Programmgärtner und Schlachtendanten

Der Erfolg von “Bauer sucht Frau” hat auch vor den Chefetagen internationaler Medienkonzerne nicht Halt gemacht. Insofern ist es nachvollziehbar, dass die sich nun in Interviews mit Äußerungen aus dem landwirtschaftlichen Umfeld beliebt machen wollen. Im Interview mit dem “Handelsblatt” sagt RTL-Group-Chef Gerhard Zeiler heute zu den vorsichtigen Investitionen ins Programm, die er für die deutsche Sendergruppe plant:

“Doch keine Angst: Wir schlachten nicht die Kuh, die uns Milch gibt.”

Ganz anders sieht’s beim MDR aus, wo Intendant Udo Reiter, kurz bevor er sich zum Jahresende von seinem Job verabschiedet, das große Sparen ausgerufen hat, das er dann seinem Nachfolger überlässt, aber schon mal ankündigt:

“Wir werden auch heilige Kühe schlachten müssen.”

Die “Freie Presse”, der Reiter das Interview gab, fragte auch gleich nach: “Welche Kühe?” Und Reiter erklärte: “An denen werde ich mich kurz vor meinem Rückzug nicht vergreifen. Ich kann nur sagen, dass es noch einige Möglichkeiten gibt, liebgewordene Dinge, die nicht dringend nötig sind, aufzugeben. Der Rasenmäher ist auf Dauer keine Lösung.”

Das kennen auch die Kollegen beim ZDF, wo Markus Schächter vor neun Jahren überraschend zum Intendanten gewählt wurde, und zwar an einem Samstag, als er gerade im Garten stand und währenddessen Bescheid bekam. Die Nachrichtenagentur AFP meldete damals:

“Er sei so überrascht gewesen, dass er die Gartenarbeit nicht habe beenden können, bekannte der bisherige ZDF-Programmdirektor nach seiner Wahl.”

Sein gerade in Berlin gewählter Nachfolger, der jetzige Programmdirektor Thomas Bellut, versprach im Interview mit dem “Spiegel” (Vorabmeldung) Anfang der Woche diesbezüglich Kontinuität:

“Ein Intendant ist wie ein Gärtner: Er fördert das, was wächst.”

Und: “Wir brauchen auch Programme, die bestimmte Tageszeiten abdecken. Ich nenne die gern Bodendecker, noch so ein Vergleich aus dem Gartenbau.” Diese Gartenaffinität hat Bellut ja auch schon im Programm abbilden lassen. Ob beim ZDF in nächster Zeit auch irgendwelche Kühe geschlachtet oder gemolken werden sollen, hat der künftige Intendant aber vorerst für sich behalten. Schweinerei.

bisher 4 Kommentare 22. Juni 2011

Was Dieter Bohlen mit Wolf Schneider zu tun hat

“Offen und ehrlich” kritisiert er alle, die es wagen, sich von ihm beurteilen zu lassen, “nicht selten jenseits der Schmerzgrenze”. “Niemand ist vor seinem Urteil sicher”, “sie kriegen ihr Fett weg – alle”. Kurz gesagt: “Wer nicht spurt, der spürt”.

Einer seiner Schüler sagt: “Seine Kommentare waren hammerhart, es ist ja legendär. Seine ‘Bähs’ und ‘Scheiße’-Kommentare.” Er habe “vielfältige Möglichkeiten”, das, was ihm vorgetragen werde, “zu vernichten”. “Völlig verfehlt”, lautet das Urteil dann, und einmal fand er, “dass es einer Sau graust” angesichts einer solchen Performance. Aber “wehe, jemand klaut ihm die Show”, dann wird er sauer: Er lässt sich eben das Zepter nur ungern aus der Hand nehmen.” Sich selbst hört er am liebsten reden, “das ist typisch”.

Dabei kann er mit Kritik überhaupt nicht umgehen. Einmal hat er jemandem, der es doch gewagt hat, entgegen geschleudert: “Belassen wir es doch einfach bei lebenslangem Hass aufeinander.” Dennoch sieht er sich im Recht, denn seine Kritik hält er für berechtigt. “Das mit Nettigkeit einzutrichtern, wäre nicht möglich gewesen”, sagt er selbst. Und überhaupt: “Ich weiß nicht wie man das macht: nicht arrogant sein.”

Nicht mal eine Woche ist es her, dass bei RTL das Finale von “Deutschland sucht den Superstar” lief, aber das NDR-Medienmagazin “Zapp” berichtete, anders als es die oben zitierten Passagen vermuten lassen, gar nicht über den, der dort seit acht Staffeln im Mittelpunkt steht.

Sondern über Wolf Schneider, der vor einer Woche den Henri-Nannen-Preis für sein Lebenswerk verliehen bekam, das – wenn ich das richtig verstanden habe – genau darin besteht: Dass er für das bestmögliche Ergebnis kämpft und ehrlich seine Meinung sagt, ohne dass es dabei auf Taktgefühl ankommt. Dass er hart in seiner Wortwahl, eitel und besserwisserisch, aber nicht für Kritik empfänglich ist, gilt in der Branche als Leistung, als bewundernswerter Charakterzug – anders als bei Dieter Bohlen, der bei “DSDS” losholzt, wenn seiner Auffassung nach schlecht gesungen wurde.

Deswegen ist Bohlen bei Journalisten unbeliebt. Schneider hingegen ist (in “Zapp”) “Sprachpapst”, “die graue Eminenz des Richtigschreibens”, “Qualitätsfundamentalist”, “lebendes Denkmal” mit “unerbittlicher Konsequenz”, einfach ein “Freund klarer Worte – dafür ehrt ihn eine ganze Branche”.

Natürlich.

Und, anderes Thema, in der “taz” steht heute ein Interview, in dem es darum geht, wie weit Medien bei der Nacherzählung der Realität gehen dürfen.

“Die Rekonstruktion ist eine der wichtigsten Formen”, heißt es dort, “weil es nicht möglich ist (…), immer dabei zu sein. Die interessantesten Szenen spielen sich oft hinter verschlossenen Türen ab”. Die Rezipienten müssten aber erfahren, “wie es zu Entscheidungen gekommen ist. Wir reden mit vielen Beteiligten, damit wir ein möglichst komplettes und widerspruchsfreies Bild erhalten von dem, was geschah”.

Genau so verteidigen die Macher der in den Medien vielgehassten Scripted-Reality-Formate ihr Vorgehen, wenn sie Wirklichkeit inszenieren. In dem Interview geht es aber gar nicht ums Fernsehen. Vielmehr rechtfertigt Dirk Kurbjuweit, Hauptstadtbüroleiter des “Spiegel”, mit den zitierten Worten das Vorgehen seines Kollegen, der den Henri-Nannen-Preis aberkannt bekommen hat, weil er zugab, den Einstieg seines Horst-Seehofer-Porträts geskriptet zu haben ohne bei der beschriebenen Szene selbst dabei gewesen zu sein.

Gut möglich, dass man weder Dieter Bohlen mit Wolf Schneider noch die Arbeit der Reportagekünstler beim “Spiegel” mit “Familien im Brennpunkt” vergleichen sollte. Aber darin, mit zweierlei Maß zu messen, ist diese Branche im Moment wirklich außerordentlich groß.

bisher 21 Kommentare 12. Mai 2011

Reden wie Markus Schächter (6)

Markus Schächter hat angekündigt, nächstes Jahr als Intendant des ZDF aufzuhören. Damit wird leider auch diese kleine Reihe enden. Aber noch ist es ja nicht soweit.

“Innovationsmotor für neue Technologien”, “Technologieführer im Fernsehen”, “kraftvolles und erfolgreiches Multimediaunternehmen”: ZDF

“Talenthaus”: ZDFneo

“überschaubare Erweiterung unserer Angebotspalette”, “überlebensnotwendige Voraussetzung für den Bestand in der digitalen Welt”: Digitalkanäle

“Das ZDF hat zu keinem Zeitpunkt das Bild eines Vakuums geboten”: Umgang des ZDF mit dem Streitfall Nikolaus Brender

“Phase der Lähmung”: die Zeit bevor Markus Schächter zum Intendanten gewählt wurde
“Aufbruch für die Unternehmenskultur, für Programmkonzepte und Zukunftsstrategien”: die Zeit nachdem Markus Schächter zum Intendanten gewählt wurde

“ein gutes Zeitmaß”, “die richtige Zeitspanne, wenn es darum geht, Ziele zu formulieren, Teams zu bilden, um die gesteckten Ziele dann gemeinsam zu realisieren”: die Amtszeit von Markus Schächter

“zukunftswichtiges und für junge Nutzer so wichtiges Medium”: Internet

“Wer vor leeren Häusern spielt, hat verloren”: Plädoyer für die Ausstrahlung massenattraktiver Programme

Quelle: Interview mit epd medien 4/2011 (Kurzfassung im Netz)

Bisher erschienen:
Reden wie Markus Schächter (1)
Reden wie Markus Schächter (2)
Reden wie Markus Schächter (3)
Reden wie Markus Schächter (4)
Reden wie Markus Schächter (5)

bisher 1 Kommentar 31. Januar 2011

Der Dschungel macht die Werbung witzig

Aus finanzieller Sicht war das eben zu Ende gegangene fünfte Dschungelcamp für RTL ganz sicher kein Erfolg. Wie “Kontakter”/”W&V” berichten, lag das laut Vermarkter IP Deutschland vor allem daran, dass die Spotpreise bei “Ich bin ein Star! Holt mich hier raus” so hoch waren und nur wenige Unternehmen so viel investieren wollten. Das ist mindestens zur Hälfte Unsinn, weil das ja auch für andere Programme mit hoher Quote gelten müsste und sowohl “Supertalent” als auch “DSDS” quasi werbepausenfrei bleiben müssten.

Daran, dass sich die Markenartikler angeblich nicht trauen, in dem Igittigitt-Umfeld zu werben, kann es aber auch nicht (mehr) allein gelegen haben. In diesem Jahr trauten sich sogar erstaunlich viele, zum Beispiel Opel, Mars, L’Oréal, Vodafone, Ritter Sport, Danone, Fiat und Otto.

Und ausgerechnet ein Hersteller, der sonst nicht unbedingt für seine kreativen Werbeleistungen bekannt ist, riskierte noch ein bisschen mehr: Er ließ sich auf den Humor der Sendung ein. Als in der “Wiedersehen”-Show am Sonntagabend die Streitigkeiten der Campbewohner in der Zusammenfassung liefen, wurde die folgende Werbung eingeblendet:


Screenshots: RTL

Ey, ab heute kauf ich Persil.

bisher 6 Kommentare 31. Januar 2011

RTL, Dieter Bohlen und das definitive Vielleicht

In der vergangenen Woche habe ich bei RTL angefragt, was der vom “DSDS”-Formaterfinder Simon Fuller initialisierte Labelwechsel der Showgewinner von Sony Music zu Universal für das Engagement von Dieter Bohlen bei “DSDS” zu bedeuten hat, da Bohlen ja häufig die Siegertitel produziert, aber weiter bei Sony unter Vertrag steht.

RTL-Sprecherin Anke Eickmeyer hat mir geantwortet, dass der Labelwechsel nicht automatisch bedeuten würde, dass Bohlen nicht mehr zum Zuge kommt, er könne sich ebenso wie alle anderen Produzenten mit einem Titel bewerben.

In meinem Text für “Berliner Zeitung” und “FR” stand am Samstag:

“Das Album des diesjährigen ‘DSDS’-Siegers wird erstmals nicht bei Sony Music erscheinen, sondern bei Universal – weil Show-Erfinder Simon Fuller es so will und mit der Vermarktung der Gewinner vom bisherigen Partner unzufrieden war. Ob Dieter Bohlen, der bei Sony unter Vertrag steht, dann als Hit-Lieferant noch zum Zuge kommt, ist fraglich – auch wenn RTL auf Anfrage erklärt, Bohlen könne ‘wie alle anderen Produzenten Songs für den Siegertitel einreichen’.”

Die Einschätzung finde ich nach wie vor legitim, zumal Eickmeyer definitiv nicht geschrieben hat, dass Dieter Bohlen als Produzent des DSDS-Gewinners feststeht. Im Gegenteil.

So ist nun aber die Pressemitteilung übertitelt, die RTL heute herausgegeben hat, nachdem die B.Z. den Absatz aus meinem Text noch einmal zugespitzt hat:

“Dieter Bohlen bleibt Produzent des DSDS Gewinners/ Stellungnahme zum Label Wechsel bei DSDS

“Entgegen anderslautenden Presseberichten wird Dieter Bohlen auch weiterhin den Sieger von ‘Deutschland sucht den Superstar’ produzieren, wenn er will. Daran hat sich nichts geändert. DSDS ist das erfolgreichste Musikformat und nachdem RTL mit Dieter Bohlen den erfolgreichsten Musikomponisten und Produzenten in der Jury hat, ist es naheliegend ihn auch den Gewinner produzieren zu lassen, um diesem eine erfolgreiche Musikkarriere zu ebnen.
Die Tatsache, dass der Sieger von DSDS künftig einen Plattenvertrag mit Universal Music bekommt und nicht mehr mit Sony Music hat darauf keine Auswirkungen.”

Das klingt sehr definitiv. Besser gesagt: Das klingt plötzlich sehr definitiv. Die RTL-Auskunft, die ich in der Vorwoche per Mail bekommen habe, war es nicht:

“Es ist wie immer: Dieter Bohlen schreibt nicht automatisch den Siegersong (in der Vergangenheit hat er z.b. die Siegertitel von Thomas Godoj und Tobias Regner nicht produziert und auch nicht ihre Alben) aber er kann wie alle anderen Produzenten Songs für den Siegertitel einreichen und wenn eine gegenseitige Sympathie und Arbeitsebene zwischen ihm und dem Künstler besteht, dann kann es sein, dass er auch wieder den Sieger produziert.”

“Nicht automatisch”, “kann einreichen”, “kann sein, dass er produziert” – wie genau fasst man das zu der eindeutigen Schlagzeile “Dieter Bohlen bleibt Produzent des DSDS-Gewinners” zusammen? Oder anders formuliert: Wer war da wohl sauer?

bisher 2 Kommentare 11. Januar 2011

Wie Berlin den Prenzlauer Berg zu hassen lernte

Auf dem Nachhauseweg nach Berlin, in meine Wohnung in Prenzlauer Berg, war am Sonntag viel Zeit, um all das zu lesen, was die ganze Zeit liegen geblieben ist. Zum Beispiel einen interessanten Text aus dem “Observer” über den Bezirk einer bekannten Großstadt, in dem gerade drastisch die Mieten steigen und dessen bisherige Bewohner sich von Kohle und Kommerz weggedrängt fühlen.

In einem Absatz wird, wie ich finde, ziemlich gut das Prinzip der so genannten Gentrifzierung erklärt:

“An old neighbourhood has cheap rents that attract artists. The artists spruce the place up. That attracts youthful newcomers. That attracts the bars, shops and restaurants the newcomers like. The neighbourhood becomes cool. And safe. That attracts wealthier people, with families. The rents rise. Older inhabitants and original pioneers then leave and start again somewhere else.”

Der Text handelt vom New Yorker Stadtteil Williamsburg, in dem genau das gerade passiert, aber er hätte ebenso gut über Prenzlauer Berg geschrieben werden können – nur nicht in deutschen Zeitungen, nicht jedenfalls so nüchtern und analytisch, weil deutsche Journalisten beim Schreiben ungern auf ihre Vorurteile verzichten. Das immerhin haben sie mit manchen Bloggern gemeinsam. Zum Beispiel Andrej Holm. In seinem “Gentrification Blog” schreibt Holm nach eigener Angabe über “die Aufwertung von Stadtvierteln” und die “Mobilisierungen der Mieter/innen dagegen”. Wahrscheinlich ist das bloß nachlässig formuliert.

Die “Berliner Zeitung” nennt ihn einen “linken Stadtsoziologen und Gentrifikations-Experten”, Wikipedia bescheinigt ihm ein durchaus interessantes “Leben und Wirken”. Es geht Holm, wenn ich das richtig verstehe, um Dokumentation und Kritik dessen, was der “Observer” als Prinzip beschrieben hat, auch und vor allem am Beispiel Prenzlauer Berg. Das ist interessant und löblich.

Vor anderthalb Wochen hat Holm einen Eintrag über die neuen “Prenzlauer Berg Nachrichten” geschrieben, eine Anfang Dezember gegründete Internet-Stadtteilzeitung (zu der ich gleich mal disclaimen kann, dass ich täglichen Kontakt zu einer der Autorinnen habe). Holm sieht die Neugründung als Bestätigung dessen, was Prenzlauer Berg derzeit verändert. Er nennt die Online-Zeitung “Medium der Selbstvergewisserung eines bildungsbürgerlichen Aufwertungsmilieus”.

Seine Kritikpunkte sind folgende:

1. Die Redaktion der “Prenzlauer Berg Nachrichten” ist für Holm eine “Ansammlung schlechter Klischees”, weil fast alle aus dem Westen kommen. Die Zeitung ist (auch deshalb) für ihn ein “prima Untersuchungsgegenstand für ethnologische Studien zu den diskursiven Raumaneignungsstrategien von Hinzugezogenen in Prenzlauer Berg”. Sie müssen das entschuldigen: Der Mann kann nicht anders, er ist Wissenschaftler. Übersetzt bedeutet die Einlassung: Die, die den alten Prenzlauer Bergern die Wohnungen wegnehmen und ständig Latte Macchiato trinken, machen jetzt auch noch eine Zeitung darüber, wie sie ständig Latte Macchiato trinken. Das stimmt so zwar nicht, musste aber offensichtlich mal gesagt werden.

2. Die Zeitung hat, Holm zufolge, nur einen “begrenzten Informationswert für alle, die sich tatsächlich mit der Bezirkspolitik beschäftigen wollen”, weil es bloß um Schulen und Gehwegsanierungen geht. Also: wenn man die Interviews mit dem Bezirksbürgermeister und der Stadträtin für Gesundheit, Soziales, Schule und Sport sowie das Porträt des Bezirksstadtrats für Öffentliche Ordnung sowie einige Texte über Stadtentwicklungsproblematiken ignoriert, wie Holm es getan hat.

3. Die Zeitung habe außerdem ein “merkwürdiges Gründungsmotiv”, findet Holm, und zitiert Herausgeber Philipp Schwörbel, der sagt, er glaube an die Zukunft eines solchen Projekts, weil sich die Berliner Tageszeitungen immer mehr aus der Bezirksberichterstattung zurückziehen.

Der Schlüsselsatz in Holms Beitrag lautet aber: “Ich habe von Lokal-Journalismus nicht wirklich viel Ahnung (…).” Er hat Recht.

Und es ist eine feine Ironie, dass er, der ja nach eigener Auskunft keine Ahnung vom Lokaljournalismus hat, sich zutraut, trotzdem darüber zu urteilen – während er den Zugezogenen, die eine Zeitung über ihren Bezirk machen, von dem sie (Holm zufolge) keine Ahnung haben, dieses Recht abspricht.

Es wird die Gentrifikations-Experten unter Ihnen schocken, aber genau so funktioniert Journalismus: als ständiger Annäherungsprozess an ein Thema, zu dem sich ein Autor Wissen aneignet, indem er mit (Fach-)Leuten spricht, sich ein eigenes Bild macht und das, im besten Falle verständlich geschrieben und somit im Gegensatz zur Wissenschaft, an interessierte Leser vermittelt. Mit der Zeit kann man sich so ein Fachgebiet erarbeiten, mit dem man sich sehr gut auskennt.

Guter Lokaljournalismus ist auch nicht der, der permanent dem Umsturz entgegenschreibt – sondern sich ausgewogen und intensiv mit dem Umfeld seiner Leser auseinandersetzt. Ganz oft gehören dazu vermeintliche Nichtigkeiten. Die Menschen interessieren sich nunmal dafür, wenn in ihrer Nachbarschaft ein neues Haus gebaut oder die Tram-Haltestelle verlegt wird. Weil es sie direkt betrifft.

Die Qualifikation, die den Journalisten der “Prenzlauer Berg Nachrichten” fehlt, ist Holm zufolge, dass sie im Osten aufgewachsen sind. So ein Unfug. Die wenigsten Journalisten, die über die Atompolitik Irans schreiben, sind ausgebildete Kernphysiker. Es ist auch keine Voraussetzung, schon mal Kanzler gewesen zu sein, um in der “Süddeutschen” einen Kommentar zur Regierungsbilanz Angela Merkels schreiben zu dürfen. Aber wer übers Lokale schreiben will, darf das nur, wenn er an Ort und Stelle schon in die Windeln gemacht hat?

Natürlich ist es wünschenswert, wenn eine solche Zeitung auch Journalisten beschäftigt, die einen derartigen Zugang zum Thema der Berichterstattung haben. So wie ich das verstehe, ist Herausgeber Schwörbel offen für Bewerbungen. Holm aber weiß zwei Wochen nach dem Start der “Prenzlauer Berg Nachrichten” bereits, wie es mit dem Projekt weitergeht: Einen “Zugang zu verschiedenen sozialen Milieus, die Vorstellung verschiedener Perspektiven”, glaubt er, seien “eher nicht zu erwarten”. Der ganze Blogeintrag trieft nur so vor Empörung über die Zugezogenen – und es ist zu hoffen, dass der Wissenschaftler Holm seinen Studenten differenzierter zu erklären weiß, was er über Stadtentwicklung geforscht hat. Denn in seinem Blog wirft er alles in einen Topf.

Zugezogene sind, wenn sie aus dem Westen kommen, ein Studium absolviert haben (und in diesem Fall: Medienerfahrung mitbringen), unerwünschte Besatzer, die bisherige Bezirksstrukturen vernichten. Damit macht Holm es sich sehr einfach.

Sicher ist die Veränderung in Prenzlauer Berg extrem. Aus dem Arbeiterbezirk ist einer geworden, in dem die Leute mit Freude SUV fahren, viel Zeit für ihre Kinder haben und teure Dachgeschosswohnungen einrichten. Alles drei trifft nicht auf mich zu, ich weiß aber, dass ich trotzdem mit Schuld an der Veränderungen bin: Ich wohne seit dreieinhalb Jahren in einer Wohnung, für die ich wahrscheinlich doppelt so viel bezahle wie mein Vormieter, weil die Cabriofahrende Hauserbin eine billige Heizung und eine schiefe Dusche eingebaut hat und die völlig kaputten Dielen flott mit Lackfarbe überstreichen ließ. Ich habe mein Büro in der Stargarder Straße und kann jeden Tag dabei zusehen, wie der Bezirk affiger wird. Aber das liegt nicht daran, dass Menschen herziehen, die aus dem Westen kommen. Sondern daran, dass viele glauben, sie hätten, wenn sie eine für eine halbe Million Euro eine Wohnung am Helmholtzplatz und den (nicht unwesentlich günstigeren) Standardkinderwagen kaufen, auch den Bezirk miterstanden und könnten sich aufführen wie die letzten Deppen.

Und natürlich liegt es daran, dass hier gerade das ganz große Geld zu machen ist, weswegen Vermieter es sich leisten können, ihre Mieter wie Dreck zu behandeln und über Hausverwaltungen unter Druck zu setzen, weil es nämlich genauso lukrativ ist, jemanden rauszuekeln, der da dreißig Jahre wohnt, wie jemanden, der erst fünf Jahre da wohnt. Weil so oder so saftig was auf die Miete draufgeschlagen werden kann.

Ich hab ein bisschen gebraucht, um das zu verstehen, aber ich hab jetzt kapiert, dass sich das vermutlich nicht ändern lässt. Das bedeutet nicht, dass es dazu keinen Diskussionsbedarf gibt. Ganz im Gegenteil. Aber das Letzte, was eine dringend notwendige Debatte über die Veränderung der Stadt braucht, ist ein Haufen beleidigter Auskenner, die mit Generalverurteilungen um sich schlagen.

In seinem Blogeintrag anlässlich der Feiertage zeigt Holm “ein paar besinnliche Bilder aus den 1980er Jahren”, als die Welt noch in Ordnung und die Latte-Macchiato-Trinker noch im Westen waren, gewidmet all denen, “die nicht mehr in die Stadt ihrer Kindheitserinnerungen reisen können”.

Lieber Andrej Holm, Sie werden’s nicht glauben: Das geht nicht nur Leuten so, die in Ostberlin aufgewachsen sind. Ich war – Achtung, Prenzlauer-Berg-Klassikklischee! – über Weihnachten bei meinen Eltern in Hessen, die seit einigen Jahren wieder in dem Ort wohnen, in dem ich aufgewachsen bin. Auf den Feldern, durch die ich früher mit meiner Großmutter spazieren gegangen bin, stehen heute ein Baumarkt, ein Edeka und ein Badezimmergroßhandel. Im vergangenen Jahr sind ein Markt für Haustierkram, ein Elektronikmarkt und ein Ein-Euro-Shop dazugekommen. Kürzlich haben am anderen Ende des Orts zwei weitere Supermärkte, ein Drogeriemarkt und ein Klamottencenter eröffnet. Auf der Hauptstraße sind viele Einzelhändler eingegangen. Von den Geschäften, an die ich mich erinnere, ist nur noch der schon damals ranzige Spielwarenladen da, und niemand weiß so genau, warum eigentlich.

Aber es gibt jetzt ein paar hippe Läden für jüngere Leute, in denen eine Hose oder eine Jacke knapp unter 300 Euro kosten. Und der Friseur um die Ecke hat, seitdem die junge Generation das Geschäft übernommen hat und Landesmeister geworden ist, einen übertrieben modernen Bunker zwischen die alten Hutzelhäuschen bauen lassen. In der neu eingerichteten Zahnklinik nebenan lassen sich Prominente wie Brigitte Nielsen behandeln – praktisch, dass es einen Tiefgarageneingang gibt, um nicht erkannt zu werden. Und das alles ganz ohne Hilfe von zugezogenen Milchkaffeetrinkern.

Es ist eben so: Früher ist vorbei. Es bringt nichts, sich daran festzuklammern, und anderen die Schuld zu geben.

Um aber wieder zurück zum Ausgangsthema zurück zu kommen: Dass die “Prenzlauer Berg Nachrichten” keinen Monat nach dem Start schon ein paar ordentliche Verrisse kassiert haben, ist auch ein wunderbarer Beleg dafür, wie ätzend es in Deutschland ist, ein neues Projekt anzufangen. Weil sofort jeder weiß, warum das nichts werden kann. Ich war am Anfang, als ich das erste Mal von dem Projekt gehört habe, auch ziemlich skeptisch – einfach, weil es nicht alle Tage vorkommt, dass sich ein privater Investor dazu entschließt, in ein journalistisches Projekt zu investieren. Dass es jetzt ein Büro gibt, Mitarbeiter und vor allem: eine Zeitung, lässt mich aber hoffen, dass es vielleicht klappt: Journalismus ohne großen Verlag im Hintergrund zu machen, der die Regeln diktiert.

Einen Tag vor Heiligabend hat im übrigen auch die “Berliner Zeitung” die “Prenzlauer Berg Nachrichten” entdeckt und in der Klischeebebilderung noch einen draufgelegt. Torsten Wahl schreibt über “das Blatt zur Bionade”, das “fest im eigenen Milieu” klebe, vor allem wegen eines satirisch gemeinten Texts von Autor Peter Dausend, den ich auch nicht besonders gelungen finde.

Der Ton des “Berliner”-Texts ist nicht nur skeptisch, sondern spöttisch, und der Autor kritisiert, dass (drei Wochen nach dem Start) noch nichts vermeldet wurde, “was nicht vorher anderswo zu lesen war”. Schlimmer noch:

“Am Montag teilte eine aufgeregte Autorin mit, dass die BSR die Papierkörbe am Kollwitzplatz noch nicht geleert hat. Donnerwetter!”

Dass auch Wahl dafür sämtliche Texte untern Tisch fallen ließ, die bis dahin zu stadtpolitischen Themen erschienen waren – geschenkt! Genauso wie das hübsche Detail, dass der Lokalteil der “Berliner Zeitung” am selben Tag Platz für einen fünfspaltigen Text über Physiotherapie für Hunde hatte, was das Müllthema natürlich um Längen schlägt.

Aber wie billig ist das, wenn eine große Berliner Tageszeitung so über ein Projekt berichtet, das auch als Reaktion auf ihre eigene Nachlässigkeit gegründet wurde, weil in etablierten Blättern über Bezirkspolitik immer nur dann berichtet wird, wenn es um die großen Projekte geht. Für alles andere ist wegen der großen Discounteranzeigen ja gar kein Platz mehr.

Zum Ende des Texts übergibt die “Berliner” an den Kritiker Olaf Kampmann, der seit einigen Monaten ein Prenzlauer-Berg-Blog betreibt und sich durch den Start der “Prenzlauer Berg Nachrichten” offensichtlich in seiner persönlichen Ehre gekränkt fühlt, weil ihm allein die Berichterstattung über den Bezirk gebührt. (Siehe dazu auch seine unfassbar aggressiven Kommentare bei kress.de.) Er sagt: “Es kommt mir vor, als wollte hier jemand den Leuten in Mönchengladbach erklären, was im Prenzlauer Berg los ist.” (Der hauptberufliche “Fernsehautor” Kampmann sieht wahrscheinlich auch nie “Tagesschau”, weil ihm da Leute aus Hamburg sogar die Welt erklären wollen.) Dazu kommt die Kritik aus Holms Blog, die der Autor der “Berliner Zeitung” aber in ihre Einzelteile zerlegen muss, um sie verständlich zu machen. Im Ganzen lautet Holms Satz:

“Die oft empörte Abwehrhaltung gegenüber einer ostdeutschen Erinnerungskultur scheint mir der Ausdruck einer quasikolonialen Hegemonialstruktur zu sein, die versucht die faktische und praktische Aneignung des Raumes nachträglich auch noch symbolisch zu manifestieren.”

Wenn er mag, kann er sie behalten, seine ostdeutsche Erinnerungskultur. Auch in Oldenburg, wo Holm nach einem Unijob in Frankfurt am Main in diesem Jahr an der Universität lehrte und hoffentlich als Zugezogener freundlich und offen aufgenommen wurde – solange er sich nicht mit Milchschaumbärtchen erwischen ließ.

“There is a cycle. There is a whole series of places that go through this problem”,

zitiert der “Observer” Professor Joshua Freeman, der sich an der City University of New York mit der Stadtgeschichte befasst, zu den anfangs beschriebenen Umwälzungen im Bezirk Williamsburg. Freeman glaubt:

“Cities and neighbourhoods change all the time. You can’t freeze them. You don’t want to create a sort of museum.”

Wenn der Mann wüsste!

Nachtrag, 28.12.: Andrej Holm hat in seinem Blog auch noch andere Reaktionen auf seinen Beitrag zusammengefasst und verlinkt.

bisher 44 Kommentare 27. Dezember 2010

Der klare Kurs des RTL-2-Chefs

“Unsere ‘it’s fun’-Strategie ist mehr als ein Claim. Es ist ein Markenversprechen, das unser Content auch halten muss. Oder einfach gesagt: Wo ‘fun’ drauf steht, muss auch ‘fun’ drin sein.”
     (Carsten Molis, verantwortlich für das aktuelle RTL-2-Marketingkonzept, am 16.9.2009 per Presseinfo)

“Überall wo ‘It’s Fun’ draufsteht, soll auch ‘It’s Fun’ drinstecken.”
     (Jochen Starke, Geschäftsführer RTL 2, am 29.7.2010 bei sueddeutsche.de)

“‘It’s fun’ ist ein Claim. Schon als wir die Positionierung bekannt gaben, habe ich gesagt: Nicht überall wird Fun drin sein.”
     (Jochen Starke, Geschäftsführer RTL 2, am 15.12.2010 im “W&V”-Interview bei sueddeutsche.de)

siehe auch: Die Interviewschablone des RTL-2-Chefs

bisher 4 Kommentare 15. Dezember 2010

Wunschkonzert mit offenem Ende

Seit dem abrupten Ende der “Wetten dass..?”-Sendung am Samstag läuft in den deutschen Medien ein Wunschkonzert mit offenem Ende, in dem jeder Mal zu Wort kommen und mitenscheiden darf, was als nächstes passieren soll.

Immerhin sind ja die meisten, die sich jetzt äußern, ausgewiesene Fernsehexperten.

Ministerpräsident Kurt Beck wünscht sich (standardmäßig) “eine Quotendebatte”.
Ex-”Wetten dass..?”-Produzent Holm Dressler wünscht sich, dass der Unfall bei den Programmverantwortlichen “zu einem Abrüsten in den Köpfen” führt.
59 Prozent der 961 Befragten einer repräsentativen Yougov-Studie wünschen sich, dass künftig auf riskante Wetten verzichtet wird.
War aber auch klar, denn vorher schon wünschte sich der meinungsbildende Mehrzweckexperte Jo Groebel, dass es “solche Wetten” nicht mehr gibt.
Der medienpolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Bundestag, Burkhardt Müller-Sönksen, wünscht sich hingegen, dass sich ZDF-Intendant Markus Schächter zum Unfall äußert.
NRW-Medienstaatssekretär Marc Jan Eumann wünscht sich laut “WAZ” “eine Sondersendung zur Aufarbeitung des tragischen Ereignisses”. Äh.
Der medienpolitische Sprecher der SPD- Bundestagsfraktion, Martin Dörmann, wünscht sich gleich ein neues Sendungskonzept ohne “bestimmte Risikowetten”.
Die Grünen-Medienpolitikerin Tabea Rößner wünscht sich, dass die Fernsehmacher “das Maß nicht verlieren”.
Hans-Christian Ströbele von den Grünen wünscht sich, dass eine “derart waghalsige Aktion” nicht mehr “live gefilmt” werden soll. (Aufzeichnen ist ok?)
Die “Neue OZ” wünscht sich “Konsequenzen”. Und weniger “übermütige Freizeitartisten”.
Ex-”Wetten dass..?”-Moderator Wolfgang Lippert wünscht sich, dass die Verantwortlichen “vorsichtiger” werden.
Der “Rheinische Post”-Kommentator Ulli Tückmantel wünscht sich, dass Eltern künftig überlegen, ob “Wetten dass..?” “wirklich ein geeignetes Format für Kinder darstellt”.
Der Leiter des Grimme-Instituts, Uwe Kammann, wünscht sich bei MDR Info, dass jetzt lieber über den schlimmen “Sozial-Voyeurismus” anderer Sendungen geredet werden soll. Bei Welt Online wünschte er sich schon, die Redaktion hätte sich “vielleicht im Vorfeld” stärker gebremst.
Der Vizepräsident des EKD-Kirchenamtes, Thies Gundlach, wünscht sich ganz bescheiden, dass die Leute nicht nur auf Twitter dazu aufrufen, für den verletzten Kandidaten zu beten. Sondern auch auf “herkömmlichen Wegen”.
Christian Malordy, Sprecher der Messe in Halle, wünscht sich, dass die nächste “Wetten dass..?”-Ausgabe wie geplant dort stattfindet.
Und “WAZ”-Kommentator Wilhelm Klümper wünscht sich, dass die Show eingestellt wird.

Wie nervig doch Agenturhypes unterschiedlich doch die Menschen sind.

bisher 13 Kommentare 06. Dezember 2010

Das Durcheinander nach dem “Wetten dass..?”-Unfall

Zwei Tage ist es her, dass “Wetten dass..?” abgebrochen wurde, weil sich Kandidat Samuel K. bei seiner Wette schwer verletzte, und nach der souveränen Reaktion von Sender und Moderator am Samstagabend jetzt geht auf einmal einiges durcheinander.

Und damit ist keineswegs nur das ätzende Gequassel der vermeintlichen Experten und Politiker gemeint, die von den Journalistenkollegen in den vergangenen Tagen erwartungsgemäß abtelefoniert wurden. Sondern auch der heikle Versuch des ZDF, sich ein Stück weit aus der Verantwortung herauszureden.

Samuel K. hat der “Badischen Zeitung” nach den Proben erzählt, er sei “zweimal schwer gestürzt”. Als noch am Samstagabend davon berichtet wird, versucht das ZDF per Twitter gegenzusteuern:

“Entgegen der verbreiteten Meldung, dass Samuel Koch bei den Proben zweimal schwer gestürzt sei, ist zu sagen, dass er bei den Proben am Donnerstag und Freitag im Studio bei der Landung nach Sprüngen über zwei Autos ins Straucheln gekommen ist und auf Rücken und Gesäß gefallen ist. Danach ist er unverzüglich und unversehrt aufgestanden und hat die Proben in einvernehmlicher Weise fortgesetzt.”

Das ZDF zieht Samuel K.’s eigene Darstellung in Zweifel. Wenn er die Stürze in der Probe aber als “schwer” empfand und der Sender ihn einfach hat weitermachen lassen, liegt ein fataler Einschätzungsfehler seitens der Redaktion vor. Und selbst wenn Samuel K. “nur” auf den Rücken gefallen ist – was genau hätte das ZDF alarmiert, die Wette nicht stattfinden zu lassen? Wenn er schon in den Proben aufs Gesicht gefallen wäre?

Kommentator Christian K. schreibt bei FAZ.NET: “Da springt jemand mit Sprungfedern an den Füßen live im Fernsehen über fahrende Autos und die Teilnehmer der Show WETTEN darauf, ob er es schafft, oder nicht. Wie sollte das NICHTSCHAFFEN denn anders aussehen, als ein Unfall?”

In der “Süddeutschen” sagt Thomas Gottschalk:

“Den Vorwurf, wir hätten unter Konkurrenzdruck eine unverantwortliche Wette ins Programm genommen, möchte und muss ich zurückweisen. Wir hatten immer schon riskante Wetten, ob mit Motorrädern oder auf Skisprungschanzen. Das ist ein Teil des Programms.”

Fakt ist aber auch: In der Sendung sagte Gottschalk noch vor Beginn der Wette, er sei noch nie so besorgt um einen Kandidaten gewesen. Und im Interview mit der “FAZ” ist er selbstkritischer: “Vielleicht hätten wir uns nicht von ihm [dem Kandidaten] überzeugen lassen sollen.” Dass es den Konkurrenzdruck durch RTL nicht gegeben haben soll, ist unglaubwürdig – zumal es Gottschalk ist, der im Vorfeld permanent darüber redete, weil das zu seiner empfindlichen Stelle gehört.

Und wenn es richtig ist, dass auf die Sprungfedernwette eine Motorradstuntwette folgen sollte, spricht auch vieles dafür, dass sich das ZDF sehr wohl besonders anstrengen wollte, ein besonders spektakuläres Gegenprogramm zu bieten.

ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut erklärt auf zdf.de:

“Es wird notwendig sein, die Sicherheitsanforderungen noch einmal zu erhöhen. Wir werden noch mehr auf Sicherheit achten müssen.”

Das scheint überhaupt nicht das Problem gewesen sein, wie aus den Unterlagen zu den Sicherheitsvorkehrungen hervorgeht. Sicherer hätte man diese Wette nicht machen können. Das ist genau das Problem. “Bild” zitiert heute Stuntman Gernot Friedhuber, der sagt: “Kein echter Stuntman hätte diese Wette gewagt. Denn: Bei so einem Sprung gibt es einfach keine Möglichkeit jemanden zu schützen.”

Gottschalk sagt in der “SZ”:

“Ich bin im Redaktionsteam dafür bekannt, dass ich aus den Wetten immer unnötigen Druck herausnehme. (…) In diesem Fall habe ich einen hochmotivierten Kandidaten gehabt, der von sich aus Druck gemacht hat. Wir haben ihm den Druck aber genommen.”

Vielleicht war der Kandidat nicht nur hochmotiviert, sondern übermotiviert. Er wollte das Kunststück fertigbringen, um jeden Preis. In der Show bat ihn Gottschalk flapsig: “Bevor du am Scheibenwischer klebst, brichst du ab.” Und Samuel K. entgegnete: “Das kommt gar nicht in Frage.”

Es geht auch gar nicht so sehr darum, ob es in der Show schon gefährlichere Wetten gab. Wichtiger ist, ob die Verantwortlichen angemessen beurteilen können, ob derjenige, der eine Wette anbietet, ihr auch gewachsen ist oder ob er sich womöglich überschätzt.

In der Livesendung gelang Samuel K. der erste Sprung über einen Smart knapp, den zweiten brach er ab und war danach sichtlich angespannt und nervös – sicher auch wegen des knappen Zeitlimits von vier Minuten, das man hätte weglassen können, um wirklich Druck vom Kandidaten zu nehmen. So wusste K. aber nach dem ersten missglückten Versuch: Die Zeit läuft ihm davon. Wenn er es schaffen will, muss er sich beeilen.

Dazu kommt das Publikum, das ihn im Hintergrund mit lautem Klatschen anfeuerte – K. muss, anders als Gottschalk behauptet, mächtig unter Druck gestanden haben. Das ist die Natur einer Liveshow, keine Frage.

Das Problem ist aber auch: Genau das, dieser Nervenkitzel, Millionen Zuschauer zuhause zu haben und 4000 in der Halle, die einen anfeuern, lässt sich nicht proben.

bisher 13 Kommentare 06. Dezember 2010

Meistbietend zu verkaufen: Glaubwürdigkeit

Manchmal weiß ich nicht so recht, ob ich mich vielleicht an Zeiten erinnere, die es gar nicht gegeben hat. Vielleicht helfen Sie mir deshalb kurz. War es früher einmal so, dass Zeitschriften keine fragwürdigen Deals eingehen mussten, um sich Anzeigen von Werbekunden zu sichern?

Bei “TV Movie”, da bin ich mir relativ sicher, hat es das tatsächlich nie gegeben, jedenfalls nicht in den vergangenen Jahren. Aber dass auch mein Lieblingsprogrammie “TV Spielfilm” inzwischen eine “Kooperation” nach der anderen ins Heft nimmt, ist schade schlimm. Weil ein Kaufargument für “TV Spielfilm” meiner Ansicht nach immer deren Unabhängigkeit war: die Rotzigkeit, mit der die Redaktion Filme bewertete und die kritische Haltung, mit der sich die Kollegen vom Mantelteil mit dem Fernsehen beschäftigen. Beides gibt es auch heute noch. (Und wahrscheinlich ist es ein Zufall, wenn Ausgabe für Ausgabe auf bis zu zwei Seiten tolle Dokus und Reportagen empfohlen werden, die fast ausschließlich bei winzigen Pay-TV-Sendern laufen.) Aber die bereitschaft, “Kooperationen” zuzulassen, scheint mir größer geworden zu sein.

Vor vier Wochen druckte “TVS” bereits ein “Reisespezial mit Gewinnspiel”, in dem acht Bundesländer sich mit bekannten Film- und Fernsehkulissen für einen Urlaub empfahlen. In der aktuellen Ausgabe erscheinen nun “Tolle TAT-Orte für Kurzurlauber” mit “trendigen Zielen”, die es zu besuchen lohnt.

Das sechsseitige “Reisespezial” ist komplett im “TVS”-Layout gedruckt, nur die Texte sind furchtbar. Furchtbar werblich. “Anzeige” steht nicht dabei, nur am Ende in winziger Schrift: “Das Special entstand in Zusammenarbeit mit der Deutsche Zentrale für Tourismus e.V.” In Zusammenarbeit?

Wenige Seiten danach hat die Tourismus-Zentrale mit ihrer Initiative kurz-nah-weg.de eine klar gekennzeichnete Anzeige gebucht, bei der man “auf Spurensuche in Deutschlands Städten” gehen kann, für ein Gewinnspiel anlässlich des Jubiläums “40 Jahre Tatort”, dem “TVS” (außer drei Seiten Berichten) einen eigenen “Top Guide Tatort” widmet, direkt neben der Tourismus-Anzeige und im selben Layout.

Im Programmteil gibt es – neben der “Tatort”-Besprechung vom Sonntag – eine weitere Kooperation, diesmal mit real-onlineshop.de, das (“Kriminell günstig!”) Homevideoequipment zum “Tatort”-Gucken und eine, äh, Waschmaschine zum Kauf empfiehlt (“Für alle, die eine weiße Weste haben!”). Unterstützt und gefördert von – “TV Spielfilm” unter der fantastischen URL www.tvspielfilm-und-realonlineshop.de.

Wahrscheinlich gehöre ich sowieso schon zu den wenigen Unter-50-Jährigen, die überhaupt noch eine Programmzeitschrift abonniert haben, vor allem, weil mein EPG sich per Digitalkabel unfassbar langsam aktualisiert und die “TVS”-Redaktion mit ihren Tagestipps immer noch großartige Arbeit leistet und Sendungen aufstöbert, die sonst bei mir durchs Raster rutschen würden.

Aber ich verstehe die Leute immer besser, die sich nicht nur fragen, warum sie eine Zeitschrift brauchen, die ihnen etwas liefert, das sie im Internet viel aktueller haben können. Sondern auch, warum sie noch Geld dafür bezahlen sollen, dass ein Verlag die Glaubwürdigkeit seiner Redaktion meistbietend verhökert.

Damit wird der Abwärtstrend der blauen Kurve an dieser Stelle nämlich ganz sicher nicht aufzuhalten sein.

bisher 7 Kommentare 15. November 2010


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Es gab schon tausend Medienblogs. Dies war das tausendunderste. (Und ist jetzt geschlossen.)

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