Auf dem kalten Schirm von RTL
03.Juni 2009
Vergessen wir doch mal kurz die Aufregung um die heute Abend gestartete Dokusoap “Erwachsen auf Probe” und schauen uns kurz an, wieviel “Verantwortung als Fernsehsender” RTL sonst so am Tag “in vollem Umfang” wahrnimmt, wie’s Senderchefin Anke Schäferkordt kürzlich formuliert hat.
“Nicht einmal weinen hilft. Niemals mehr die geliebte Tochter im Arm halten. Was bleibt, ist nur noch die Erinnerung. Die Erinnerung an wunderbare Zeiten mit einem wunderbaren Freund. Niemals mehr diesen Freund anlächeln. Niemals mehr den Ehemann küssen. Wieviel Schmerz können sie aushalten? Bernd G. hat seine Tochter verloren. Irgendwo im Atlantik auf dem kalten Meeresboden liegt ihre Leiche. Wahrscheinlich wird sie nie gefunden werden.”
So beginnt der Beitrag, für den “Explosiv” Angehörige besucht hat, deren Familienmitglieder oder Freunde bei dem Airbus-Unglück vom Montag vermutlich ums Leben gekommen sind, um ihr Schluchzen und ihre Tränen filmen zu können. (Das Video ist sieben Tage bei RTLnow abrufbar). Dazwischen wird aber auch viel gelacht: auf den Fotos der vermissten Passagiere, die sich nicht mehr dagegen wehren können, dass sie bei “Explosiv” in einer Art Bildergalerie der Toten gezeigt werden. (In einem Fall ließ sich dazu sogar noch das Gespräch des Radiosenders 95.5 Charivari mit einem weiteren Angehörigen einspielen).
Es seien “bewegende Interviews”, die ihre Reporter “führen durften”, kündigte Moderatorin Janine Steeger den Beitrag an. (Eine dieser Topjournalisten kennen sie vielleicht schon: Inken Ramelow.)
Und wenn Sie mögen, können Sie jetzt anfangen, wutschnaubend Pressemitteilungen zu veröffentlichen, in denen Sie RTL vorwerfen, dass der Sender nach Lust und Laune auf die Menschenwürde kotzt. Diesmal wär’s ein echter Treffer.
Artikel gespeichert unter: Im Fernsehen
Stichwörter: Anke Schäferkordt, Erwachsen auf Probe, Explosiv, Inken Ramelow, Janine Steeger, RTL
bisher 9 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben
1. So einfach ist das «&hellip | 04.Juni 2009 at 08:08
[...] [via Peer] [...]
2. ralf schwartz | 04.Juni 2009 at 08:13
Du hast natürlich vollkommen recht mit dem, was Du schreibst. Die aktuelle Sensationslust der Sender ist unübertroffen, ebenso wie die Dreistigkeit der Verantwortlichen.
Wie aber erklärst Du Dir das Verlangen der Menschen, sich in ebensolchen Situationen zu äußern?
Das nämlich ist für mich ebenso vollkommen unverständlich.
3. Camille | 04.Juni 2009 at 08:55
Von Inken Ramelow ein Bild im Netz zu finden ist gar nicht leicht. Profis wissen, wie sie ihre Privatsrhäre schützen können…
4. Peer | 04.Juni 2009 at 09:52
@ralf schwartz: Mir geht es ganz genauso. Ganz genauso.
5. dot tilde dot | 04.Juni 2009 at 10:51
@3 (camille):
stimmt. google bildersuche und das erste bild ansehen ist furchtbar schwer.
.~.
6. nona | 04.Juni 2009 at 17:09
Manche Opfer oder Betroffene (bzw. Angehörige) äussern sich gerne, manche -wie ich vermute, die meisten- nicht. In einer grösseren Menge von Betroffenen, wie man sie bei Flugzeugunglücken mit mehreren hundert Opfern hat, findet man garantiert ein paar Mitteilungswillige. Für viele Betroffene ist das tatsächlich ein Ventil, im “irgendwas” zu tun, nachdem ihnen ein Schicksalsschlag irgendwo weit entfernt neben Trauer vor allem ein Gefühl der Hilflosigkeit beschert hat. Dass sie durch diese Redewilligkeit nichts tun, was irgendwie wirksam oder hilfreich wäre, und in erster Linie den gefühlskalten kommerziellen Interessen der sie anbaggernden Medienvertreter andient, ist ihnen dabei entweder nicht bewusst oder unbewusst egal. Das ist für manche Menschen eine Form von Trauerbewältigung. Sie möchten “der Welt” nicht zuletzt mitteillen, wer dieser verlorene Mensch war, damit “die Welt” den Schmerz mit ihnen teilt.
Aus Sicht der Medienvertreter gibt es andersrum betrachtet mehrere Wege, Betroffene zum Reden zu bringen (Stichwort “Wittwenschütteln”). Zum Beispiel indem man so tut als habe man Mitgefühl und wolle doch nur helfen, indem man ihnen den Eindruck vermittelt, sich zu öffnen sei gut für sie und irgendeiner diffus-abstrakten guten Sache dienlich, oder auch indem man einfach unterschwellig droht (vulgo: “wenn sie nicht mit uns sprechen, dann berichten wir einfach irgendwas, und das steht dann so überall, und dann hamsedensalat…”). Der Betroffene ist tendentiell auch sowieso zu schwach und zu abgelenkt, um darüber zu stehen und sich wirksam gegen die Ausbeutung zu wehren, also knickt er schnell ein und spielt mit. In jedem Fall ist Rücksicht dabei natürlich eh nur hinderlich, denn ob damit irgendwem ausser dem Sender/der Zeitung geholfen wird, oder ob der öffentliche Auftritt in dieser Stresssituation tatsächlich gut für die Psyche des Betroffenen ist, oder doch eher schädlich (direkt oder im Nachhinein), das ist dem Interviewer vor Ort natürlich scheissegal. Der will nur die Story. Unter anderem deswegen ist Boulevardkram dieser Art ja so ekelerregend.
Bei sowas kommt mir auch das kalte Kotzen. Ich weiss nicht, wie und warum man so charakterlich verdorben sein kann, dass man sich in dieses menschenverachtende Geschäft begibt, oder es präsentiert oder versucht zu rechtfertigen. Ob’s die Inken Ramelows oder Janine Steegers oder Anke Schäferkordts dieser Welt sind, die sich so als gewissenlose Medienmaschinen outen, ist mir dabei egal. Ich finde das nur ekelhaft.
7. Peer | 04.Juni 2009 at 17:45
@nona: Kennst du dich richtig damit aus (im Sinne von: kennst du jemandem, dem sowas tatsächlich passiert ist) oder ist dir das alles spontan eingefallen?
8. nona | 04.Juni 2009 at 17:52
@Peer: Das ist mir spontan eingefallen (passiert mir öfters…), ich weiss aber aus eigener Erfahrung, wie man als Betroffener/Trauernder tickt und auf Zuwendungen “von aussen” reagiert.
9. Christina | 07.Juni 2009 at 04:56
Ich sehe das ähnlich wie Nona, auch aus Erfahrung (und nicht, weil ich das studiert oder erforscht hätte). Bei aller “Reality”, die im Fernsehen auf uns einprasselt, sollten wir nicht vergessen, daß zwischen den Jugendlichen, die sich bei “Erwachsen auf Probe” anmelden (ohne die Sendung zu kennen), den angehenden C-Promis (Marke Superstar/Popstar/Germanys Next Topmodel) und denen, die in Winnenden/Erfurt etc. gefilmt und interviewt werden, schon noch ein paar Unterschiede bestehen. In allen drei Fällen haben wir es mit Laien zu tun, aber nach einer Katastrophe wie dem Airbusunglück oder einem Schulattentat kommt zu dieser Medienunerfahrenheit eben noch Schock und Hilflosigkeit, gepaart vielleicht mit einem gewissen Urvertrauen, daß einem in einer solchen Situation doch sicher niemand Böses will.
Ich weiß, daß sich z.B. in Erfurt einige Journalisten einfach das Vertrauen der Lehrer erschlichen haben. Da traf man sich bei einer Bekannten zum Kaffee, und es stellte sich heraus, daß der eingeladene weitere Gast ein Journalist war. Da wurden Menschen, wie der Lehrer, der sich dem Täter in den Weg stellte, so lange belagert, bis sie ein Interview gaben, daß dann so lange immer wieder neu zusammengeschnitten auf mehreren Kanälen lief, daß man den Eindruck hatte, der Lehrer habe den ganzen Tag lang ein Interview nach dem nächsten gegeben, was ihm mächtige Vorwürfe einbrachte und letztlich knapp bis zum Selbstmord trieb.
Ich denke, langfristig kann man diesem Problem, dieser Wehrlosigkeit, nur mit Aufklärung beikommen. So wie man Kindern Selbstverteidigungskurse gibt, muss man ihnen Medienunterricht erteilen, mit Rollenspielen und dem ganzen Programm, zugeschnitten auf ihr intellektuelle Vermögen, mit klarem Appell an ihr Gerechtigkeitsbewußtsein. Da wäre dann der Sachverstand von Peer und Stefan gefragt. Zum Beispiel.
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