Monatsarchiv für Mai, 2009

Was der DJV alles “völlig inakzeptabel” findet

Ich bin ja gerade aus dem DJV (“mehr als eine Gewerkschaft”) ausgetreten, vor allem weil ich schon längere Zeit das Gefühl hatte, als freier Journalist dort kaum Unterstützung zu erfahren, zumal die Beratung für Selbstständige dort miserabel bis traurig ist (auch weil sie z.T. auf die Landesverbände abgewälzt wird) und die Gelegenheiten, bei denen sich der DJV für Freie “einsetzt”, eher auf dem Papier stattfinden als draußen in der echten Welt. (Es gibt Ausnahmen.)

Nun hat sich vor kurzem der Verband Freischreiber gegründet, eine neue Vertretung für freie Journalisten, die dem DJV gar nicht gut gefällt – weil die ihm Mitglieder wegnehmen könnte, die den DJV bisher zwar kaum interessiert, die aber monatlich Mitgliedsbeiträge überwiesen haben. Kann sein, dass sich die Schwerpunkte beim DJV deshalb gerade ein bisschen verschieben. In einer aktuellen Pressemitteilung kämpft man dort jetzt für die Freien und “gegen Honorardumping”:

“DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken forderte die Freien auf, keinesfalls Honorarvereinbarungen zu akzeptieren, die an die Sittenwidrigkeit grenzende Vergütungen für Texte und Fotos oder sonstige unangemessene Bedingungen vorsähen. ‘Es ist völlig inakzeptabel, dass einige Verlage Honorardumping zur Kostensenkung einsetzen’, sagte Konken.”

Allein diese Formulierung ist ein Grund, dem DJV augenblicklich den Rücken zuzukehren: die Freien werden “aufgefordert”, keine “unangemessenen” Honorare “zu akzeptieren” – ja klar, da zittern die Verlage bestimmt schon ganz dolle, wenn ihnen der freie Journalist künftig damit droht, angemessen bezahlt werden zu wollen. Aber so einfach ist das leider nicht. Konkret geht es um eine Praxis des zur WAZ gehörenden “Nordkuriers”, der Fotos und Texte ausschreibt, damit sich freie Journalisten darum bewerben können. (Die Schlussfolgerung, dass die Journalisten sich mit ihrem Honorar dabei gegenseitig unterbieten, hat der “Nordkurier” inzwischen dementiert.) In der Pressemitteilung argumentierte DJV-Chef Konken:

“Diese ‘Neuerungen’ führen in letzter Konsequenz zur Vernichtung des Berufsstandes der freien Journalistinnen und Journalisten. (…) Von solchen Honoraren kann kein Freier auf Dauer leben.”

Ja, und was macht der DJV dagegen? Na klar:

“Der DJV appelliert an den BDZV, auf die Verlage einzuwirken, damit diese Bedingungen zurückgenommen werden.”

Der DJV appelliert an die Interessenvertretung der Zeitungsverlage, in denen gerade Krisen- und Internetpanik herrscht, und die deshalb alles unternehmen, um erst einmal das eigene Überleben zu sichern? Kann man eigentlich auch rückwirkend aus Verbänden austreten? So sechs bis acht Jahre? Oder muss man das vielleicht schon als positives Zeichen werten, dass Konken das “Honorardumping” so unmissverständlich scharf als “völlig inakzeptabel” wertet?

Leider: nein.

* * *

Michael Konken in der DJV-Pressemitteilung vom 6.5.2009 über die Spekulation, die dpa wolle den Umzug nach Berlin “zum Abbau journalistischer Arbeitsplätze nutzen”:

“Das wäre völlig inakzeptabel.”

Michael Konken in der DJV-Pressemitteilung vom 11.8.2008 über Bedingungen bei Pressevorführungen von Constantin Film:

“Diese Strafandrohung ist völlig inakzeptabel.”

Michael Konken in der DJV-Pressemitteilung vom 1.8.2008 über Tarifverhandlungen mit den Verlagen:

“Es ist völlig inakzeptabel, dass die Zeitungsverleger über Tarifabsenkungen fabulieren, statt sich ernsthaft Gedanken über ein verhandlungsfähiges Tarifangebot zu machen”.

Michael Konken in der DJV-Pressemitteilung vom 20.3.2008 über die Ausweisung deutscher Journalisten aus Tibet:

“Das aktuelle Verhalten der chinesischen Behörden sei völlig inakzeptabel.”

Michael Konken in der DJV-Pressemitteilung vom 2.2.2006 über die Entlassung des Chefredakteurs von “France-Soir”, der die Mohammed-Karikaturen nachgedruckt hatte:

“Es sei völlig inakzeptabel, dass der Verleger des Blattes auf diese Weise versuche, die Redaktion mundtot zu machen.”

Michael Konken in der DJV-Pressemitteilung vom 8.7.2004 über Einschränkungen der Pressefreiheit:

“Die Pläne der Justizministerin zum Großen Lauschangriff sind für Journalisten völlig inakzeptabel.”

[Mit Dank an Daniel.]

bisher 19 Kommentare 14. Mai 2009

Wie erwartet: Springer-Preis-Verleihung voller Erfolg!

“Welt Kompakt” (pdf) berichtet über die Verleihung des Axel-Springer-Preises für junge Journalisten, die Autor André Zeppenfeld (anders als z.B. mir) sehr gut gefallen hat (hier in der Welt-Online-Version):

“Erstmals fand die Verleihung im Internet statt. Auch im Netz gab es spontane Reaktionen, Jubel und Gratulationen.”
“Für ihr Online-Experiment hatte sich die Akademie einiges einfallen lassen. Einen Chatroom, in dem jeder nach Lust und Laune öffentlich kommentieren durfte. Videos, in denen die Jury bei der Arbeit zu sehen ist, lebhafte Diskussionen und die Nennung der Sieger.”

Auch das mit den Serverproblemen findet Zeppenfeld nicht weiter dramatisch:

“Schnell laufen die Server stabiler, die Videos sind interessant, die Emotionen echt. Viele der Preisträger outen sich im Chat und jubeln, die Glückwünsche prasseln live auf sie ein. Das ist Crossmedia, wie es sich die Akademie gewünscht hat.”
“Videos und Chatroom im Internet statt Schampus und Schnittchen auf einer traditionellen Feier sind eine zeitgemäße Alternative.”

Ach so, interessant ist natürlich auch die Information:

“Ganz besonders stolz waren 19 Journalistenschüler [der Axel-Springer-Akademie] über ihren 2. Platz in der Kategorie Internet. Derzeit produziert dieses Team täglich WELT KOMPAKT.”

Den 2. Platz gewannen die Springer-Schüler übrigens mit ihrem Angebot www.macht-maschine.de. Und deren Chef vom Dienst ist – André Zeppenfeld.

(Konsequenterweise verlinkt Ansgar Mayer im JEP-Blog der Axel-Springer-Akademie bisher ausschließlich den “Welt Kompakt”-Text. Mensch, da wird man richtig neidisch, nicht in den Genuss einer Ausbildung an der Akademie gekommen zu sein, wo man noch beigebracht kriegt, wie wichtig unabhängiger Journalismus ist.)

bisher 5 Kommentare 07. Mai 2009

Der große Live-Fake beim Axel-Springer-Preis

Ist das nicht schön, wenn ein großer deutscher Verlag in (und wegen) der Krise Prioritäten setzt? Die festliche Preisverleihung der “Goldenen Kamera” im Februar wurde abgesagt, “Bild” muss auf die Party zum Medienpreis “Osgar” verrzichten, der “Sprt Bild Award” pausiert – wenn’s aber um den journalistischen Nachwuchs geht, ist dem Verlag Axel Springer nichts zu teuer. Ganz im Gegenteil: Für die Verleihung des Axel Springer Preises für junge Journalisten hat man sich in Berlin sogar was ganz Besonderes ausgedacht.

“Eine Premiere”, schwärmte Organisator Jan-Eric Peters. “Zum ersten Mal wird in Deutschland ein Journalistenpreis live im Internet vergeben.”

Der Termin war schon ein bisschen ungewöhnlich: Mittwochmittag, 12 Uhr. Was sollte das denn für eine Zeit sein? Eine Preisverleihung in der Mittagspause, damit die vielen fleißigen Nachwuchsjournalisten anschließend gleich wieder in ihre Redaktionen huschen können und weiterrecherchieren?

Es ist dann doch ein bisschen später geworden. Wegen der vielen Leute, die online dabei sein wollten, was dem Server des Verlags offenbar massive Probleme bereitete. Bis zwanzig nach zwölf war deshalb bloß die Startseite mit einem Videotrailer zum Preis zu sehen und nebendran ein Chatfenster, in dem die ersten Nutzer rummaulten, wann es denn endlich losgehe. “Wir haben wirklich mit vielem gerechnet, aber nicht mit einem solchen Ansturm. Server-Leistung extrem erhöht, und trotzdem…”, rechtfertigte sich Peters.

Dabei waren die Technikprobleme gar nicht mal Peters Hauptproblem. Sondern die Erwartungen, die er bei den Nutzern geweckt hatte. Von einer “Preisverleihung” im Internet konnte nämlich keine Rede sein. Stattdessen gab’s eher eine traurige Bekanntagbe der Preisträger, für die bei jeder neuen Kategorie (TV, Hörfunk, Print, Online) ein vorproduziertes Video mit dem Juryurteil aufgeschaltet wurde. Die Preisträger saßen zuhause am Rechner und durften sich per Chat bedanken. (Woraufhin Peters sich artig zurückbedankte: “Schön, dass Sie dabei sind – und durchkommen (…):”)

Zwischendurch bemühte sich Peters, mit Bettina Schausten vom ZDF zu kommunizieren, die als Sprecherin der TV-Jury von Mainz aus Zusatzinformationen beisteuern sollte:

Jan-Eric Peters: “Hallo Bettina Schausten in Mainz, fiel Ihnen in der Jury die Entscheidung schwer?”
Bettina Schausten: “Haben uns in der TV-Jury wirklich schwer getan, finde unsere Entscheidung aber auch im Nachhinein noch richtig. Und überhaupt keine Zweifel gabs bei uns, was Platz 1 angeht. Da waren wir uns alle einig.”

Die Beiträge, für die jungen Journalisten ausgezeichnet wurden, gab es während der “Verleihung” nicht zu sehen – um den Server noch mehr zu belasten, wie Peters wiederholt im Chat-Fenster erklärte, dessen Inhalte zwischendurch ohne Vorwarnung immer wieder gelöscht wurden, um – Sie ahnen’s – den Server nicht weiter zu belasten. Nicht mal Links zu den Beiträgen der Kategorie Online konnten während der Bekanntgabe eingestellt werden, also erledigten das die zugeschalteten Preisträger auf Anfrage im Chat-Fenster einfach selbst.

Zwischendurch war man als Zuschauer ohnehin sehr damit beschäftigt, zur richtigen Zeit das Verleihungsfenster zu aktualisieren, um die nächsten Preisträger mitzubekommen, weil der automatische Reload nicht funktionierte (“Bitte aktualisieren Sie Ihre Seite, falls das nicht gleich automatisch geschieht”). Statt über die Preisträger diskutierten die Zuschauer deshalb vorrangig über technische Probleme.

Eine echte Preisverleihung, die von einer Bühne ins Internet übertragen würde, wie sie offensichtlich viele Zuschauer erwartet hatten, gab es nicht. (Und vielleicht wäre das nur halb so schlimm gewesen, wenn es vorher klarer kommuniziert worden wäre.) Gegen 13.10 Uhr war die chaotische Veranstaltung beendet und Peters rundum zufrieden:

“12 Preise sind verliehen, 17 Herausragende Leistungen gewürdigt. (…) Und vielen Dank für die vielen witzigen Kommentare hier! Hat Spaß gemacht (vielleicht gerade, weil’s nicht rund lief)!”

Ist eigentlich ja klar: Wer eine Art Power-Point-Präsentation mit technischen Mängeln als Live-Preisverleihung im Netz versteht, verwechselt halt auch mal Enttäuschung mit Witz. Hauptsache, es gibt keine Serverprobleme mehr.

Die Preisträger sind jetzt mit Links zu den prämierten Beiträgen online.

bisher 9 Kommentare 06. Mai 2009

Jeder Anruf zählt (auf dem Konto von RTL)

Nein, über die Forderung des Vaters von Ex-”DSDS”-Kandidatin Annemarie Eilfeld, das Halbfinale von “Deutschland sucht den Superstar” mit seiner Tochter zu wiederholen, gibt es eigentlich kein einziges Wort zu verlieren. Dass ich’s trotzdem mache, hat mit dem Grund für diese Forderung zu tun: In der Entscheidungsshow am vergangenen Samstag, an deren Ende Eilfeld gehen musste, weil sie die wenigsten Zuschaueranrufe bekommen hatte, ist RTL nämlich ein dummer Fehler passiert. Der Sprecher des Voting-Trailers hat die Endziffern von Eilfeld und ihrem Kontrahenten Daniel Schumacher verwechselt (die Einblendungen auf dem Bildschirm waren allerdings korrekt).

“Bild” macht natürlich ‘ne große Nummer aus der “unglaublichen Wahl-Panne” und fragt:

“Ist Annemarie wegen der falschen Nummern rausgeflogen?”

Merken Sie sich das doch bitte mal kurz. Denn eigentlich soll’s an dieser Stelle um Marco Schreyl gehen bzw. das, was er in der Entscheidungsshow am Samstag gesagt hat, bevor die Telefonleitungen für Anrufer geschlossen wurden:

“Die letzten Minuten laufen, die letzten Minuten für Ihre Chance, noch mal alles umzukrempeln, alles neu zu entscheiden: Wer soll am nächsten Samstag dabei sein?”
“Jetzt sollten Sie nochmal anrufen, auch wenn Sie vielleicht schon mal angerufen haben. Die letzten Minuten sind bekanntermaßen die heißesten. Und wir haben’s hier schon erlebt: Sehr häufig hat sich alles nochmal geändert. Ran ans Telefon!”

Ja, die letzten Minuten bei “DSDS”, in der Samstag für Samstag aus einer Castingshow eine Call-In-Show wird, sind einfach – heiß.

Gegenüber DWDL erklärte eine RTL-Sprecherin heute dann, warum es trotz des Zahlendrehers in der Entscheidungsshow keine neue Chance für Eilfeld geben wird:

“Die Platzierung der Kandidaten hat sich nach dem Ende der Mottoshow nicht geändert.”

bisher 5 Kommentare 04. Mai 2009

Neues von Kasabian: Hände hoch!

Ich muss mich entschuldigen für die bösen, bösen Worte über das Cover des neuen Kasabian-Albums mit dem merkwürdigen Titel und bin immer noch ganz baff von der ersten Single “Fire” und dem Video dazu:

Kasabian – Fire from Kasabian on Vimeo.

bisher 2 Kommentare 01. Mai 2009


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