Medienwoche-Mitbringsel

09.September 2009

Es ist ein Fluch. Jedes Jahr aufs Neue. Ich melde mich für die Berliner Medienwoche an, die seit vergangenem Jahr medienwoche@IFA heißt, gehe hin und bin am ersten Tag maßlos enttäuscht, was nicht so schlimm ist, weil der zweite Tag meistens besser wird. Deshalb wäre es wohl auch keine Lösung, nächstes Jahr einfach erst am zweiten Tag hinzugehen, denn das wäre für mich dann ja der erste, und der ist bekanntlich immer doof.

Gar nicht hinzugehen wäre (trotz beträchtlicher Anreiseschwierigkeiten) auch nicht in Frage gekommen, ich hätte ja sowieso noch mal separat auf die angeschlossene IFA fahren müssen, um dort das Bild zu machen, das ich brauche, um 2031 den großen Bildband “ARD-Messestände im Wandel der Zeit” herausbringen zu können, mit dem mir im Alter ein beträchtliches Auskommen zu sichern plane.

ifa0901

* * *

Aber zurück zur Medienwoche. Haben Sie sich auch schon immer gefragt, wer eigentlich den “Stern” liest? stern.de-Chefredakteur Frank Thomsen hat dieses Mysterium am Dienstag aufgeklärt: Sandra Müller liest den “Stern”. Sie ist 35 Jahre alt, Innenarchitektin, lebt in einer Partnerschaft, hat eine Tochter namens Leonie und lässt sich als “sympathisch, weltoffen, ganz normal” beschreiben. “Bild” ist ihr “zu krawallig”, der “Spiegel “zu abgehoben”, vor allem aber will sie “mehr als News”, nämlich: “Ratschläge und Tipps, wie man sein Leben gestalten kann”, um sich “selber einbringen und mit anderen austauschen” zu können. Sandra Müller ist die “Idealleserin” für Thomsen, und wie das mit Ideallesern nun mal so ist: man muss sie meistens erfinden, wenn man sie haben will.

Genauso hat man’s beim “Stern” gemacht. “Sandra Müller” ist bloß ein Konstrukt, “eine virtuelle Userin” (wie Thomsen sagt) und ein Leitbild für die Kollegen dort. Wenn es darum geht, Journalismus zu machen, lautet die Frage beim “Stern” also nicht: Ist das ein spannendes Thema? Sondern: Ist das ein spannendes Thema für Leser wie “Sandra Müller”?

Benannt ist die übrigens nach (Henri Nannens) Lieschen Müller, einem “Synonym für den weiblichen Durchschnittsmenschen”, und zwar, wie Wikipedia schreibt, “mit einem schlechten Anklang zum naiven Dummchen”. Das erklärt zumindest bei stern.de doch einiges.

* * *

Warum müssen eigentlich immer erst Fernsehmacher aus dem Ausland kommen, damit man auf solchen Kongressen mal eine Keynote hört, die gleichzeitig, witzig, inspiriert und intelligent ist? Der Finne Saku Tuominen vom Großproduzenten Zodiak Entertainment erklärte am Dienstagnachmittag jedenfalls sehr witzig und sehr inspiriert, wie wenig Fernsehmacher die Zukunft des Fernsehens beeinflussen könnten, auch nicht, wenn das bedeutet, dass sich klassische Senderkonzepte überholen – ganz einfach, weil die Nutzer das selbst steuern:

“You cannot be working against it. Then you lose. Join the parade!”

* * *

Das war die letzte Keynote, die ich bei dieser Medienwoche gehört habe. Die erste Keynote kam am Montag früh von Andreas Wiele, Vorstand BILD-Gruppe und Zeitschriften bei Axel Springer, der erklärt hat, warum Deutschland “ein Printland” ist und bleiben wird. Deshalb:

“Print sendet keine Wiederholungen”
“Die Tageszeitung ist jeden Tag neu.”
“TV ist ein Wiederholungsmedium.”

Das hat er einige Male wiederholt, aber ich hab’s auch zum Schluss immer noch für einen Gag gehalten, den nur ich verstanden hatte, weil sonst einfach keiner lachen wollte. Auch nicht als Wiele behauptete:

“Die Verlage schlagen sich wacker bei der Digitalisierung.”

* * *

Oh, Moment, ganz schnell mal auf Toilette gehen im Raumschiff ICC Berlin:

medienwoche0905

* * *

Und dann war da noch Stefan Tweraser, Country Director Sales bei Google Deutschland, der sehr offensichtlich wenig Lust hatte, sich schon wieder mit den Vertretern der Verlage prügeln zu müssen, die seinem Arbeitgeber vorwerfen, mit ihren inhalten Geld zu verdienen. Tweraser blieb dann aber doch erstaunlich cool und feuerte bloß zwischendurch einmal in Richtung Wiele:

“Selbst wenn wir unseren gesamten Umsatz von 22 Milliarden an Sie abgeben würden, würde Sie das nicht retten.”

* * *

Hat es vor kurzem eigentlich ein Seminar für Bertelsmann-Führungskräfte gegeben, bei dem Liz Mohn allen beigebracht hat, wie man es anderen Leuten als fantastische Möglichkeit verkauft, weniger Geld ausgeben zu dürfen? Erst erzählte nämlich UFA-Chef Wolf Bauer am Montag:

“Die Kreativität hebt ab, wenn man ihr [finanzielle] Beschränkungen auferlegt.”

Am Dienstag legte dann Vox-Chef Frank Hoffmann nach:

“Begrenzte Möglichkeiten sind manchmal der ideale Nährboden für Kreativität!”

Und erklärt das jetzt auch, warum die Innovationen für die neue Saison bei Vox “Der VIP-Hundeprofi”, “Hilfe, mein Mann ist ein Heimwerker” und “Mehr geht nicht!” heißen?

* * *

Abschließend: Wieviele Leute muss man eigentlich auf so ein Podium setzen, damit wirklich auch jeder nur anderthalb mal zu Wort kommt bis die Veranstaltungszeit abgelaufen ist? Ach, zählen Sie doch selber nach.

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Foto: Medienboard Berlin-Brandenburg

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bisher 5 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben

  • 1. Christoph  |  09.September 2009 at 16:49

    “Selbst wenn wir unseren gesamten Umsatz von 22 Milliarden an Sie abgeben würden, würde Sie das nicht retten.”

    Das ist für mich das Zitat des Jahres. Treffend, bissig und böse, und so unglaublich wahr, daß es wehtut.

  • 2. Alexander  |  09.September 2009 at 19:17

    Aber die Kachelgrafik muss in der nächsten Version besser werden, wenn “IFA Survivor” ein Hit werden soll.
    http://www.wortfeld.de/wp/media/ifasurvivor.gif

  • 3. Gary  |  10.September 2009 at 08:57

    “Inhalten” werden groß geschrieben.

  • 4. Alan Turing  |  10.September 2009 at 09:30

    Nur kurz: Dass sich der ARD-Messestand drei Jahre lang nicht groß ändert, sehe ich als sinnvolle Kostenersparnis an und nicht als etwas, worüber man bissige Nebenbemerkungen fallen lassen muss – wär’s anders, würde Kritik über Verschwendung bei den öffentlich-rechtlichen laut.

  • 5. Peer  |  10.September 2009 at 15:24

    @Alan Turing: Erstens lasse ich in meinem Blog bissige Bemerkungen fallen, wann und wo ich will. Und zweitens hab ich überhaupt nicht geschrieben, dass sich der Stand seit drei Jahren nicht geändert hat, zumal das Blödsinn ist, weil er sich in diesem Jahr massiv geändert hat.

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