause gönnen
Knapp ein Jahr lassen sich die Sender momentan Zeit, um eine neue Staffel auf Sendung zu bringen und die Castingshows nicht überzustrapazieren. Das kann manchmal ganz schön bitter sein: Bei Pro Sieben hat sich der Donnerstagabend nach dem “Popstars”-Ende im vergangenen Jahr zum Riesenproblem entwickelt. Ab März soll’s Heidi Klums Topmodelsuche wieder richten.
9. Variation schaffen
Erfolgreiche Shows schaffen Raum für Variationen. Grundy Light Entertainment holt für RTL den US-Erfolg “America’s got talent” nach Deutschland und wirbt um Kandidaten: “Wir wollen Sie bestaunen!” Constantin Entertainment begibt sich ebenfalls auf Talentsuche: “Bei uns ist alles möglich: Akrobatik, Comedy, Tanz, Gesang, Tiere, Magie, Erotikkunst, Jonglage.” Dass nicht jede Variation zwangsläufig erfolgreich ist, hat Sat.1 gerade mit “You can Dance” erfahren müssen. Otto Steiner von Constantin Entertainment erklärt: “Beim Tanzen können Zuschauer schlecht selbst einschätzen, ob es gut oder schlecht war.”
10. Mutig sein!
Gut, das ist im deutschen Fernsehen ein bisschen aus der Mode gekommen. Aber wenn tatsächlich mal wieder ein Sender wagen würde, eine Show zu machen, deren Konzept nicht bloß aus dem Ausland übernommen wird, bedeutet das nicht automatisch, dass die Zuschauer beleidigt wegschalten. Also, bitte, liebe Produzenten: Versucht mal wieder was Neues. Die anderen neun Regeln sind ja nun wahrlich genug der Orientierung.
Der Text ist in ähnlicher Form im Medienmagazin “Insight” erschienen.
Artikel gespeichert unter: Im Fernsehen
bisher 4 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben
1. Thomas | 02.März 2007 at 16:43
Also ich kann mir bei den Quoten von DSDS wirklich nicht vorstellen, das es Anke Schäferkordt oder Tom Sänger auch nur einen feuchten Kehrricht interessiert, ob ihnen der Herr Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring von der BLM einen Brief schreibt oder sich ein Politiker in der Öffentlichkeit negativ über die Show äußert.
Der Brief wird ungeöffnet der Presseabteilung übergeben die dann ein Dementi schreibt und dann wird weitergemacht wie bisher.
Angesichts der hervorragenden Quoten und des somit umgesetzten Geldes wir doch wohl auch ein Imageschaden falls der Sender RTL, falls er überhaupt einen Ruf zu verlieren hat, billigend in Kauf genommen.
2. medienlese&hellip | 07.März 2007 at 08:44
6 vor 9…
Falscher Professor narrt den “New Yorker”
(spiegel.de)
Es gibt neuen Ärger für Wikipedia-Gründer Jimmy Wales. Ein geschätztes Mitglied des inneren Community-Kreises wurde als Betrüger entlarvt: Im Onlinelexikon selb…
3. Trierer Medienblog »&hellip | 28.November 2008 at 16:18
[...] http://www.medienpiraten.tv/blog/?p=149 [...]
4. Wolf | 21.August 2009 at 20:57
man sollte neue Konzepte platz machen DSDS Dieter Bohlen soll seine platz machen für neue Konzepte
Ihr Kommentar
Folgende HTML-Tags sind erlaubt:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>
Trackback diesen Artikel | Kommentare als RSS Feed abonnieren